Gewinnmaximierung – Lähmender Optimierungswahn

Die Gewinnmaximierung gilt als unantastbares Dogma der modernen Wirtschaft. Doch was, wenn der blinde Drang zur Effizienzsteigerung Unternehmen in eine Lähmung treibt? Wenn Prozesse so sehr optimiert werden, dass sie ihre eigentliche Funktion verlieren und mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen? Ein Paradebeispiel hierfür sind überbordende Bewerbungsprozesse, die nicht nur Bewerber abschrecken, sondern auch enorme verborgene Kosten verursachen.

Der Optimierungsfallstrick: Wenn Effizienz zur Dysfunktion wird

Prozessoptimierung ist grundsätzlich sinnvoll. Doch es gibt einen Punkt, an dem der Nutzen marginal wird und die Risiken überproportional steigen. Unternehmen, die nur noch auf Kostenminimierung und Risikovermeidung setzen, laufen Gefahr, ihre Agilität und Innovationskraft zu verlieren. Der Fokus auf kurzfristige Gewinne blendet oft langfristige Risiken wie Qualitätsverluste, Innovationsstau und hohe Fluktuation aus.

Besonders deutlich wird dies im Recruiting. Hier führt der Drang, das perfekte Matching zu finden, zu absurden Szenarien: zig Vorstellungsrunden, endlose Assessments und Entscheidungsgremien, die aus Dutzenden Teilnehmern bestehen. Was als Absicherung gegen Fehlbesetzungen gedacht ist, wird zum Selbstzweck – und schadet dem Unternehmen am Ende mehr, als es eine suboptimale Einstellung je gekonnt hätte.

Die Shareholder-Value-Doktrin und ihre Folgen

Die Wurzeln dieses Denkens liegen in der Shareholder-Value-Doktrin, die maßgeblich vom Ökonomen Milton Friedman geprägt wurde. In seinem berühmten Essay von 1970 argumentierte er, dass die soziale Verantwortung von Unternehmen allein darin bestehe, ihre Gewinne zu steigern. Diese Doktrin dominiert die klassische Betriebswirtschaftslehre bis heute, doch ihre negativen Auswirkungen sind längst bekannt: kurzfristige Orientierung, falsche Anreizsysteme für Manager, Zurückhaltung von Investitionen und permanenter Lohn- und Kostendruck.

Die Friedman-Doktrin wurde zur moralischen Leitlinie für Unternehmenslenker. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass Profitmaximierung weder gut für die Gesellschaft noch langfristig für die Shareholder selbst ist. Die Konsequenzen zeigen sich in sozialer Ungleichheit, Umweltzerstörung und eben jener Überoptimierung, die Unternehmen in ihrer Handlungsfähigkeit lähmt.

Bewerbungsprozesse im Overkill: ATS, Assessments und die Jagd nach dem perfekten Kandidaten

Applicant Tracking Systeme sollten den Bewerbungsprozess beschleunigen und effizienter gestalten. In der Praxis führen sie jedoch oft zu einer Entmenschlichung des Recruiting. Algorithmen sortieren Lebensläufe nach Keywords, qualifizierte Kandidaten fallen durch das Raster, und der menschliche Blick für Potenzial geht verloren. Die Automatisierung, die Entlastung bringen sollte, wird zum Flaschenhals.

Diese Systeme mögen Personalverantwortlichen Zeit sparen, bergen aber das Risiko einer systematischen Diskriminierung, die oft unbemerkt bleibt. Sie reproduzieren bereits bestehende diskriminierende Muster, verschärfen diese oder schaffen neue Formen der Benachteiligung. Besonders hart trifft es Quereinsteiger, ältere Arbeitnehmer und Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen, die über wertvolle praktische Erfahrung verfügen, aber durch das engmaschige Raster der Algorithmen fallen.

Die Entmenschlichung des Bewerbungsprozesses

Eines der größten Probleme bei der Verwendung von ATS ist die mangelnde Transparenz im Bewerbungsprozess. Bewerber werden nach tangiblen Kriterien wie Diplomen und Jahren der Erfahrung bewertet, während Soft Skills wie Adaptabilität, Kreativität und Teamfähigkeit vernachlässigt werden. Das Ergebnis: Unternehmen riskieren, Talente zu übersehen, die nicht den vorgegebenen Mustern entsprechen, aber wertvolle Kompetenzen mitbringen.

Die Ironie: Während über Fachkräftemangel geklagt wird, sortieren Maschinen qualifizierte Kandidaten gnadenlos aus. Sich von einer Maschine, die in Millisekunden über berufliche Schicksale entscheidet, aussortieren zu lassen, ist für Bewerber dehumanisierend und schädigt das Image des Unternehmens nachhaltig. Die Entscheidung basiert nicht auf Kompetenz, Erfahrung oder Persönlichkeit, sondern auf der algorithmischen Kompatibilität eines Lebenslaufs.

Zig Vorstellungsrunden: Der Prozess als Selbstzweck

Dazu kommen die berühmten zig Vorstellungsrunden. Ein Bewerber durchläuft ein Assessment, mehrere Einzelgespräche, ein Panel-Interview, ein Cultural-Fit-Meeting und ein Abschlussgespräch mit der Geschäftsführung. Jede Runde bindet interne Ressourcen, Zeit, die in der eigentlichen Arbeit fehlt. Und am Ende wird oft doch niemand eingestellt.

Die Benchmark-Studie zu Recruiting-Strukturen zeigt: Im Durchschnitt betreut ein Recruiter 19 Positionen gleichzeitig, im Jahr sind es 40 Stellen. Für die Sichtung des Bewerbungseingangs planen 20 Prozent circa 60 Minuten ein, 13 Prozent benötigen sogar zwei Stunden. Bei multiplen Interviewrunden summiert sich dieser Aufwand exponentiell.

Warum so viele Runden kontraproduktiv sind

Die Frage, wie viele Interviewrunden optimal sind, wird in der Praxis oft falsch beantwortet. In einem Bewerbermarkt, in dem Fachkräfte mehrere Angebote haben, entscheiden sich Top-Talente oft gegen Unternehmen mit endlosen Auswahlprozessen. Die Time-to-Hire, also die Dauer von der Ausschreibung bis zur Besetzung einer Stelle, ist ein kritischer Faktor. Dauert der Recruiting-Prozess regelmäßig länger als geplant, besteht dringender Handlungsbedarf.

Die falsche Handhabung von automatisierten Bewerber-Screenings kann schwerwiegende Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit des Bewerbungsfunnels haben. Unternehmen riskieren nicht nur Reputationsverluste, sondern verpassen qualifizierte Talente, was sich negativ auf die Vielfalt und letztlich auf die Leistungsfähigkeit des Unternehmens auswirkt.

Die vergessenen Kosten: Opportunitätskosten im Recruiting

Hier liegt der eigentliche Skandal: Die direkten Kosten für Recruiting-Tools und HR-Personal werden akribisch getrackt. Die Opportunitätskosten jedoch bleiben unsichtbar und werden systematisch ignoriert.

Überlastung des bestehenden Personals

Wenn eine Stelle monatelang unbesetzt bleibt, muss die Arbeit von jemandem erledigt werden. Das bestehende Team übernimmt die zusätzlichen Aufgaben, oft ohnehin schon am Limit. Die Folge: Überlastung, sinkende Produktivität und im schlimmsten Fall Burnout.

Studien belegen: 76 Prozent der Mitarbeiter in Unternehmen mit akutem Personalmangel müssen zusätzliche Aufgaben übernehmen, 60 Prozent arbeiten in einem höheren Tempo, 57 Prozent leisten Überstunden und 36 Prozent lassen Pausen ausfallen. Diese anhaltende Mehrarbeit kann zu Burnout führen, da den Mitarbeitenden immer weniger Erholungszeit bleibt.

Die Kosten von Burnout und Ausfällen

Die Kosten für eine solche Überlastung sind real: Krankheitsausfälle, Fluktuation, Rekrutierung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Ein Pflegelangzeitausfall durch Burnout kostet ein Haus erfahrungsgemäß 20.000 bis 40.000 Euro in Leiharbeit, Mehrstunden der Kolleginnen und Rekrutierungsaufwand. Laut einer Analyse von Medi-Karriere kostet eine unbesetzte Stelle im Pflegebereich 66.528 Euro pro Jahr, fast das Doppelte des Jahresgehalts der zu besetzenden Stelle.

Die Bildungsgewerkschaft GEW hat in Baden-Württemberg festgestellt, dass viele Schulleitungsstellen aufgrund erhöhter psychischer Belastung unbesetzt bleiben. Viele Schulleiter arbeiten deutlich mehr als die vorgeschriebenen 41 Stunden pro Woche, gehen krank zur Arbeit und arbeiten am Wochenende. Das steigert die Burnout-Gefahr erheblich.

Entgangene Einnahmen durch den neuen Mitarbeiter

Jeder Tag, an dem eine Position unbesetzt bleibt, ist ein Tag, an dem der potenzielle Umsatz oder die Produktivität dieses Mitarbeiters fehlt. Bei einer Vertriebsstelle sind das direkte entgangene Einnahmen. Bei einer Entwicklungsstelle ist es verzögerte Time-to-Market.

Eine Studie zeigt: Die Gesamtkosten pro unbesetzter Stelle können schnell zwischen 2.700 und 4.500 Euro liegen, und das pro Woche Verzögerung. Die Cost of Vacancy berechnet sich aus Jahresgehalt geteilt durch durchschnittliche Arbeitstage, multipliziert mit einem Faktor und der durchschnittlichen Time-to-Hire. Wird eine Stelle nicht innerhalb von 78 Tagen besetzt, können circa 30.000 Euro Kosten entstehen.

Ein konkretes Rechenbeispiel

Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht die Dimension: Bei einer Führungskraft mit einer Vakanzdauer von 180 Tagen summieren sich direkte Rekrutierungskosten auf 35.000 Euro, Produktivitätsverluste durch entgangene Projekte auf 50.000 Euro und Verwaltungskosten auf 5.000 Euro. Die Gesamtkosten der unbesetzten Stelle betragen somit 90.000 Euro, also 500 Euro pro Tag.

Die unmittelbaren Auswirkungen einer unbesetzten Stelle sind offensichtlich: Arbeitsbelastung, unerledigte Aufgaben und Personalmangel. Lang andauernde Vakanzen können eine Reihe von negativen Reaktionen im gesamten Team auslösen, die zu Überforderung, Stress und schließlich zu Burnout führen.

Arbeitszeit durch überlange Vorstellungsrunden

Rechnen wir es durch: Zwei Hiring Manager, ein Recruiter, 60 Minuten Gespräch, 15 Minuten Vorbereitung und 15 Minuten Nachbereitung. Bei drei Personen sind das 4,5 Arbeitsstunden pro Interviewrunde. Multipliziert mit fünf Runden und zehn Kandidaten sind das 225 Stunden, fast sechs Arbeitswochen, die in Interviews statt in wertschöpfender Arbeit verbracht werden.

Die Zeit von der ersten Stellenausschreibung bis zur finalen Anstellung bezeichnet man als Time-to-Hire. Diese Zeit ist direkt mit den Vakanzkosten korreliert. Jede zusätzliche Interviewrunde verlängert diesen Zeitraum und erhöht damit die Kosten exponentiell.

Überoptimierung als Risiko: Wenn Risikovermeidung zum größten Risiko wird

Der blinde Fleck der Gewinnmaximierung ist die Überbewertung von Risiken. Unternehmen fürchten die Fehlbesetzung und übersehen dabei, dass die Nicht-Besetzung oft teurer ist. In der Probezeit ist die Kündigung eines Mitarbeiters nahezu risikolos. Das Arbeitsrecht gibt hier ausreichend Flexibilität, innerhalb der ersten sechs Monate mit einer Frist von zwei Wochen zu kündigen.

Doch statt diese Flexibilität zu nutzen, setzen Unternehmen auf präventive Überoptimierung und ersticken damit ihre eigene Agilität. Die HR-Abteilung selbst trägt ebenfalls Kosten, auch wenn keine Bewerber zu bearbeiten sind. Gehälter laufen weiter, Overhead bleibt bestehen. Ein ineffizienter Prozess bindet also nicht nur Ressourcen in der Linie, sondern auch in der Support-Funktion.

Die Ironie der Optimierung

Die Ironie: Die Optimierung, die Kosten sparen sollte, wird zum Kostentreiber. Die Angst vor einer Fehlentscheidung führt zu einer Entscheidungslähmung, die dem Unternehmen weit mehr schadet als eine suboptimale, aber rechtzeitige Einstellung.

Die zunehmende Automatisierung des Bewerbungsprozesses ist letztlich nur ein weiteres Symptom einer Gesellschaft, die den Menschen immer stärker durch Technologie ersetzt, nicht weil es besser wäre, sondern weil es billiger erscheint. Doch wenn Maschinen über menschliche Schicksale entscheiden, dann ist das nicht nur ein Problem auf dem Arbeitsmarkt, sondern ein fundamentales Problem mit unserem Menschenbild.

Der Weg zurück: Pragmatismus statt Perfektionismus

Was ist die Lösung? Nicht weniger Prozess, sondern der richtige Prozess. Ein Recruiting, das agil, menschlich und ergebnisorientiert ist. Weniger Runden, mehr Entscheidungsfreude. Ein klares Profil statt endloser Anforderungslisten.

Und die Bereitschaft, auch mal eine Entscheidung zu treffen, die nicht zu 100 Prozent perfekt ist, aber zu 80 Prozent richtig und vor allem rechtzeitig. Unternehmen, die das verstehen, gewinnen nicht nur Zeit und Geld. Sie gewinnen auch die besten Köpfe, denn diese haben keine Lust auf endlose Assessment-Marathons.

Praktische Lösungsansätze für Unternehmen

Um zu verhindern, dass eine Stelle langfristig unbesetzt bleibt, sollten Personalverantwortliche die Time-to-Hire analysieren. Dauert der Recruiting-Prozess regelmäßig länger als geplant, besteht Handlungsbedarf. Die Bildungsgewerkschaft schlägt vor, dass Führungskräfte mindestens 14 Pflichtstunden für Leitungszeit erhalten, um Überlastung zu vermeiden.

Die Grundrechte der betroffenen Personen werden verletzt, wenn sie aufgrund geschützter Merkmale benachteiligt werden und ihr Zugang zu Arbeit erschwert wird. Gleichzeitig entstehen für Arbeitgeber erhebliche Kosten durch Reputationsrisiken und das Übersehen qualifizierter Talente. Unternehmen müssen lernen, den Spagat zwischen Effizienz und Menschlichkeit zu meistern.

Fazit: Optimierung mit Maß und Ziel

Gewinnmaximierung ist kein Selbstzweck. Wenn sie zur Lähmung führt, hat sie ihren Zweck verfehlt. Recruiting ist ein Spiegelbild der Unternehmenskultur: Wer hier auf Überoptimierung setzt, zeigt, dass er Prozesse über Menschen stellt.

Und das ist langfristig kein Erfolgsrezept. Die Shareholder-Value-Doktrin mag 50 Jahre lang dominierend gewesen sein, doch ihre negativen Folgen sind unübersehbar. Unternehmen müssen lernen, nachhaltigen Erfolg, Mitarbeiterzufriedenheit und Digitalisierung wichtiger zu nehmen als kurzfristige Gewinne. Nur so können sie der Lähmung durch Optimierungswahn entkommen.

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