a number of owls are sitting on a wire

Digitales Lösegeld – oder: Wie WordPress mich langsam in den Wahnsinn treibt

(Oder: Warum ich bald meine Klickzahlen auf Bierdeckeln notiere.)

Es gibt Tage, da öffne ich WordPress – und sofort erinnert mich die Plattform daran, dass die Hölle nicht heiß, sondern teuer ist. Alles beginnt harmlos: ein Update hier, ein neues Plugin da, ein verheißungsvolles Banner mit dem Versprechen, dass jetzt „alles einfacher“ wird. Und dann – zack – landet man mitten im Abo-Mikrokosmos der digitalen Gier. Willkommen im Premium-Paradies, wo die Sonne nur für monatliche Zahlung scheint und selbst ein kleiner Statistikbutton eine Kreditkarte verlangt.

Premium? Premium!

Man stelle sich vor, jemand verkauft dir ein Auto – aber Rückspiegel, Blinker und Türen sind Zusatzoptionen im Jahresabo. Willkommen bei WordPress! Die Basisfunktionen funktionieren tatsächlich, irgendwie. Aber wehe, du willst wissen, wie viele Menschen deinen letzten Beitrag über die gesellschaftliche Relevanz von Kaffeetassen wirklich gelesen haben. Dann poppt sie auf – die Paywall in glänzendem Blau, begleitet von einem freundlichen Hinweis: „Upgraden Sie noch heute!“

Ich wollte doch nur eine Statistik. Eine klitzekleine Übersicht. Ein bisschen Zahlenwerk, um mein Ego mit analytischer Präzision zu trösten. Aber anscheinend ist das in der Welt von WordPress und seinen Plugin-Kumpanen eine Sünde wider die Geschäftslogik. Statistik gibt’s erst, wenn du brav bezahlst – monatlich, versteht sich. Denn Einmalzahlungen sind ja so 2010.

Das Plugin-Paradies (aka Aboknast)

Die eigentliche Ironie beginnt, wenn man sich auf die Suche nach den heiß begehrten Zusatzfunktionen macht. Plugins, das sind die kleinen Lemminge im WordPress-Universum: scheinbar unendlich viele, alle mit großen Versprechen. „Kostenlos“, steht da – aber nur so lange, bis du klickst. Dann, fast schüchtern: „Premium-Features ab 9,99 € im Monat.“

Neunneunundneunzig. Im Monat. Für was? Für ein paar Zeilen Code, die irgendwo auf GitHub in einer Kaffeepause entstanden sind? Ich würde ja sagen: Hut ab, findige Entwickler. Kapitalismus funktioniert. Aber irgendwo zwischen „Spendenknopf“ und „Abo-Modell“ ist die Ethik des freien Internets wohl abhanden gekommen. Vielleicht hat sie ein Captcha verschluckt, vielleicht ruht sie auf einem alten Server neben Flash-Player 8.

Und dann diese Dreistigkeit, mit der einem die Monetarisierung entgegengrinst. Früher hätte man gesagt: „Wenn du etwas liebst, gib ihm ein Like.“ Heute heißt es: „Wenn du etwas nutzt, zahl es monatlich – oder verlier es bei der nächsten Aktualisierung.“ Ich verstehe ja, dass Entwickler auch leben müssen. Aber muss ich wirklich 6,99 € im Monat zahlen, um den „Dark Mode“ meines Dashboards zu aktivieren? Ich meine: Dunkel war’s, der Mond schien helle – ganz ohne Plugin.

Abhängigkeit mit Benutzerkonto

Vielleicht ist das das eigentlich Geniale am ganzen System: Diese stillschweigende digitale Erpressung, die uns zu Dauerzahlern macht. Man hängt ja schon drin, mit Domain, Historie, Textarchiv und emotionaler Bindung. WordPress weiß das. Es weiß, dass du nicht einfach umziehst, weil du dann 142 interne Links neu setzen müsstest. Also bleibst du, seufzenderweise, und klickst halt wieder auf „Upgrade“ – rein technisch natürlich, nicht im spirituellen Sinn.

Man könnte sagen, WordPress sei ein bisschen wie ein Telekommunikationsanbieter: Du weißt, dass du zu viel zahlst, aber du weißt auch, dass der Schmerz des Wechsels größer wäre als der Schmerz des Bleibens. Abo-Knechtschaft 4.0 – mit freundlichen Grüßen der Open-Source-Romantik.

Statistik? Fehlanzeige.

Also doch: ich wollte einfach nur wissen, welcher Blogbeitrag wie viele Besucher hat. Kein großes Analyse-Dashboard, keine fancy Heatmaps, keine Funnel-Optimierung für Vertriebsträume, nur schlichte Zahlen. Aber Zahlen sind offenbar Premium-Wissen, göttliche Offenbarungen, zu deren Besitz man sich erst im monatlichen Ritual der Abbuchung qualifizieren muss.

Ich habe einen Moment lang tatsächlich überlegt, ob ich nicht lieber selbst mitzähle. Jeden Klick manuell. Vielleicht per Strichliste. Oder auf Bierdeckeln, weil das wenigstens authentisch bleibt. Aber dann fiel mir ein: WordPress würde sicher ein Plugin anbieten, das „manuelles Zählen“ emuliert – natürlich mit Abo-Funktion und Cloud-Synchronisierung.

Der Code und das Kaffeegeld

Versteht mich nicht falsch: Entwickler haben jede Anerkennung verdient. Aber was früher ein Hobbyprojekt war, das irgendwo in
einem Forum geteilt wurde, wird heute strategisch in Preisstufen portioniert. Basic, Pro, Ultimate, Lifetime (Spoiler: Lifetime gilt bis zur nächsten Produktversion). Und wer brav bezahlt, bekommt dann Priorität im Support-Chat – was in etwa so klingt, als würde der Hersteller deines Autos dich nur dann abschleppen, wenn du vorher den Premium-Schlüsselanhänger gekauft hast.

Wo ist die gute, alte Kaffeespende geblieben? Dieses stille „Danke“, wenn ein Stück Code den Alltag rettete. Heute ist daraus eine Monatsrate geworden, die zwischen Netflix und Stromrechnung verschwindet, weil jedes Plugin meint, es sei das Rückgrat des Internets. Irgendwann werden wir pro Absatz bezahlen, den wir in WordPress tippen. Oder pro Komma. Sie lachen? Warten Sie’s ab.

Zwischen Ironie und Kapitulation

Ich gebe zu, es ist nicht alles schlecht. WordPress bleibt trotz allem das Rückgrat vieler Blogs (siehe Zwischen den Zeilen), die das Leben online reflektieren, kommentieren, manchmal einfach retten. Aber der Weg dorthin fühlt sich zunehmend an wie ein Slalom zwischen Bezahlschranken. Und so entwickelt sich Schreiben zu einer paradoxen Disziplin: kostenloser Inhalt in einer teuren Umgebung.

Vielleicht ist das das heimliche Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts: Die Gedanken sind frei, aber das Backend kostet extra.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Vielleicht wechsle ich irgendwann zu einer statischen HTML-Seite, ganz ohne Plugin, ohne Updatepanik, ohne Abo. Nur Text und ein bisschen Trotz. Oder ich bleibe hier, zahle mein digitales Lösegeld und schreibe weiter – mit grimmigem Humor und der kindischen Hoffnung, dass irgendwo in einem dunklen WordPress-Serverraum wenigstens einer meiner Texte Statistik-Zugang hat.

Und falls dieser Beitrag eines Tages viral geht, werde ich es wohl nie erfahren. Die Statistikseite ist schließlich: Premium.

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