Es gibt Bilder, die sich leider aufdrängen. Der Bundestag oder eine Wahlkampfveranstaltung wirken dieser Tage in etwa so kultiviert wie ein Besuch im Affenhaus zur Fütterungszeit – nur, dass die Erdnüsse durch rhetorische Pflastersteine ersetzt wurden.
Robert Habeck erlaubt sich einen berechtigten Seitenhieb auf Markus Söder, doch der bayerische Ministerpräsident kontert nicht etwa mit List oder Eleganz, sondern in einer Tonlage, die man sonst eher aus dem Fußballstadion kennt.
Friedrich Merz wiederum droht den eigenen Koalitionspartnern in der CDU/CSU mit der Grandezza eines behelmten Bauarbeiters, der den Presslufthammer schwingt. Politik als Feinschliff im Diskurs? Einst gewünscht, heute verdrängt. Ein „Miteinander“ kennt der Egomane nicht.
Wo sind die Zeiten geblieben, da Politik ein rhetorisches Fechtturnier war? Damals, als Degen und Florett klirrten, als man um Worte rang, statt sie grölend in den Saal zu werfen? Heute dagegen: nur noch Steinzeitknüppel, Keule, Gebrüll. Die Bühne des Parlaments wird zur Arena, und das Publikum darf sich auf das Schauspiel freuen: Empörungsschleifen inklusive.
Trumpismus wohin das Auge schaut
Was wir momentan erleben, ist kein exzeptionell deutsches Problem. Die ganze politische Landschaft scheint in eine kopierte Blaupause des Trumpismus gedrängt zu sein: laute Selbstinszenierung ersetzt Substanz, Pöbelei gilt als Stärke, Fakten werden vom ständigen Druck der Schlagzeilen erdrückt.
Wer die Politik der USA der letzten Jahre beobachtet, erkennt das Muster: Spaltung, Aggression, mediale Dauerprovozierung. Nun also auch hier – als hätten deutsche Politiker beschlossen, den schlechtesten Politikexport der letzten Dekade zu übernehmen.
Von der Streitkultur zur Brüllkultur
Die politische Klasse verwechselt zunehmend Aggression mit Durchsetzungsstärke. Der scharfe Verstand weicht dem stumpfen Lautstärkepegel. Laut Bundeszentrale für politische Bildung ist die Dialogkultur ein zentraler Bestandteil funktionierender Demokratie – doch das Gegenteil wird praktiziert.
Das ständige Aufdrehen der Lautstärkeregler mag kurzfristig Schlagzeilen sichern, langfristig aber fördert es Politikverdrossenheit und entfremdet Bürgerinnen und Bürger vom Diskurs.
Merz und der Zirkus
Besonders bemerkenswert ist die Position von Friedrich Merz: Er beteuert mit ernster Miene, er wolle „keinen Zirkus in der Politik“. Schön wär’s – nur klingt das ungefähr so überzeugend wie ein Dompteur, der gleichzeitig drei Löwen, eine Elefantengruppe und ein paar brennende Reifen in die Manege schickt.
Wer keinen Zirkus möchte, sollte vielleicht aufhören, den täglichen Contentkanon selbst zu befeuern. Denn wenn jemand derzeit massenhaft medialen Zirkusfutterstoff produziert, dann ist es Merz höchstpersönlich. Der Unterschied zwischen „ich will keinen Zirkus“ und „ich bin der Zirkusdirektor“ verschwimmt gefährlich schnell.
Brutale Sprache = brutale Politik
Sprache formt Realität. Wer ständig im Modus der martialischen Attacke spricht, konstruiert auch eine Politik, die nur noch in Konfrontation denkt. Wer verbal zuschlägt, neigt auch in den Inhalten eher zur Keule.
Antisoziale Rhetorik schafft antisoziale Politik. Diese Entwicklung ist empirisch untermauert – Studien zum Zusammenhang zwischen Sprache und Verhalten, etwa von Soziologen der Uni Münster, zeigen klar: Brutale Diskurse fördern ein brutalisierendes Klima.
Manieren sind keine Zier
Natürlich könnte man einwenden: Politik war schon immer laut, schon immer hart, schon immer kompromisslos. Und ja, Parlamentsprotokolle aus den 70ern beweisen das. Doch der Unterschied liegt im Subtext.
Früher waren Polemik und Attacke Verpackung, heute sind sie Inhalt. Wer glaubt, durch Dauerprovokation Stärke zu demonstrieren, zeigt im Gegenteil vor allem Leere.
Im Moment wirkt deutsche Politik wie ein schlecht gelaunter Haufen Paviane, die um die höchste Kiste im Gehege rangeln. Aber Demokratie verdient – und benötigt – mehr. Keine Brüllaffen-Kommunikation, sondern die Rückkehr zu einer Streitkultur, die auch die Bürger wieder ernst nimmt.
Fazit
Eine Demokratie, deren Vertreter sich bevorzugt mit Schlagworten und Drohgebärden prügeln, verspielt ihre Glaubwürdigkeit. Statt Fechten mit Florett stehen wir vor einer politischen Knüppelbühne.
Und das Publikum? Langsam, aber sicher, wendet es sich angeekelt ab. Die Frage ist nicht mehr, ob die Manieren verloren gegangen sind – die Frage ist nur noch: Wer bringt bitte endlich wieder etwas Anstand ins Spiel?
Aufruf
Verdammt, ihr seid für die Bürger da – nicht zum Affentanz! Politik ist kein Selbstzweck und keine Showbühne für Egomanen. Wer gewählt ist, hat die Pflicht, zu gestalten, nicht zu posieren. Zeit, dass diese simple Wahrheit zurückkehrt.