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Opportunitätskosten der Automatisierung – Wenn der Mensch sich selbst wegrationalisiert

Es ist die große Verheißung der Gegenwart: Maschinen, Algorithmen, Skripte – alles, was sich wiederholt, soll gefälligst automatisiert werden. Der Mensch, so der Traum, müsste sich nur noch um das kümmern, was „wirklich wichtig“ ist. Seine Kreativität. Seine Innovation. Seine wertschöpfenden Ideen. Klingt wunderbar. Und funktioniert in der Theorie genauso gut wie die Vorstellung, dass man ohne Schlaf produktiver wird.

Heise nennt sie den Megatrend der Arbeitswelt. Doch bei näherem Hinsehen ist diese Einschätzung bestenfalls halbwahr. Denn was wir dabei gern übersehen: Automatisierung hat nicht nur Kosten in Form von Entwicklung, Wartung und Implementierung – sie hat vor allem Opportunitätskosten. Und die sind geistiger Natur.

Routine als geistige Regeneration

Wiederholung ist in Verruf geraten. „Routinearbeit“ klingt nach Stillstand, nach Langeweile, nach Sinnlosigkeit. Dabei war sie seit jeher das Rückgrat menschlicher Arbeit – vom Bauern über den Handwerker bis hin zum Angestellten in der Verwaltung. Sie gab Struktur, Stabilität, und ja: Erholung. Denn wer immer nur kreativ sein muss, wird irgendwann leer.

Henry Ford ließ seine Arbeiter am Fließband dieselben Handgriffe tausendfach wiederholen. Sie litten an vielem, aber nicht an Burnout. Den gab es erst, als Arbeit zu einer mentalen Dauerleistung wurde, die keine Pausen mehr kannte, weil man immer „weiterdenken“ sollte. Heute gilt Burnout fast als Statussymbol: Der Beweis, dass man sich reinhängt. Dass man brennt – und deshalb ausbrennt.

„Man kann zwar schneller arbeiten, aber nicht schneller denken.“ Wer diesen Satz beherzigt, erkennt: Unser Gehirn ist kein Prozessor, sondern ein Muskel. Und Muskeln wachsen durch Belastung, ja – aber durch Ruhe noch mehr. Automatisierung nimmt uns genau diese Pausen, indem sie vorgibt, Befreiung zu schaffen – während sie uns in Dauerinnovation zwingt.

Kreativität als Opfer der Effizienz

Kreativität – oder, wie Ökonomen sie nennen würden, Geistesarbeit mit unvorhersehbarem Output – braucht Leerlauf. Sie braucht Routinen, die man im Halbschlaf abschließt, um in der Zwischenzeit neue Muster zu sehen. Doch die Automatisierung will Leerlauf eliminieren. Sie will Prozesse optimieren, Engpässe vermeiden, produktive Zeiten maximieren. Das klingt modern – und bedeutet in Wahrheit: Wir schaffen uns selbst als denkende Wesen ab.

Jede kreative Idee, jede Innovation hat Opportunitätskosten. Sie braucht Zeit, in der nichts „produktiv“ geschieht. Doch das passt nicht in Excel. Unternehmen messen Output, nicht Abstand. Dabei müsste man endlich lernen, in die Bewertung von Produktivität auch die Opportunitätskosten der Kreativität einzurechnen: den Preis der Pause, den Wert des Nachdenkens, den Gewinn durch das Nichtstun.

Die moderne Arbeitswelt verwechselt Effizienz mit Intelligenz. Ein Mensch, der nichts zu tun hat, gilt als ineffizient – dabei ist er vielleicht gerade auf dem Sprung zur besten Idee seines Lebens.

Automatisierung als Mythos der Befreiung

Die großen Versprechen der Automatisierung klingen vertraut: Weniger Arbeit, mehr Zeit für Wesentliches. Doch die Realität ist eine andere. Wer automatisiert, füllt die frei gewordene Zeit selten mit Muße. Stattdessen wird sie mit neuen Aufgaben zugemüllt – Meetings, Konzeptarbeit, Statusupdates. Der Mensch nutzt freie Zeit nicht zum Denken, sondern zum Beschleunigen.

Ich habe an anderer Stelle bereits über die Rationalisierung durch KI geschrieben. Der Gedanke ist ähnlich: Automatisierung vernichtet nicht nur Jobs – sie verschiebt das Verhältnis von Arbeit und Bedeutung. Der Mensch wird Beobachter einer Maschine, die besser, schneller, präziser funktioniert – und sich dennoch dumm stellt, sobald es um Urteilskraft oder Ethik geht.

Das Fatale: Wir gewöhnen uns daran, dass die Maschine Entscheidungen vorbereitet, die wir dann nur noch bestätigen. Nicht weil wir ihr glauben, sondern weil wir ihr Tempo nicht mehr mitgehen können.

Wenn Produktivität menschliche Maßstäbe verliert

Produktivität ist ein gutes Beispiel für einen Begriff, der sich gegen uns gewendet hat. Ursprünglich bedeutete er schlicht: etwas hervorbringen. Heute ist Produktivität eine Kennzahl, ein Fetisch, ein religiöses Dogma der Wirtschaft. Alles muss schneller, günstiger, effizienter sein. Selbst der Mensch.

In keinem Managementbuch steht, dass eine produktive Woche manchmal diejenige ist, in der nichts passiert. In der man nur beobachtet, sich langweilt, schweigt. Aber genau das braucht Kreativität. Und genau das verhindert eine Kultur, die Automatisierung als Fortschritt begreift, ohne sie im Kontext menschlicher Erfahrung zu sehen.

Wir haben uns vom Werkzeug zur Werkzeuggewalt treiben lassen. Wo früher Technik diente, diktiert sie heute. Und wir – getrieben von OKRs und KPIs – machen mit, weil es als rational gilt.

Die Rückkehr des Menschentakts

Vielleicht sollten wir den Begriff „Automatisierung“ durch einen ehrlicheren ersetzen: Selbstabschaffung durch Effizienz. Denn der Mensch definiert sich durch Tätigkeit – und nicht durch ihr bloßes Ergebnis. Wenn wir alles automatisieren, bleibt vom Tätigsein nur das Zuschauen. Der Rest ist Datenflimmern.

Doch es gibt Hoffnung: Eine neue Generation von Kreativen, Entwicklern, Handwerkern – und auch Denkern – erkennt wieder den Wert der analogen Wiederholung. Handwerkskaffee statt Kapselmaschine. Schreibmaschine statt Sprachmodell. Spaziergang statt Kalenderblock. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus Vernunft: Weil sie spüren, dass echte Gedanken anders entstehen als durch Automation.

Wir müssen Routinen zulassen, um unsere Kreativität zu bewahren. Wir müssen Arbeit wieder als zyklischen, nicht als linearen Prozess begreifen. Und wir müssen anerkennen, dass Fortschritt nur dort geschieht, wo Menschen aufhören, ihn pausenlos erzwingen zu wollen.

Fazit: Der Mensch als analoger Luxus

Automatisierung ist kein Teufelswerk. Aber sie ist auch kein Heilsbringer. Ihr Preis liegt in der Unsichtbarkeit dessen, was sie verdrängt: die menschliche Erfahrung des Tuns, des Rhythmus, der Wiederholung. Ihre Opportunitätskosten sind nicht nur ökonomischer, sondern existenzieller Natur.

Wenn wir das nächste Mal eine Routine automatisieren – sei es eine Mail, ein Algorithmus oder eine Buchung –, sollten wir uns fragen: Was verlieren wir dadurch an Gelegenheit, uns selbst zu begegnen?

Oder wie Lessing vielleicht gesagt hätte: Die Wahrheit liegt nicht im Fortschritt, sondern in der Art, wie wir ihn ertragen.

Verweise: Dilemma KI, Maschinenmoral, Denkpausen

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