Hyperfokus – mächtig, faszinierend und manchmal unheimlich

Wenn in den sozialen Medien über Neurodiversität gesprochen wird, dann landet Hyperfokus fast immer auf der Haben-Seite. Dort wird er als Superkraft gefeiert, als Turbo für Kreativität, Produktivität und außergewöhnliche Leistungen. Ganz ehrlich: Ich verstehe, warum.

Ohne Hyperfokus hätte ich vermutlich weder zehn veröffentlichte Bücher geschrieben noch mehr als 700 Artikel in diesem Blog veröffentlicht. Ein erheblicher Teil dessen, was ich beruflich erschaffen habe, trägt ziemlich deutlich die Handschrift dieses eigenwilligen Zustands.

Mein Großvater sagte allerdings schon immer, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Damals hielt ich das für einen dieser typischen Sätze älterer Menschen, die man höflich zur Kenntnis nimmt und erst Jahrzehnte später wirklich versteht. Beim Hyperfokus passt dieser Spruch erschreckend gut.

Die glänzende Seite der Medaille

Wenn der Hyperfokus zuschlägt, arbeite ich schnell, effizient und mit einer Ausdauer, die selbst mir manchmal unheimlich ist. Stunden verschwinden spurlos, während Texte entstehen, Konzepte wachsen oder ich mich in Themen eingrabe, die vorher nicht einmal auf meiner persönlichen Interessenliste standen.

Außenstehende staunen regelmäßig darüber, wie tief man sich in eine Materie einarbeiten kann und wie viel Wissen sich innerhalb kurzer Zeit ansammelt. Und ich bin mir sicher, dass es nicht nur mir so geht.

Fast genauso häufig folgt dann die Frage, wie man denn bitte in so vielen unterschiedlichen Themen Kompetenz aufgebaut haben könne. Die etwas unromantische Antwort lautet: Ich suche mir das nicht aus. Mein Gehirn verteilt seine Aufmerksamkeit ungefähr so planbar wie eine Katze ihre Zuneigung. Man freut sich, wenn sie vorbeikommt, aber einen Termin dafür vereinbaren kann man eher nicht.

Die Rückseite wird gerne verschwiegen

Leider interessiert sich der Hyperfokus herzlich wenig dafür, ob gerade ein guter Zeitpunkt ist.

Familie, Termine oder alltägliche Verpflichtungen haben die unangenehme Eigenschaft, mit dem aktuellen Gedankengang zu kollidieren. Das sorgt nicht selten für Konflikte, weil mein Kopf gerade überzeugt ist, dass dieses eine Problem unbedingt jetzt gelöst werden muss, während der Rest der Welt aus unerfindlichen Gründen findet, dass gemeinsames Abendessen ebenfalls Priorität besitzen könnte.

Besonders unerquicklich wird es, wenn mich jemand mitten im Fokus unterbricht. Dann reagiert mein Gehirn manchmal so, als hätte gerade jemand mitten während einer Herzoperation den Stecker der OP-Lampe gezogen.

Rational weiß ich natürlich, dass niemand etwas Böses wollte. Emotional meldet sich jedoch kurz ein innerer Vulkan zu Wort, der mit Impulskontrolle ungefähr so viel anfangen kann wie ein Toaster mit Quantenphysik.

Und dann gibt es noch die Tage, an denen der Körper längst auf müde geschaltet hat, der Hyperfokus aber hartnäckig weitermacht. Pausen sind bei Hyperfokus nicht vorgesehen. Der Kopf dreht sich im Kreis, produziert neue Gedanken, springt von Idee zu Idee und verweigert konsequent jede Form von Feierabend. Spannend ist das durchaus.

Erholsam ist es ungefähr so sehr wie ein Presslufthammer im Schlafzimmer.

Der Schalter fehlt

Falls irgendjemand den Ein- und Ausschalter für Hyperfokus gefunden hat, darf er sich gerne melden. Ich suche ihn seit Jahren. Nach meiner Erfahrung passiert Hyperfokus einfach.

Man kann ihn weder zuverlässig einschalten noch gezielt verlängern oder verkürzen. Mit etwas Glück landet er auf einem Thema, das gerade wichtig ist. Mit etwas Pech investiert das Gehirn mehrere Stunden in eine Fragestellung, nach der niemand gefragt hat und deren Lösung im Alltag ungefähr den praktischen Nutzen einer beheizbaren Zahnbürste besitzt.

Genau deshalb empfinde ich Hyperfokus nicht als Fähigkeit, die sich beliebig einsetzen lässt. Er ist weniger ein bewusstes Wollen als vielmehr ein inneres Müssen. Wenn er da ist, zieht er mich mit. Wenn er ausbleibt, hilft auch das schönste Motivationstraining herzlich wenig.

Superkraft? Ja. Aber mit Gebrauchsanweisung.

Ich möchte den Hyperfokus nicht missen, denn er hat mir unzählige Möglichkeiten eröffnet und einen großen Teil meiner Arbeit überhaupt erst möglich gemacht.

Gleichzeitig halte ich wenig davon, ihn ausschließlich als Superkraft zu feiern. Wer nur die spektakulären Ergebnisse betrachtet, übersieht leicht den Preis, den viele Betroffene dafür bezahlen.

Deshalb zucke ich mittlerweile jedes Mal ein wenig zusammen, wenn Hyperfokus in sozialen Medien ausschließlich glorifiziert wird. Er ist mächtig, faszinierend und manchmal sogar beeindruckend.

Er ist aber ebenso anstrengend, unberechenbar und gelegentlich ausgesprochen unheimlich. Oder anders gesagt: Mein Großvater hatte recht. Jede Medaille hat zwei Seiten – und Hyperfokus bildet da ganz sicher keine Ausnahme.

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