Alt werden ist keine Leistung, es passiert einfach. Wie man altert, ist hingegen eine Charakterfrage. Manche Männer gewinnen mit den Jahren an Gelassenheit, Güte und Weisheit. Andere hingegen entwickeln eine wachsende Wut auf eine Welt, die sich nicht mehr nach ihrem Willen richtet. Sie schimpfen auf „die Jugend“, „die da oben“ oder einfach auf alles, was ihnen fremd geworden ist.
Sie erklären Fortschritt für Unsinn und Veränderungen für einen Fehler. Dabei wäre das Alter eigentlich eine Zeit, in der man Dinge klarer sehen könnte – wenn man sich nicht mit Händen und Füßen dagegen wehren würde. Was reift im Alter: Ego schneller als Weisheit?
Von Trump bis Gottschalk: Die Verbitterten und die Weitsichtigen
Wer in der Politik nach wütenden alten Männern sucht, wird schnell fündig.
Donald Trump wirkt mit fast 80 Jahren nicht wie ein Elder Statesman, sondern wie ein beleidigtes Kleinkind mit einem Twitter-Account (oder was davon übrig ist). Er tobt gegen eine Realität, die ihn längst überholt hat, hält sich für den Einzigen, der noch die Wahrheit kennt, und kann schlicht nicht akzeptieren, dass er in einer Welt lebt, die sich nicht mehr um ihn dreht.
Friedrich Merz ist ein anderes Beispiel. Er hatte Jahrzehnte Zeit, sich mit den Veränderungen der Gesellschaft anzufreunden, doch statt anzuerkennen, dass Deutschland heute diverser, digitaler und moderner ist als in den 80ern, klingt er immer wieder wie ein Unternehmensberater, der nicht versteht, warum sich „die jungen Leute“ nicht einfach ein Reihenhaus und eine Lebensversicherung leisten. Die Realität passt nicht zu seinem Weltbild – also muss die Realität falsch sein.
Wladimir Putin wiederum ist die gefährlichste Form des wütenden alten Mannes. Einer, der aus einer tiefen Verbitterung heraus handelt, weil er nicht ertragen kann, dass sein Land nicht mehr die Weltmacht ist, die es in seiner Jugend war. Statt die Zukunft zu gestalten, führt er einen Krieg für eine Vergangenheit, die nie wiederkommt.
Doch nicht nur in der Politik findet man dieses Phänomen.
Thomas Gottschalk, einst der lässige Entertainer, poltert heute gegen „politische Korrektheit“ und verpasst die Gelegenheit, seinen Ruhestand mit Würde zu genießen. Marcel Reich-Ranicki war Zeit seines Lebens brillant, aber auch gnadenlos vernichtend, wenn er etwas nicht verstand – eine Haltung, die ihn am Ende weltfremd erscheinen ließ.
Es gibt aber auch die anderen.
Helmut Schmidt war ebenso meinungsstark wie diese Männer, aber er verpackte seine Ansichten in kluge Gedanken, statt sich über die Dummheit der Jugend zu beklagen. Aber auch an ihm gingen die Jahre nicht spurlos vorbei und manifestierten übertriebene Selbstsicherheit und Züge von Unfehlbarkeit.
Loriot hat die Veränderungen des Alltags beobachtet und in humorvolle, zeitlose Kunst verwandelt, statt sie zu verurteilen. Er hat verstanden, dass das Alter nicht bedeutet, dass man die Wahrheit für sich gepachtet hat, sondern dass es eine Chance ist, klüger zu werden.
Erfahrung oder Weltfremdheit? Die Wahl des Alters
Was unterscheidet die einen von den anderen? Warum werden manche Männer mit den Jahren milder und weiser, während andere immer verbohrter und unzufriedener wirken?
Der Unterschied liegt in der Fähigkeit, sich selbst und die Welt kritisch zu hinterfragen. Weisheit entsteht nicht nur durch das Sammeln von Erfahrungen, sondern auch durch die Demut, zu erkennen, dass nicht jede eigene Erfahrung allgemeingültig ist.
Ein Mensch, der glaubt, dass seine Zeit die einzig richtige war, wird zwangsläufig zum wütenden alten Mann. Wer aber akzeptiert, dass jede Generation ihre eigenen Herausforderungen hat und dass Fortschritt nicht aufzuhalten ist, kann das Alter mit Würde annehmen.
Die Welt verändert sich. Sie wird digitaler, diverser, schneller. Manche Männer begreifen das als Bedrohung. Sie glauben, dass früher alles besser war – doch oft war nur früher ihr eigener Platz in der Welt sicherer. Wer mit dieser Unsicherheit nicht umgehen kann, reagiert mit Wut. Doch Wut ist kein Zeichen von Stärke. Sie ist der Schrei derer, die nicht akzeptieren können, dass sie nicht mehr das Zentrum des Universums sind.
Die Zukunft gehört den Gelassenen
Ob ein Mann im Alter klüger oder nur lauter wird, liegt an ihm selbst. Die Gesellschaft wird sich weiterentwickeln – mit oder ohne ihn. Die Frage ist, ob er sich in dieser neuen Welt zurechtfindet oder ob er nur noch aus sicherer Entfernung über sie meckert. Die Wahl ist einfach: Man kann sich dem Fortschritt stellen, ihn mitgestalten und dabei vielleicht noch etwas Neues lernen. Oder man kann sich in seine Wut zurückziehen und hoffen, dass die Welt sich doch noch nach den eigenen Vorstellungen richtet.
Die schlechte Nachricht für die Wütenden: Das wird nicht passieren. Die gute Nachricht für alle anderen: Sie müssen diesen Männern nicht zuhören.