Ich gebe es zu: Humanoide Roboter sehen beeindruckend aus. Wenn auf LinkedIn wieder irgendein mechanischer Kollege mit erstaunlich flüssigen Bewegungen eine Kiste hebt, durch eine Werkhalle marschiert, Bauteile sortiert oder sich nach einem kleinen Rempler selbstständig wieder aufrappelt, bleibt auch der Ingenieur in mir kurz hängen. Die Technik ist faszinierend, die Regelung komplex, die Sensorik beeindruckend und das Zusammenspiel aus Mechanik, Aktorik, Wahrnehmung und künstlicher Intelligenz alles andere als trivial.
Und dann lese ich die Kommentare darunter.
„Amazing.“ „The future is here.“ „Game changer.“ Dazu die obligatorischen Raketen, Flammen und Hände, die offenbar seit einigen Jahren einen beträchtlichen Teil der argumentativen Substanz auf LinkedIn ersetzen. Irgendwo fällt zuverlässig das Wort „Produktivität“, kurz darauf „Fachkräftemangel“, und spätestens nach fünf Minuten hat sich die versammelte Innovationsgemeinde gegenseitig davon überzeugt, dass ein zweibeiniger Roboter in einer Fabrik selbstverständlich gesellschaftlicher Fortschritt sein muss, weil er schließlich zweibeinig ist und dabei ziemlich cool aussieht.
Mich macht diese Diskussion zunehmend wütend, weil wir wieder einmal über technische Leistungsfähigkeit reden, während wir die volkswirtschaftliche Systemgrenze so geschickt ziehen, dass die unangenehmen Teile außerhalb des Diagramms liegen.
Das Problem ist nämlich nicht der Roboter. Das Problem ist unsere Buchhaltung.
Wir bestaunen die Maschine und vergessen den Menschen dahinter
Über Roboter und Automatisierung schreibe ich hier nicht zum ersten Mal. Bereits in meinem Artikel „Roboter als Konsument“ habe ich auf einen banalen Umstand hingewiesen, der in erstaunlich vielen Hochglanzrechnungen zur Automatisierung fehlt: Ein Roboter produziert vielleicht ein Auto, aber er kauft keines. Er fertigt eine Waschmaschine, braucht selbst jedoch nie eine. Er montiert Möbel, ohne jemals umzuziehen, und sortiert Pakete, obwohl er nicht einmal auf die Idee kommt, nachts um halb zwölf noch schnell irgendeinen unnötigen Elektronikartikel zu bestellen.
Menschen sind dagegen nicht nur Produktionsfaktoren. Sie sind Arbeitnehmer, Steuerzahler, Versicherte, Mieter, Kunden, Vereinsmitglieder, Eltern, Nachbarn und Konsumenten. Ein Arbeitsplatz verbindet deshalb weit mehr gesellschaftliche Kreisläufe miteinander, als es die Position „Personalkosten“ in einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation vermuten lässt.
In „Arbeitnehmer – nur Störfaktor & Fehlerquelle?“ habe ich versucht, diese verkürzte Betrachtung anhand eines einfachen Beispiels aufzubrechen. Wenn Automatisierung fünf Arbeitskräfte ersetzt, verschwinden aus Sicht des Unternehmens zunächst fünf Gehälter samt Arbeitgeberanteilen und Nebenkosten. Wunderbar. Excel färbt die Zelle grün, der Business Case lächelt, und vermutlich bekommt irgendwo jemand einen Bonus.

Volkswirtschaftlich ist die Rechnung damit allerdings noch lange nicht abgeschlossen.
Denn dieselben fünf Menschen haben vorher Einkommensteuer bezahlt. Sie haben Sozialversicherungsbeiträge entrichtet. Sie haben konsumiert und damit Mehrwertsteuer erzeugt. Sie haben Miete bezahlt, Dienstleistungen nachgefragt und Unternehmen Umsätze ermöglicht. Verlieren sie dauerhaft ihre Arbeit, können auf der anderen Seite Transferleistungen, Kosten der Arbeitsförderung und gegebenenfalls staatlich finanzierte Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung entstehen. Seit Juli 2026 werden bei Bezug des neuen Grundsicherungsgeldes die Beiträge gesetzlich Versicherter beispielsweise grundsätzlich vom Jobcenter getragen, wie die Bundesagentur für Arbeit erläutert.
Das ist kein Argument gegen Automatisierung. Es ist zunächst eine Aufforderung, bei ihrer Bewertung nicht so zu rechnen, als endete die Volkswirtschaft am Werkstor.
Der Roboter zahlt keine Sozialversicherung
Stellen wir dem humanoiden Kollegen also ein paar Fragen, die auf den Produktvideos merkwürdigerweise selten vorkommen.
Zahlt der Roboter Krankenversicherungsbeiträge? – Nein.
Zahlt er Beiträge zur Pflegeversicherung? – Nein.
Zahlt er Arbeitslosenversicherung? – Nein.
Zahlt er Rentenversicherungsbeiträge? – Ebenfalls nein.
Und Einkommensteuer auf das Arbeitseinkommen, das durch seinen Einsatz nicht mehr an einen Menschen ausgezahlt werden muss? – Überraschung: auch nicht.
Natürlich zahlt das Unternehmen weiterhin Steuern auf Gewinne, soweit steuerpflichtige Gewinne entstehen, und selbstverständlich erzeugt auch ein Roboter Kosten, Investitionen, Abschreibungen, Wartungsaufwand, Energieverbrauch und Einkommen bei seinen Herstellern und Dienstleistern. Die Behauptung, automatisierte Wertschöpfung sei generell „steuerfrei“, wäre daher falsch.
Der interessante Punkt liegt woanders: Die Finanzierungsstruktur unseres Sozialstaats hängt in erheblichem Umfang an menschlicher Erwerbsarbeit. Die OECD weist für Deutschland für 2025 bei einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener einen Tax Wedge von 49,3 Prozent der Arbeitskosten aus. Darin stecken Einkommensteuer sowie Sozialversicherungsbeiträge von Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Deutschland belastet menschliche Arbeit damit erheblich, während eine Maschine selbstverständlich keine Sozialversicherungsbiografie besitzt.
Man muss kein Marxist sein, um darin zumindest eine bemerkenswerte Anreizstruktur zu erkennen. Ein Taschenrechner genügt.
Interessanterweise weist inzwischen selbst die OECD bei der Zukunft der sozialen Sicherung darauf hin, dass eine Neujustierung der Besteuerung von Arbeit und Kapital notwendig werden kann, wenn Produktivitätsgewinne nicht in entsprechend höhere Beschäftigung und Löhne übersetzt werden. Die OECD beschreibt zudem das grundsätzliche Problem, dass Sozialversicherungsbeiträge typischerweise auf Arbeit erhoben werden und Unterschiede zwischen der Belastung von Arbeit und Kapital dadurch zusätzliche Automatisierungsanreize schaffen können.
Das ist der Punkt, über den wir reden sollten, anstatt uns zum 37. Mal das Video eines Roboters anzusehen, der eine Getränkekiste von links nach rechts trägt.
Der Roboter bekommt auch keinen Boreout
Der humanoide Roboter besitzt noch einen weiteren bemerkenswerten Vorteil: Wenn er morgen nicht mehr gebraucht wird, steht er im Lager.
Er sitzt dort nicht und fragt sich, weshalb er nach zwanzig Jahren plötzlich wertlos sein soll. Er zweifelt nicht an sich selbst. Er muss seiner Familie nicht erklären, dass sein Arbeitsplatz verschwunden ist. Er verliert keine Tagesstruktur und keine sozialen Kontakte. Er entwickelt keinen Boreout, weil niemand mehr eine Aufgabe für ihn hat. Er schämt sich nicht beim Gang zum Amt, bekommt keine Existenzangst und entwickelt auch keinen Hass auf eine Gesellschaft, die ihm jahrelang erklärt hat, Arbeit sei Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennung, um ihm anschließend mitzuteilen, seine Arbeitsleistung sei leider nicht mehr wirtschaftlich.
Bei Menschen sieht das erheblich komplizierter aus.
Arbeit erfüllt eben nicht nur die Funktion, am Monatsende Geld auf ein Konto zu überweisen. Sie strukturiert den Alltag, schafft soziale Beziehungen, vermittelt Kompetenz und kann Identität, Anerkennung und gesellschaftliche Zugehörigkeit erzeugen. Eine 2024 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichte Übersicht zu Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsminderung und Arbeitslosigkeit beschreibt genau diese Zusammenhänge. Arbeitslose weisen demnach häufiger psychische Belastungen auf; diskutiert werden unter anderem Angststörungen, affektive Störungen und substanzbezogene Erkrankungen. Die Autoren weisen zugleich ausdrücklich darauf hin, dass Kausalität und Selektion zusammenspielen können: Psychische Erkrankungen können Arbeitslosigkeit wahrscheinlicher machen, während Arbeitsplatzverlust seinerseits die psychische Gesundheit verschlechtern kann.
Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse longitudinaler Studien kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Arbeitslosigkeit mit einem deutlich erhöhten Risiko psychischer Probleme verbunden ist und sich die psychische Gesundheit nach Wiederaufnahme regulärer Beschäftigung verbessern kann.
Das ist wichtig, weil die gesellschaftliche Rechnung der Automatisierung nicht bei Arbeitslosengeld oder Grundsicherung endet.
Die Folgekosten verschwinden nicht, nur weil sie auf einem anderen Konto stehen
Wer einen Arbeitsplatz automatisiert, kann einen betriebswirtschaftlichen Nutzen erzielen. Wenn der betroffene Arbeitnehmer keine neue Beschäftigung findet, entstehen mögliche Folgekosten jedoch an anderen Stellen des Systems. Genau diese Verschiebung interessiert mich.
Arbeitslosenversicherung, Grundsicherung, Wohngeld, Krankenversicherung, Qualifizierung, Vermittlung und andere Transferleistungen sind sichtbare Kosten. Weniger sichtbar werden gesundheitliche und soziale Folgen, der Verlust von Kaufkraft, geringere Konsumausgaben oder langfristige Belastungen von Familien und Kommunen.
Auch die gesundheitliche Dimension ist keineswegs eine sentimentale Fußnote. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verweist 2026 erneut auf die weite Verbreitung psychischer Erkrankungen unter Arbeitslosen. Beim Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit, psychischen Erkrankungen und Substanzkonsum muss man wissenschaftlich sauber bleiben: Nicht jeder Arbeitslose wird depressiv, alkoholabhängig oder drogensüchtig, und aus einer statistischen Assoziation darf keine simple Kausalkette konstruiert werden. Es existieren jedoch hinreichend belastbare Hinweise darauf, dass Arbeitslosigkeit, finanzielle Unsicherheit, soziale Isolation und psychische Belastungen miteinander verbunden sein können.
Und damit landet die Rechnung irgendwann wieder bei der Gesellschaft.
Nur eben nicht mehr beim Unternehmen, dessen Automatisierungsprojekt auf Folie 17 einen Return on Investment von 2,8 Jahren ausweist.
Das ist ein faszinierender Buchhaltungstrick, wenn auch kein neuer: Kosten verschwinden zuverlässig, sobald man die Systemgrenze passend verschiebt.
Und dann wundern wir uns über gesellschaftliche Wut
Besonders irritierend wird die Diskussion, wenn wir gleichzeitig über gesellschaftliche Polarisierung, Abstiegsängste und den Verlust von Vertrauen in Institutionen sprechen, diese Phänomene aber gedanklich von wirtschaftlichen Strukturveränderungen trennen.
Menschen benötigen nicht zwingend ihren bisherigen Arbeitsplatz bis zur Rente. Volkswirtschaftlicher Wandel gehört zu einer dynamischen Gesellschaft, und Automatisierung hat historisch nicht nur Arbeitsplätze vernichtet, sondern auch neue Tätigkeiten geschaffen, Produktivität erhöht und gefährliche oder körperlich belastende Arbeit reduziert. Eine seriöse Diskussion darf deshalb weder aus jedem Roboter einen Arbeitsplatzvernichter machen noch aus jeder Automatisierung automatisch gesellschaftlichen Fortschritt ableiten.
Problematisch wird es dort, wo technologische Substitution schneller verläuft als die Entstehung realistisch erreichbarer Alternativen.
Darauf habe ich bereits beim „Angriff auf Mid-Educational Jobs“ hingewiesen. Der inzwischen durch generative KI beschleunigte Wandel betrifft nicht ausschließlich einfache Routinetätigkeiten. Auch Verwaltungsberufe, technische Sachbearbeitung, Buchhaltung, Kundensupport, Logistik und andere Tätigkeiten mittlerer Qualifikation stehen unter Automatisierungsdruck.
Nun kommen humanoide Roboter hinzu und erweitern die technisch adressierbare Fläche erneut. Bisher war die physische Welt eine vergleichsweise robuste Grenze digitaler Automatisierung. Ein Sprachmodell kann wunderbar erklären, wie eine Kiste getragen wird, aber davon steht die Kiste noch keinen Zentimeter weiter rechts. Kombiniert man leistungsfähige KI jedoch mit Sensorik, Aktorik und einer Maschinenplattform, die für eine vom Menschen gestaltete Umgebung gebaut wurde, verschiebt sich diese Grenze.
Treppen, Türen, Werkzeuge, Regale, Arbeitsplätze und Transportwege sind für menschliche Körper ausgelegt. Genau darin liegt der ökonomische Charme humanoider Robotik: Nicht zwingend die Fabrik muss für den Roboter neu konstruiert werden; der Roboter soll zunehmend in die für Menschen vorhandene Infrastruktur passen.
Technisch ist das brillant.
Gesellschaftlich sollte spätestens an dieser Stelle jemand den Taschenrechner aus der Schublade holen.
Die interessante Frage lautet nicht „Robotersteuer ja oder nein?“
Der Begriff „Robotersteuer“ klingt zunächst wunderbar einfach und ist steuerpolitisch dennoch problematisch. Was ist ein Roboter? Ist eine CNC-Fräse einer? Ein automatisches Hochregallager? Ein Softwareagent? Eine KI, die drei Sachbearbeiter ersetzt? Ein humanoider Roboter erst dann, wenn er zwei Beine besitzt, oder bekommt der vierbeinige Kollege einen Steuerrabatt?
Eine Besteuerung der Maschine als physischem Gegenstand wäre deshalb wahrscheinlich die falsche Systemgrenze.
Interessanter ist die Idee einer Automatisierungs- oder Wertschöpfungsabgabe, die nicht fragt, wie viele Arme eine Maschine besitzt, sondern wie sich die Finanzierungsbasis gesellschaftlicher Sicherung verändert, wenn menschliche Arbeit durch kapitalbasierte Wertschöpfung substituiert wird.
Diese Diskussion ist keineswegs eine spleenige Idee eines Bloggers, der zu viele Robotervideos gesehen hat. Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben 2025 verschiedene Aspekte einer Wertschöpfungsabgabe beziehungsweise Wertschöpfungssteuer untersucht. Das Papier zeigt zugleich, weshalb die Angelegenheit komplizierter ist als der populäre Ruf „Dann besteuern wir eben die Roboter“. In der Fachdebatte werden unterschiedliche Ansätze diskutiert, darunter Änderungen bestehender Steuerstrukturen, eine stärkere Belastung von Kapital beziehungsweise automatisierungsbedingter Wertschöpfung und Modelle, die die Finanzierungsbasis der sozialen Sicherung verbreitern. Gleichzeitig stehen mögliche Nachteile im Raum, insbesondere Investitionshemmnisse, schwierige Abgrenzungen und unerwünschte Innovationsanreize.
Damit wird die politische Gestaltungsfrage präziser: Soll soziale Sicherung weiterhin überwiegend an menschlicher Erwerbsarbeit hängen, wenn ein wachsender Teil der Wertschöpfung durch Kapital, Software und automatisierte Systeme erbracht werden kann?
Diese Frage lässt sich nicht mit einem LinkedIn-Video beantworten.
Was eine Automatisierungsabgabe überhaupt ausgleichen müsste
Eine belastbare Konstruktion müsste zunächst klären, welches Problem sie lösen soll. Geht es um entfallende Sozialversicherungsbeiträge, um die Finanzierung von Transformation und Weiterbildung, um Transferleistungen bei technologisch bedingter Arbeitslosigkeit oder um eine allgemeine Verschiebung der Steuerbasis von Arbeit zu Kapital und Wertschöpfung?
Das sind unterschiedliche Ziele und deshalb möglicherweise auch unterschiedliche Instrumente.
Eine Abgabe könnte beispielsweise an der durch Automatisierung erzeugten zusätzlichen Wertschöpfung ansetzen. Denkbar wäre auch, die Finanzierung einzelner Sozialversicherungszweige weniger stark an Lohnsummen zu koppeln und stärker aus breiteren Steuerbasen zu finanzieren. Eine andere Variante wäre ein Transformationsfonds, in den Unternehmen bei nachweislich beschäftigungssubstituierenden Automatisierungen einzahlen und aus dem Qualifizierung, Übergangsleistungen oder regionale Strukturmaßnahmen finanziert werden.
Jedes dieser Modelle besitzt Nebenwirkungen. Eine schlecht konstruierte Automatisierungssteuer könnte produktive Investitionen verhindern, Unternehmen ins Ausland treiben, notwendige Automatisierung bei realem Arbeitskräftemangel verteuern oder einen absurden bürokratischen Apparat hervorbringen, der am Ende mehr Sachbearbeiter benötigt, als der Roboter zuvor ersetzt hat. Deutschland hätte durchaus das Talent dazu.
Umgekehrt ist aber auch der Status quo keine neutrale Nullposition. Wenn menschliche Arbeit mit Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträgen belastet wird, während Maschineninvestitionen einer anderen steuerlichen Logik folgen, beeinflusst auch diese Struktur Investitionsentscheidungen. Nicht zu handeln bedeutet deshalb nicht automatisch, keine Anreize zu setzen.
Fachkräftemangel ist kein Freifahrtschein
Als Standardargument für humanoide Roboter wird häufig der Fachkräftemangel genannt, und in vielen Anwendungsfällen ist das plausibel. Wo tatsächlich Arbeitskräfte fehlen, körperlich belastende Tätigkeiten automatisiert werden oder Menschen aus gefährlichen Arbeitsbereichen herausgehalten werden können, verändert sich die gesellschaftliche Bilanz erheblich.
Es besteht jedoch ein fundamentaler Unterschied zwischen Automation mangels verfügbarer Arbeitskräfte und Automation zur Substitution verfügbarer Arbeitskräfte.
Diese Unterscheidung geht in der öffentlichen Debatte erstaunlich schnell verloren. Wer keine Pflegekräfte findet und technische Assistenz einsetzt, löst ein anderes Problem als ein Unternehmen, das 500 Beschäftigte entlässt, obwohl deren Arbeit weiterhin benötigt wird und lediglich billiger von Maschinen erledigt werden kann.
Beides heißt Automatisierung. Volkswirtschaftlich ist es jedoch nicht dasselbe.
Ebenso wenig überzeugt mich die reflexartige Antwort, die Betroffenen müssten sich eben weiterbilden. Weiterbildung ist wichtig, aber sie kann keine mathematische Unmöglichkeit beseitigen. Wenn durch Automatisierung zehn Tätigkeiten verschwinden und an anderer Stelle drei neue entstehen, lassen sich die übrigen sieben Menschen nicht durch ein weiteres Zertifikat in die drei Stellen hineinquetschen. Außerdem ist eine Volkswirtschaft nicht ausschließlich aus Robotikingenieuren, KI-Spezialisten und Unternehmensberatern zusammengesetzt. Sie könnte mit einer solchen Bevölkerung vermutlich auch nur begrenzt funktionieren.
Eine Gesellschaft braucht Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Bildungswegen, Interessen und Belastbarkeiten. Technischer Fortschritt, der nur noch diejenigen ökonomisch benötigt, die seine Maschinen entwickeln, finanzieren und besitzen, hätte deshalb ein Verteilungsproblem, selbst wenn seine Produktivitätskennzahlen hervorragend aussehen.
Der Roboter wird nicht zum Wutbürger
Und damit komme ich zu der Frage, die in keiner Total-Cost-of-Ownership-Tabelle auftaucht. Was passiert mit Menschen, die dauerhaft nicht mehr gebraucht werden?
Der Roboter wird nicht wütend, wenn er aufs Abstellgleis geschoben wird. Ein Mensch möglicherweise schon.
Damit ist keine simple Kausalbehauptung gemeint, nach der Arbeitslosigkeit zwangsläufig politische Radikalisierung erzeugt. Gesellschaftliche und politische Einstellungen entstehen aus komplexen Zusammenhängen, und ökonomische Unsicherheit ist nur einer von vielen möglichen Faktoren. Trotzdem wäre es reichlich naiv, materielle Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe, soziale Anerkennung und politische Stabilität gedanklich vollständig voneinander zu trennen.

Wut entsteht dabei nicht nur aus dem Verlust von Einkommen oder Status. Sie entsteht auch dort, wo Menschen den Eindruck gewinnen, einem System ausgeliefert zu sein, dessen Regeln ihnen als unumstößlich präsentiert werden, obwohl sie offenkundig menschengemacht sind. Besonders toxisch wird es, wenn die Finanzmathematik hinter unternehmerischen Entscheidungen den Charakter eines Naturgesetzes annimmt: Der Business Case ist positiv, der Return on Investment stimmt, die Personalkosten sinken, also gilt die Entscheidung als rational. Punkt. Dass dieselbe Entscheidung außerhalb der Unternehmensbilanz Arbeitslosigkeit, geringere Beitragseinnahmen, Transferleistungen und weitere gesellschaftliche Folgekosten erzeugen kann, ändert an dieser vermeintlichen Rationalität nichts, weil diese Größen schlicht nicht in derselben Rechnung auftauchen.
Das mathematische Modell ist dann nicht zwingend falsch gerechnet. Es beantwortet nur eine zu kleine Frage und wird anschließend behandelt, als hätte es die große beantwortet. Aus der Perspektive des Unternehmens kann die Automatisierung vollkommen rational sein, während sie aus Sicht des Gesamtsystems Kosten erzeugt, die in der Investitionsrechnung gar nicht vorkommen. Wer diese Systemgrenze jedoch zum Fixum erklärt, macht aus einer betriebswirtschaftlichen Konvention eine scheinbar objektive Wahrheit. Das ist ungefähr so überzeugend, wie die Heizkosten eines Hauses dadurch zu senken, dass man den Heizkörper aus der eigenen Kostenstelle entfernt und die Rechnung dem Nachbarn schickt.
Für den betroffenen Menschen wird dieser Widerspruch unmittelbar erfahrbar. Ihm wird erklärt, seine Arbeit sei zu teuer, während er anschließend über Steuern und Abgaben ein System mitfinanziert, das die sozialen Folgen eben jener Rationalisierung auffangen muss. Das Unternehmen kann seine Produktivität erhöhen und seine Personalkosten senken, während Arbeitslosenversicherung, Grundsicherung, Wohngeld, Krankenversicherung oder kommunale Haushalte Teile der Folgekosten übernehmen. Betriebswirtschaftlich können dabei alle Beteiligten korrekt gerechnet haben und volkswirtschaftlich kann das Ergebnis trotzdem grotesk sein.
Genau dort entsteht ein gefährlicher Eindruck von Ohnmacht: Nicht weil Menschen Mathematik ablehnen, sondern weil sie erleben, dass eine bestimmte Mathematik zur alternativlosen Realität erklärt wird, obwohl ihre Systemgrenzen politisch und wirtschaftlich gesetzt wurden. Wer gleichzeitig hört, eine andere Lösung sei „leider nicht wirtschaftlich“, obwohl die gesellschaftlichen Kosten dieser Wirtschaftlichkeit bei ihm selbst und der Allgemeinheit landen, muss schon über bemerkenswerte philosophische Gelassenheit verfügen, um darin keinen Widerspruch zu erkennen.
Wir haben unsere Gesellschaft über Jahrzehnte auf Erwerbsarbeit aufgebaut. Über Arbeit verteilen wir Einkommen. Über Arbeit finanzieren wir wesentliche Teile der Sozialversicherung. Über Arbeit strukturieren Menschen ihren Alltag. Über Berufe definieren sie einen Teil ihrer Identität. Selbst bei der ersten Begegnung fragen wir Menschen gern: „Und was machst du?“ – womit wir meistens nicht wissen wollen, ob sie gerne wandern oder Modellflugzeuge bauen.
Wenn Technologie diesen gesellschaftlichen Mechanismus substanziell verändert, reicht es deshalb nicht, auf Produktivitätssteigerungen zu zeigen und darauf zu hoffen, dass sich der Rest schon irgendwie sortieren wird. Wer die ökonomische Logik der Automatisierung zum Fixum erklärt, muss zumindest dafür sorgen, dass ihre Rechnung vollständig ist. Andernfalls automatisieren wir Gewinne innerhalb der Unternehmen und sozialisieren einen Teil der Folgekosten außerhalb davon – und wundern uns anschließend mit gespielter Ratlosigkeit darüber, dass Menschen irgendwann wütend auf das System werden.
Vielleicht sollten wir die komplette Rechnung bezahlen lassen
Humanoide Roboter sind deshalb für mich vor allem ein hervorragendes Symbol für eine viel größere Debatte, die es anzustoßen gilt. Sie machen sichtbar, was bei Softwareautomatisierung leicht abstrakt bleibt: Hier steht plötzlich tatsächlich eine Maschine auf zwei Beinen an einem Arbeitsplatz, an dem gestern noch ein Mensch stand.
Das Bild ist so plakativ, dass selbst unsere volkswirtschaftliche Blindstelle langsam schwer zu übersehen ist.
Der betriebswirtschaftliche Nutzen kann erheblich sein. Der Roboter benötigt keinen Urlaub, keine Kantine, keinen ergonomischen Bürostuhl und keine betriebliche Altersvorsorge. Er hat keinen schlechten Tag, keine Scheidung, kein krankes Kind und keine Gehaltsvorstellung. Wenn er wirtschaftlich abgeschrieben ist, wird er ersetzt, ohne dass jemand ein Kündigungsgespräch führen muss.
Genau deshalb muss eine seriöse volkswirtschaftliche Rechnung über die Unternehmensbilanz hinausgehen.
Sie muss entfallende Steuer- und Beitragsströme berücksichtigen, mögliche Transferkosten betrachten, Auswirkungen auf Konsum und regionale Kaufkraft untersuchen und die Kosten gesellschaftlicher Transformation zumindest sichtbar machen. Nicht jede Automatisierung verursacht all diese Kosten, manche schafft sogar neue Beschäftigung und zusätzliche Steuereinnahmen. Deshalb wäre eine pauschale Strafsteuer auf jeden Roboter ebenso unsinnig wie die gegenteilige Vorstellung, Automatisierung verursache außerhalb des Unternehmens grundsätzlich keine relevanten Folgekosten.
Die zentrale Frage lautet vielmehr, wie eine Gesellschaft die Produktivitätsgewinne hochautomatisierter Wertschöpfung mit der Finanzierung jener Systeme verbindet, die bislang wesentlich von menschlicher Arbeit getragen werden.
Ob dafür eine Wertschöpfungsabgabe, eine veränderte Kapitalbesteuerung, eine breitere Finanzierung der Sozialversicherungen, Transformationsfonds oder eine Kombination verschiedener Instrumente sinnvoll ist, muss anhand von Verteilungswirkungen, Innovationsanreizen, internationaler Wettbewerbsfähigkeit und administrativer Umsetzbarkeit geprüft werden. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages und die OECD zeigen zumindest, dass diese Diskussion längst einen ernsthaften wirtschafts- und steuerpolitischen Hintergrund besitzt.
Was mir dagegen zunehmend absurd erscheint, ist die Vorstellung, wir könnten die Arbeitswelt massiv automatisieren und gleichzeitig die Finanzierung unseres Gemeinwesens dauerhaft so behandeln, als bestünde Wertschöpfung weiterhin überwiegend aus Menschen, die morgens zur Arbeit fahren und auf ihr Gehalt Steuern und Sozialversicherungsbeiträge bezahlen.
Vielleicht werden humanoide Roboter tatsächlich ein wichtiger Teil unserer Arbeitswelt. Vielleicht lösen sie den Fachkräftemangel in einzelnen Bereichen, übernehmen gefährliche Tätigkeiten und schaffen Produktivitätsgewinne, von denen am Ende viele profitieren. Vielleicht werden einige der spektakulären LinkedIn-Prototypen aber auch als sehr teure Antwort auf Probleme enden, die mit einem Förderband, einem Industrieroboter oder einer vernünftigen Prozessgestaltung wesentlich billiger zu lösen gewesen wären.
Technisch dürfen wir das ausprobieren.
Gesellschaftlich sollten wir nur endlich damit aufhören, die Rechnung absichtlich nach der ersten Spalte abzubrechen.
Denn der humanoide Roboter zahlt keine Krankenversicherung, keine Arbeitslosenversicherung und keine Einkommensteuer. Er benötigt kein Wohngeld, keine Psychotherapie und keinen Entzug. Er verliert keine soziale Anerkennung, wenn er aussortiert wird. Er wird nicht einsam, wenn seine Kollegen fehlen, und er steht auch nicht irgendwann wütend auf einem Marktplatz, weil ihm seit zwanzig Jahren erklärt wird, der nächste Strukturwandel werde ganz bestimmt auch für ihn eine großartige Chance.
Der Mensch kann all das.
Und genau deshalb gehört der Mensch in die volkswirtschaftliche Rechnung hinein, bevor wir die nächste Maschine dafür feiern, dass wir ihn erfolgreich aus ihr herausgerechnet haben.
Nachsatz: Und die Umwelt steht noch gar nicht auf der Rechnung
Bei all dem habe ich bisher bewusst nur einen Teil der Rechnung betrachtet: den Menschen. Schon diese Bilanz zeigt, wie absurd es ist, den wirtschaftlichen Nutzen von Automatisierung innerhalb der Unternehmensgrenzen zu berechnen, während ein Teil ihrer Folgekosten außerhalb dieser Grenzen anfällt.
Für den Faktor Umwelt müsste dieselbe Rechnung noch einmal aufgemacht werden. Ein humanoider Roboter entsteht schließlich nicht aus Innovationsgeist und LinkedIn-Applaus, sondern aus Stahl, Aluminium, Kunststoffen, Halbleitern, Batterien, seltenen Rohstoffen, Energie, globalen Lieferketten und industrieller Fertigung. Er benötigt während seines Betriebs Strom, Wartung und Ersatzteile, irgendwann neue Akkus und schließlich Recycling oder Entsorgung. Hinzu kommt die digitale Infrastruktur hinter intelligenten Robotersystemen, deren Rechenzentren ebenfalls Unmengen an Energie, Hardware und Ressourcen benötigen.
Auch hier gilt deshalb dieselbe Forderung nach einer ehrlichen Systemgrenze: Wer die Wirtschaftlichkeit von Automatisierung berechnet, darf Ressourcenverbrauch, Emissionen, Umweltfolgen und spätere Entsorgungskosten nicht dort aus der Kalkulation werfen, wo sie für den Business Case unbequem werden. Eine sinnvoll konstruierte Automatisierungssteuer beziehungsweise Wertschöpfungsabgabe müsste deshalb nicht nur die Verlagerung sozialer Kosten berücksichtigen, sondern auch jene ökologischen Externalitäten einbeziehen, die durch Herstellung, Betrieb und Lebenszyklus der Automatisierung entstehen.
Dann würde aus der üblichen Frage „Was kostet uns der Roboter?“ endlich die wesentlich interessantere Frage: Was kostet dieser Roboter tatsächlich – das Unternehmen, die Gesellschaft und die Umwelt zusammen?