a number of owls are sitting on a wire

Wahlkampf ohne Empirie – Motivation: Narzissmus

Auf LinkedIn bin ich über den nachfolgenden Beitrag der Klimaaktivistin Luisa Neubauer gestoßen.

In ihrem emotionalen und aufrüttelnden Beitrag geht sie primär auf das Verhalten von Dr. Markus Söder in Verbindung mit der aktuellen Klimakatastrophe ein.

Frau Neubauers Empörung ist nicht nur nachvollziehbar, sondern auch gerechtfertigt. Soviel steht zumindest für mich fest.

Ich wäre aber nun mal nicht ich, wenn ich nicht versuchen würde, die Ursachen für das Verhalten von Markus Söder & Co. zu suchen.

Kandidaten

Die Kandidatur für politische Ämter basiert auf Freiwilligkeit. Nur, wer sich freiwillig für Ämter zur Verfügung stellt, kann auch gewählt werden.

Dieses Verfahren fördert bestimmte Verhaltensprofile, deren Motivation von ChatGBT folgendermaßen zusammengefasst werden:

  1. Ehre & Prestige
  2. Pflichtgefühl & Bürgersinn
  3. Einfluss & Macht
  4. Persönliche Erfüllung & Herausforderung
  5. Soziale Netzwerke & Beziehungen
  6. Ökonomische Reize

Ich finde, das ist eine ziemlich intelligente Zusammenstellung, wenn man daran denkt, dass hier nur statistische Verfahren angewendet wurden.

Ehre & Prestige

Der Ehrbegriff ist in Deutschland sicherlich bei weitem schwächer konnotiert, als vielleicht in anderen Ländern, konzentrieren wir uns also auf Prestige.

Fragt man wieder ChatGBT, welche Persönlichkeitsbilder erforderlich sind, um Prestige zu erlangen, werden ausgegeben:

  1. Narzissmuss
  2. Extraversion, Selbstbewusstsein
  3. Statusorientierung
  4. Ambition und Ehrgeiz

Logische Konsequenz: Zur Kandidatur stellen sich primär Narzissten, Extrovertierte, Statusverliebte und besonders Ehrgeizige. In Gedanken könnte ich jeder dieser Eigenschaften mindestens den Namen eines Politikers hinzufügen, der diese Eigenschaften für mich verkörpert.

Pflichtgefühl & Bürgersinn

Ja, es gibt Menschen, die tatsächlich aus Pflichtgefühl sich zur Wahl stellen lassen. ChatGBT nennt hier als Persönlichkeitsbilder – und ich schließe mich der Meinung an:

  1. Altruismus
  2. Verantwortungsbewusstsein
  3. Integrität
  4. Gerechtigkeitssinn
  5. Engagement
  6. Empathie
  7. Bescheidenheit
  8. Vorbildfunktion

Diese Persönlichkeitsbilder sind i.d.R. aber eher bei leisen Menschen anzutreffen, weshalb deren Engagement nur selten „öffentlichkeitswirksam“ ist. Und ja, es gibt sie, diese Kandidaten, wenn auch eher auf lokaler Ebene und nicht in den oberen Chargen der Politik.

Einfluss & Macht

Hier ist ChatGBT etwas überfordert und wiederholt die Ergebnisse von Ehre & Prestige.

Ich sehe hier jedoch die Manipulativen, die Machthungrigen. Natürlich kann das Manipulieren auch zum Guten erfolgen, Machthunger aber ist sicher keine der guten Eigenschaften von Menschen.

Persönliche Erfüllung & Herausforderung

Auch hier wiederholt ChatGBT im Wesentlichen bereits die bekannten Persönlichkeitsbilder von Ehre & Prestige.

Interessant sind jedoch in meinen Augen zwei Charaktereigenschaften, die durchaus im Politikgeschehen auffallen:

  1. Idealismus & Werteorientierung
  2. Resilienz

Die Bedeutung von Idealismus hängt stark an den Idealen, die vertreten werden, genau wie die Werteorientierung. Welche Ideale und Werte derzeit en vogue sind, ist ziemlich offensichtlich und eher beängstigend.

Weitaus schlimmer ist in meinen Augen die Resilienz. ChatGBT ergänzt hier: „Sie besitzen die Fähigkeit, sich von Rückschlägen zu erholen und aus Fehlern zu lernen. Diese Resilienz ermöglicht es ihnen, langfristig erfolgreich zu sein und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.“

Wer denkt bei dieser Beschreibung nicht an das Teflon-Gefühl bei diversen Politikern? Wer denkt nicht an Ausprägungen bis hin zum Kruger-Dunning-Effekt?

In den aktuellen Politikerreihen finde ich verblendete Idealisten und hyperresiliente Teflonpersönlichkeiten mit Tendenz zum Kruger-Dunning-Effekt.

Soziale Netzwerke & Beziehungen

Bei dieser Motivation kommen mir gleich zwei Gedanken, ohne dass ich ChatGBT befragen muss:

  1. Spezl-Wirtschaft
  2. Elitenbildung

Spezl-Wirtschaft hat zwar einen schalen Beigeschmack, ist bei mir aber nicht ganz so schlecht konnotiert, wie es im ersten Moment klingt. Beziehungen braucht man, wenn man etwas erreichen will, das war so und wird immer so bleiben. Hier ist also das Motiv das Spannende.

Aber wer kennt nicht den Netzwerker, der persönliche Beziehungen von der Reichweite des Gegenüber abhängig macht?

Schlimmer noch, als diese Netzwerker sind die Ausprägung von vermeintlichen Eliten. Gemeinsame Internate und Eliteuniversitäten führen zu Bindungen, die oft ein Leben lang halten, aber eben meist nur etwas über den Vermögensstatus der Eltern aussagen, nicht aber über Intelligenz und geistiges Vermögen!

Vermeintliche Eliten fallen auch immer wieder durch antisoziale Kommentare und Aktivitäten auf.

Unser derzeitiges Demokratiesystem fördert also Netzwerker und vermeintliche Eliten.

Ökonomische Reize

Sind wir beim letzten Motivationsgrund angekommen. Geld.

Ich glaube, kein Thema ist so problematisch, wie die Primär1-, Sekundär2– und Tertiär3besoldung von Politikern. Zuviel, zu wenig, zu viel nebenbei – hier kann man eigentlich nur die verschiedensten Debatten verfolgen und sich eine eigene Meinung bilden.

Primäreinkünfte

Die Diäten können durchaus verschiedene Wirkungen auf die Kandidaten ausüben, nehmen wir mal als fiktive Beispiele die Bundestagsabgeordneten A und B.

A ist ein ehemaliger Aufsichtsrat einer BlackRock-Tochtergesellschaft am Ende seiner beruflichen Karriere, geschätztes Privatvermögen von mehr als 10 Millionen Euro. Diäten sind für diesen Kandidaten „peanuts“. Sie haben für ihn weder Einfluss auf den Lebensstandard noch die soziale Stellung oder wirken sich signifikant auf die Altersvorsorge aus.

B ist Studienabbrecher aus einer Künstlerfamilie. Diäten wirken sich bei B signifikant auf den Lebensstandard und die soziale Stellung aus, zumal B am Anfang des Berufslebens steht.

Sekundäreinkünfte

Eine sichere und vor allem hohe Rente kann man sich (derzeit) durch politische Ämter sichern, ohne übermäßig Energie ins Amt selber legen zu müssen. Zum Schluss der Laufbahn sich noch schnell eine schöne Rente sichern hat mit Altruismus sicher nichts zu tun.

Schaut man in die Altersverteilung des Bundestages 2021, fallen schon einmal 174 Mitglieder älter als 60 Jahre auf, also potentiell Renten- bzw. Pensionsaspiranten. Ein Schelm, wer böses dabei denkt!

Tertiäreinkünfte

Nachdem die Mitglieder des Bundestages verpflichtet sind, Nebeneinkünfte zu veröffentlichen, ist es ein Leichtes, sich hier Übersicht zu verschaffen! Ein Blick in Wikipedia reicht bereits.

Fasse ich die Motivation Geld zusammen, komme ich im schlimmsten Fall auf Persönlichkeiten irgendwo zwischen Opportunisten und Systemschmarotzern.

Systemvorteil

Fasse ich die Persönlichkeitsbilder zusammen, die durch unser derzeitiges Wahlrecht bevorzugt werden, komme ich auf folgende Aufstellung:

  1. Narzissten, Extrovertierte, Statusverliebte und besonders Ehrgeizige
  2. Manipulativen und Machthungrigen
  3. erblendete Idealisten und hyperresiliente Teflonpersönlichkeiten
  4. Netzwerker und vermeintliche Eliten
  5. Opportunisten und Systemschmarotzern

Das soll jetzt nicht bedeuten, dass es für jeden Kandidaten in unserer Demokratie gilt, nur, dass Personen mit o.g. Persönlichkeitsprofil systematisch bevorzugt werden.

Konsequenz

Was bedeutet das aber in der Endkonsequenz?

Verhindern kann man negatives Verhalten oder schwierige Motivationen nicht. Da sehe ich zumindest keine Möglichkeit. Was ich aber durchaus sehe ist es, die Auswirkungen zu minimieren. Hierzu zähle ich

  1. Praxiserfahrung von mindestens 4 Jahren außerhalb der Politik
  2. Maximalalter4 für Kandidatur von 60 Jahren
  3. Begrenzung der Amtszeit auf 2 Legislaturperioden

Vielleicht könnte man auch mal auf die Ursprünge der Demokratie schauen und das Konzept des Losverfahrens (Sortition)5 oder auch die Nomination6 wieder aufleben lassen?

 

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