Technik – Ende der Nutzbarkeit?

Ich beobachte den Markt an technischen Gimmicks seit geraumer Zeit. Es ist immer wieder toll, was so an neuen Geräten angeboten wird, bzw. welche neuen Features bestehende Elektronik bekommt.

Wie durch meine andere Webseite Gudera Pictures bekannt sein dürfte, fröne ich relativ intensiv dem Hobby der Fotografie. Heute kam mir eine Meldung unter, die Fotoenthusiasten Freudentränen in die Augen treiben müssten, sofern sie sich für die Marke Sony begeistern können.

Zwar bin ich markentechnisch eher Canon treu, mein Sammelsurium enthält aber auch durchaus noch Kameras anderer Marken, so Mamiya, Yashica oder natürlich Leica. Was aber meine Aufmerksamkeit erlangte, war der Umstand, welche neuen Features hinzugekommen sind. So z.B. Augenfokus für Mensch und Tier, dabei wahlweise das rechte oder linke Auge, neue Bedienteile, schnellere USB-Anschlüsse u.s.w.

Dass ich die Fotografie mit dem Hören von Podcasts verbinde, ist für mich eine Selbstverständlichkeit und so folge ich u.a. dem Podcast Happy Shooting von Boris Nienke und Chris Marquardt, zwei ebenso begnadeten wie unterhaltsamen Fotografen. In einem der letzten Podcasts kam die Frage auf, was Fotografen nervt. Dabei wurde in einer ersten Umfrage u.a. die Fototechnik und der Umgang mit derselben erwähnt.

Hier kommt jetzt also die Meldung von Sony ins Spiel.

Könnte es nicht sein, dass wir mit der Konzentration auf technischen Lösungen, wie z.B. das Fokussieren auf die Augen, das Offensichtlichste aus den Augen verlieren? Versuchen wir nicht möglicherweise, uns massiv in der Technikgläubigkeit zu verrennen? Leidet nicht möglicherweise unter der Einführung immer neuer Features das Handling von technischen Geräten?

Wenn ich meine Canon EOS 5D Mk. III als Referenz verwende, stelle ich zumindest für meinen eigenen Workflow immer wieder fest, wie wenige Features ich in der Kamera wirklich nutze. Letztendlich reduziere ich mich auf die absoluten Standardfunktionen, die mir auch meine mittlerweile heiß geliebten analogen Kameras im noch stärker reduzierten Maße anbieten, Zeitautomatik, Blendenautomatik, Belichtungsmesser und natürlich der Autofokus.

Gerade das Herumexperimentieren mit besonders alten Kameras, wie z.B. einer Agfa Isolette hat mir gezeigt, wie überschätzt das präzise Fokussieren mittlerweile wird.

München Westpark I
München Westpark I Agfa Isolette

Dieses Foto mit lediglich geschätzter Entfernungseinstellung und einem mikroskopisch kleinem Sucherfenster in der alten Kamera hat mir tatsächlich die Augen geöffnet. Zugegeben – belichtet hatte ich mit Unterstützung einer Handy-App. Der Rest ist das Werk von Licht, Chemie, Entfernung, Blende und einem rein mechanischen Verschluss, der sogar noch manuell gespannt werden muss. Kein Augenfokus, keine sonstigen Hilfsmittel außer meinem eigenen Auge hat dieses Ergebnis erbracht.

Agfa Isolette II Prontor offen
Agfa Isolette II Prontor

Was hätte eine überfrachtete Sony1 hier besser machen können?

Ich glaube, in vielen technischen Anwendungen suchen wir eine Perfektion, die kaum noch sinnvoll und nutzbar ist.

Schauen wir uns um, finden wir Fernseher mit Fähigkeiten von Computern, Smartphones und Spielekonsolen, Autos mit ebenfalls massiver Multimedia-Unterstützung oder Haushaltsgeräte mit Rezeptvorschlägen.

Diese technische Aufrüstung erfolgt aber nicht nur zum Preis des Handlings, sondern auch neuer (oft auch unerwünschter) Möglichkeiten, die diese Features auf einmal aufweisen.

Eine Fotokamera, die Verschlüsselungstrojanern Angriffsziele bietet, ist da erst der Anfang.

Je multifunktionaler unsere Gadgets werden, umso anfälliger werden sie für systematische Fehler, Safety- und Security-Probleme. Und gleichzeitig verlieren sie durch die Konzentration auf die Add-Ons die Qualität in ihren Basisfunktionen.

Diskussionen bzgl. potentiellen Angriffszielen könnten durch eine kluge Reduktion auf das Notwendige durchaus vermieden werden, was auch ganz nebenbei in der KI-Forschung ethischen Bedenken die Grundlagen entziehen könnten.

Wie oft werden nicht Horrorszenarien an die Wand gepinselt, wenn es um die künstliche Intelligenz geht. Dabei wäre es doch ganz einfach – KI in geschlossenen technischen Einheiten, Sandboxes quasi, mit den technisch notwendigen Schnittstellen versehen und Querverbindungen zu anderen Systemen strikt vermeiden. Keep it Simple!

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