Es gab eine Zeit, da steckte man sich mit Ideen an wie mit einer Erkältung – ungefragt, unvermeidlich, manchmal unangenehm, aber am Ende hatte man etwas davon. Kreativität statt LinkedIn-Skill. Man betrat einen Raum, ohne die Absicht, sich weiterzuentwickeln, und verließ ihn als jemand, der plötzlich anders malte, anders dachte, anders sprach. Niemand hatte das geplant. Es passierte einfach, weil man sich zu oft, zu lange und zu ungefiltert in Gesellschaft von Menschen befand, die einem etwas voraushatten – oder zumindest etwas anderes im Kopf hatten.
Die Künstlergruppe Brücke in Dresden malte, trank und stritt sich gemeinsam durch den Expressionismus, oft im selben Atelier, manchmal sogar im selben Bild – man übermalte sich gegenseitig die Leinwände, wenn man der Meinung war, es ginge noch kräftiger, noch grober, noch ehrlicher. Der Blaue Reiter in München bewies, dass man auch mit Pferdemotiven eine ganze Weltanschauung verkaufen kann, solange man zu mehreren daran glaubt und sich nicht scheut, öffentlich unterschiedlicher Meinung zu sein, wer nun der eigentliche Visionär der Gruppe ist.
In Zürich gründete sich das Cabaret Voltaire, wo Dadaisten den Unsinn zur Kunstform erhoben – kollektiv, laut, betrunken, und ohne einen einzigen Business-Case dafür vorzulegen. Es war lautstarker Widerstand gegen eine Welt, die gerade im Ersten Weltkrieg unterging, formuliert von Leuten, die sich gegenseitig auf offener Bühne die Texte aus der Hand rissen.

Später, in New York, verwandelte Andy Warhol seine Factory in einen Ort, an dem Filmemacher, Musiker, Models und Exzentriker aller Art aufeinanderprallten, als wäre Kreativität eine ansteckende Krankheit, die man am besten in möglichst großer, möglichst schräger Gesellschaft durchmacht. Die Band The Velvet Underground entstand praktisch im Vorbeigehen, weil zufällig die richtigen Leute im selben Loft herumstanden. Genau das war der Punkt: Man traf sich nicht, um sich zu vernetzen. Man traf sich, weil man ohne die anderen schlechter wurde – oder zumindest eintöniger, langweiliger.
Kollektive Ansteckung statt kuratierter Kontakte
Der Unterschied zwischen damals und heute lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Früher steckte man sich mit einer Idee an, ohne es zu merken. Man ging abends müde ins Bett und wachte morgens mit einem fremden Gedanken im Kopf auf, den man tags zuvor noch vehement abgelehnt hatte. Heute trägt man Kollaboration wie ein Abzeichen – sichtbar, dokumentiert, mit drei Empfehlungen von Kollegen versehen und garniert mit einem Hashtag, der die eigene Teamfähigkeit unterstreicht.
Die Wiener Werkstätte etwa brachte Architekten, Silberschmiede und Grafiker zusammen, nicht weil es gut fürs Portfolio aussah, sondern weil eine Vase eben besser wurde, wenn drei Leute unterschiedlicher Meinung waren, wie sie auszusehen hat. Man stritt über Proportionen, über Materialien, über die Frage, ob Ornament nun Verbrechen oder Notwendigkeit sei – und am Ende stand ein Objekt, das keiner der Beteiligten allein hätte entwerfen können. Ähnlich das Bauhaus, wo Weber, Architekten und Maler unter einem Dach lebten, aßen und arbeiteten, bis die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwammen und niemand mehr sagen konnte, ob eine Idee nun aus der Tischlerei oder der Malklasse stammte.
Auch in England traf sich mit der Bloomsbury Group ein loser Verbund von Schriftstellern, Ökonomen und Malern regelmäßig zum Tee – und zerlegte dabei nicht nur Kuchen, sondern auch die literarischen und gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit. Virginia Woolf schrieb nicht im luftleeren Raum, sondern im ständigen Reibungsfeld mit Menschen, die anderer Meinung waren als sie, und genau diese Reibung findet sich in der Kompromisslosigkeit ihrer Sprache wieder.
Diese Reibung – das gegenseitige Infizieren mit Geschmack, Wut, Begeisterung – war kein Zufallsprodukt der Kunstgeschichte, sondern ihre eigentliche Produktionsmethode. Man kann sich schwer vorstellen, dass jemand aus der Brücke seine Mitstreiter als „Key Contacts“ bezeichnet hätte, oder dass Virginia Woolf am Ende eines Nachmittags in Bloomsbury eine Empfehlung für „ausgezeichnete Zusammenarbeit“ hinterlassen hätte.
Black Mountain College: Das Experiment als Lebensform
Ein besonders radikales Beispiel für diese Ansteckungslogik war das amerikanische Black Mountain College in North Carolina. Dort unterrichteten und lernten Choreografen, Komponisten, Maler und Dichter buchstäblich unter demselben Dach, ohne feste Stundenpläne, dafür mit der festen Überzeugung, dass Kunstformen sich gegenseitig befruchten müssen, um überhaupt lebendig zu bleiben. Der Komponist John Cage traf dort auf den Tänzer Merce Cunningham, der Maler Robert Rauschenberg auf beide – und aus diesen Begegnungen entstanden Werke, die keiner der Beteiligten allein hätte denken können.
Das Prinzip war denkbar einfach und heute fast unvorstellbar radikal: Man ging nicht hin, um sein eigenes Projekt voranzutreiben, sondern um sich verändern zu lassen. Wer das College verließ, war nicht mehr derselbe, der angekommen war. Genau das unterscheidet eine Künstlerkolonie von einem modernen Coworking-Space, in dem jeder mit Kopfhörern an seinem eigenen Laptop sitzt und höchstens beim Mittagessen kurz über die Wetterlage spricht.
LinkedIn-Skill: Kollaboration ohne Ansteckungsgefahr
Heute ist „Teamfähigkeit“ ein Skill, den man sich bestätigen lässt, so wie früher jemand bestätigte, dass man mit dem Degen umgehen kann. Man sammelt Endorsements für Zusammenarbeit, ohne sich je die Finger schmutzig gemacht zu haben, ohne je eine Nacht durchdiskutiert zu haben, ohne je öffentlich zugeben zu müssen, dass die eigene Idee schlechter war als die des Sitznachbarn. Die moderne Variante der Künstlerkolonie ist der Coworking-Space mit Kombucha am Empfang und Pflanzen, die aussehen, als wären sie eigens für Instagram gezüchtet worden – Menschen sitzen nebeneinander, aber jeder optimiert sein eigenes Projekt, sein eigenes Profil, seine eigene Reichweite.
Das paradoxe Ergebnis: Nie war es einfacher, sich zu vernetzen, und nie war es seltener, sich tatsächlich anzustecken. Ein Kommentar unter einem Beitrag ersetzt keinen Streit am Küchentisch einer Wohngemeinschaft in Montmartre. Ein „Interessant!“ unter einem Post hat noch niemanden zum Kubismus getrieben, und ein „Glückwunsch zum neuen Projekt!“ hat noch nie eine Band gegründet.
Es ist auch eine Frage der Geschwindigkeit. Networking-Plattformen sind auf schnelle, oberflächliche Bestätigung ausgelegt – ein Klick, ein Herz, ein kurzer Kommentar, weiter zum nächsten Beitrag. Künstlerkolonien dagegen lebten von der Langsamkeit: von Abenden, die sich hinzogen, von Streitgesprächen, die niemand nach fünf Minuten beendete, weil der Algorithmus schon den nächsten Reiz bereithielt. Kreativität, so scheint es, braucht Zeit zum Anstecken – so wie ein echter Schnupfen auch nicht nach einem flüchtigen Handschlag ausbricht, sondern nach Stunden im selben stickigen Raum.
Warum die Immunität gegen Kunst wächst
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Je mehr wir uns vernetzen, desto immuner werden wir gegen echte Ansteckung. Der Algorithmus zeigt uns, was wir schon mögen, nicht, was uns verändern könnte. Die Künstlerkolonie dagegen war ein Ort ohne Filter – man saß am selben Tisch wie jemand, der einen für talentlos hielt, und musste sich damit auseinandersetzen, statt ihn einfach zu entfolgen oder stummzuschalten.
Diese Reibung fehlt heute an vielen Stellen. Und mit ihr fehlt auch das Risiko, sich tatsächlich zu irren, öffentlich zu scheitern, sich von jemandem umstimmen zu lassen, der einem eigentlich unangenehm ist. Ein LinkedIn-Skill kann man sich nicht wegnehmen lassen, er bleibt tapfer im Profil stehen, auch wenn man ihn nie wirklich unter Beweis gestellt hat. Eine überzeugende Idee dagegen, die einem im Streit mit einem Kollegen ausgeredet wird, verschwindet – und genau das war früher der Sinn der Sache: dass nicht jede Idee überlebt, sondern nur die, die der Reibung standhält.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt, den man in der heutigen Kreativbranche gut beobachten kann: die Angst vor dem Verwässern der eigenen Marke. Wer sich zu sehr mit anderen vermischt, läuft Gefahr, nicht mehr klar erkennbar zu sein – und Erkennbarkeit ist in einer Aufmerksamkeitsökonomie oft wichtiger als Qualität. Die Künstler von damals hatten diese Sorge in dieser Form nicht. Wer mit Picasso zusammenarbeitete, wurde nicht automatisch unsichtbarer, sondern Teil einer Bewegung, die größer war als jeder Einzelne von ihnen. Heute dagegen wird Zusammenarbeit oft erst dann eingegangen, wenn beide Seiten vertraglich sichergestellt haben, wer am Ende welchen Anteil des Ruhms bekommt.
Deutsche Spielarten: Vom Ostfriesennerz zum Rockpoeten
Auch im deutschsprachigen Raum gab es diese Form der Ansteckung, wenn auch selten unter dem klassischen Etikett der Künstlerkolonie. Otto Waalkes entwickelte seinen Humor nicht im stillen Kämmerlein, sondern im ständigen Austausch mit einer Comedy-Szene, die sich gegenseitig Pointen abluchste und weiterentwickelte, bis daraus eine ganz eigene, unverkennbare Ostfriesen-Ironie wurde. Udo Lindenberg paarte Rock ’n’ Roll mit Poesie, weil er sich in Kreisen bewegte, in denen Musiker, Maler und Dichter nebeneinander an der Bar standen und sich gegenseitig herausforderten, wer die schärfere Zeile zustande bringt. Marius Müller-Westernhagen wiederum mischte mit seiner rauen Stimme und noch raueren Texten eine Musiklandschaft auf, die von genau diesem ständigen Kontakt zwischen Rockmusik, Kabarett und Straßenpoesie lebte.
Was diese Beispiele verbindet, ist nicht die Ästhetik – die könnte unterschiedlicher kaum sein –, sondern die Tatsache, dass keiner von ihnen in kompletter kreativer Isolation gearbeitet hat. Sie waren Teil von Szenen, in denen man sich gegenseitig auf die Probe stellte, kopierte, übertraf und manchmal auch einfach nur gemeinsam betrunken auf der Bühne stand. Genau diese Szenen sind es, die heute zunehmend durch kuratierte Online-Präsenzen ersetzt werden, in denen jeder Künstler sein eigenes kleines Königreich verwaltet, statt sich in ein chaotisches gemeinsames Terrain zu begeben.
Gibt es noch Orte, an denen man sich ansteckt?
Ein paar schon. Dort, wo Menschen sich noch die Zeit nehmen, gemeinsam an einer Sache zu scheitern, statt sie einzeln zu perfektionieren. In manchen Ateliergemeinschaften, in kleinen unabhängigen Musiklabels, in Werkstätten, in denen niemand ein Meeting dafür ansetzt, ob man zusammenarbeiten will, sondern es einfach tut, weil der Kaffee sowieso schon kalt wird. In Berlin gibt es nach wie vor Häuser, in denen Bildhauer, Musiker und Schriftsteller Tür an Tür arbeiten und sich gegenseitig über den Flur hinweg beschimpfen oder loben, je nachdem, wie der Tag gerade läuft. Auch in kleineren Städten, fernab der großen Kunstmärkte, entstehen immer wieder informelle Gruppen, die sich bewusst dem Diktat der Selbstvermarktung entziehen.
Interessanterweise sind es oft gerade die Orte ohne festen Namen und ohne offizielle Webseite, die diese alte Ansteckungslogik am ehesten bewahren – vielleicht, weil sie unter dem Radar der Aufmerksamkeitsökonomie bleiben und sich dadurch der Zwang zur ständigen Selbstdarstellung erübrigt. Wo niemand zusieht, kann man sich auch eher blamieren, ausprobieren, revidieren – all das, was echte Kreativität am Leben hält.
Vielleicht beginnt die nächste Künstlerkolonie also nicht mit einem Vertrag oder einem gemeinsamen Kalendereintrag, sondern schlicht damit, dass zwei Leute im selben Raum etwas ausprobieren, von dem noch keiner weiß, ob es funktioniert – und dass sie bereit sind, dabei auch mal komplett danebenzuliegen, ohne dass es sofort dokumentiert, gerankt oder in ein Portfolio überführt wird.
Was ich mir wünsche
Ich gebe zu: All das ist nicht nur historische Betrachtung, sondern auch persönliche Sehnsucht. Ich selbst wünsche mir einen Ort, an dem es diese Reibung gibt – einen Ort, an dem das Klopfen eines Bildhauers auf Stein sich mit dem leisen Streichen von Farbe auf raschelndem Papier mischt, während nebenan jemand Geige oder Cello übt und die Töne mal sauber, mal quälend schief durch die Wände dringen. Was eigentlich nur Störgeräusche sind – das Kratzen, das Kratzen, das Stimmen eines Instruments, das Fluchen über einen misslungenen Pinselstrich –, würde meine Gedanken auf Reisen schicken, die ich am eigenen Schreibtisch nie angetreten hätte. Nicht trotz des Lärms, sondern wegen ihm.
Ich wünsche mir Kritik, die wehtut, weil sie ehrlich gemeint ist. Ich wünsche mir kalten Kaffee, der in der Tasse steht, weil das Gespräch wichtiger war als das Trinken. Vielleicht auch ein Glas Rotwein am späteren Abend, wenn die Diskussionen ohnehin schon lauter und ehrlicher werden. Ich wünsche mir spannende Auseinandersetzungen, in denen ich nicht recht behalte, und völlig neue Gedanken, Themen und Fragen, auf die ich allein nie gekommen wäre. Kurz gesagt: Ich wünsche mir genau die Art von Ansteckung, von der dieser Text die ganze Zeit spricht – nicht als Konzept, sondern als Raum, den man betreten kann.
Ein Plädoyer für die Ansteckung
Bis dahin bleibt der LinkedIn-Skill, was er ist: eine Bestätigung, keine Ansteckung. Ein Zertifikat für etwas, das eigentlich gar nicht zertifizierbar ist, weil es sich im Moment des Zusammenseins ereignet und danach schwer in Worte, geschweige denn in einen Punktestand zu fassen ist. Die Geschichte der Künstlerkolonien zeigt, dass die besten Ideen selten am Schreibtisch allein entstanden sind, sondern im Widerspruch, im Gespräch, im gemeinsamen Scheitern und gelegentlichen Triumph.
Wer heute wirklich kreativ sein will, könnte also weniger Zeit mit dem Pflegen des eigenen Profils verbringen und mehr Zeit damit, sich in Gesellschaft von Menschen zu begeben, die einem widersprechen. Nicht, weil das angenehm wäre – es war es auch früher selten –, sondern weil genau in dieser Reibung das Feuer entsteht, das ein einzelner Algorithmus niemals liefern kann. Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, wie man die nächste Künstlerkolonie gründet, sondern wie man den Mut aufbringt, sich wieder anstecken zu lassen – ganz ohne Impfschutz durch Personal Branding.
Dazu gehört auch, eine gewisse Kontrolle abzugeben. Die Künstler von Worpswede oder der Wiener Werkstätte wussten am Beginn eines gemeinsamen Projekts oft nicht, wo es enden würde – und genau diese Unsicherheit war Teil des Reizes. Wer heute ein Kollaborationsprojekt startet, hat meist schon ein fertiges Briefing, ein Zeitfenster und eine Erfolgsmetrik im Kopf, bevor der erste Satz gefallen ist. Damit ist der Ausgang praktisch vorweggenommen, und genau das nimmt der Zusammenarbeit ihre eigentliche Kraft: die Möglichkeit, von der eigenen Idee überrascht zu werden.
Es geht also nicht darum, romantisch in eine Zeit vor dem Internet zurückzukehren, in der man angeblich authentischer gelebt und gearbeitet hat. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass Ansteckung – im positiven, kreativen Sinn – Nähe, Zeit und ein gewisses Maß an Kontrollverlust braucht. Diese drei Zutaten lassen sich nicht durch ein Netzwerk aus tausend losen Kontakten ersetzen, so beeindruckend die Reichweite auf dem Papier auch aussehen mag. Am Ende zählt nicht, wie viele Menschen einen Beitrag mit einem Herzchen versehen haben, sondern ob wenigstens einer von ihnen einen dazu gebracht hat, die eigene Arbeit noch einmal von vorn zu beginnen.
Weiterlesen & Vertiefen
- Künstlerkolonien – Überblick über Geschichte und bekannte Beispiele.
- Die Brücke – Wie eine Künstlergruppe den Expressionismus prägte.
- Black Mountain College – Das radikalste Bildungsexperiment der Kunstgeschichte.
- Cabaret Voltaire – Geburtsort des Dadaismus.