Oder: Wenn Design plötzlich wieder dem Überleben weichen muss.
China. Das Land, das bei Technologie gern mal ins Risiko geht – entscheidet plötzlich „Safety first“. Und zwar dort, wo sonst westliche Premiumhersteller mit stolzgeschwellter Brust über „Innovation“ und „Formvollendung“ dozieren: bei versenkbaren Türgriffen. Man höre und staune: Ab Juli 2027 müssen Neuwagen in China wieder eine mechanische Redundanz besitzen. Kein Witz. Kein Aprilscherz. Und ja – sogar Tesla muss mitziehen.
Form vor Funktion – bis einer brennt
Schon damals, vor Jahren, als jeder Autoentwickler sich in „Clean Surfaces“ verliebte und Griffe plötzlich verschwinden mussten wie die Ehrlichkeit in der Politik, war für mich klar: hier bahnt sich ein sicherheitstechnisches Trauerspiel an. Ich hatte dazu eine HARA – eine Hazard Analysis and Risk Assessment – erstellt. Und, Überraschung? Ich hatte arge Zweifel angemeldet. Großzügig gesagt. Denn die schönsten Linien sind herzlich egal, wenn du beim Unfall die Tür nicht aufbekommst.
Jetzt also ist es offiziell: Mechanik schlägt Elektroschick. Denn wenn der Strom ausfällt oder das Auto nach einem Crash brennt, nützt das elegant aus der Karosserie gleitende Stück Design exakt gar nichts. Der Griff fährt nicht mehr aus, du auch nicht.
Elektronische Griffe – die Achillesferse im Chromlook
Laut chinesischer Behörden sollen elektronische Türgriffe eine achtmal höhere Ausfallrate haben als konventionelle. Und sie machen stolze 12 Prozent aller Reparaturen aus. Es sind diese kleinen Zahlen, die einem Ingenieur Tränen in die Augen treiben – oder Kopfschmerzen, je nach Position auf dem Lohnzettel. Dazu kommen dreifach höhere Kosten in Herstellung und Reparatur. Wer hätte gedacht, dass sich Fortschritt so teuer anfühlen kann?
Die aufgeführten Schwachstellen lesen sich fast wie ein Pflichtenheft des Grauens: Griffe frieren im Winter ein, geben bei Regen den Geist auf oder verabschieden sich bei jedem Kurzschluss in den digitalen Himmel. Bei Feuer oder Stromausfall werden sie unbrauchbar, und die Notentriegelung – sofern vorhanden – ist für Kinder kaum auffindbar.
Außer vielleicht, man ist Elon Musk persönlich. Der findet bestimmt den „Emergency Pull“ mit einer Hand, während er mit der anderen über seine Marskolonie twittert.
China zieht die Reißleine, Europa schaut zu
Ironischerweise ist es also nicht das vielzitierte „deutsche Ingenieurwesen“, das nach Jahren des Premium-Designwahns zuerst wieder auf die Idee kommt, dass Sicherheit wichtiger sein könnte als eine bündige Türfuge. Nein, es ist China – das Land, das sonst eher in Schlagzeilen auftaucht, wenn es um Datenschutz oder Gesichtserkennung an Zebrastreifen geht.
Ab 2027 gilt dort: Versenkbare Türgriffe? Nur, wenn sie sich auch manuell öffnen lassen. Halbversenkbare Varianten bleiben erlaubt, solange sie nicht das nötige Muskeltraining für den Türzug vereiteln. Sicherheit, Redundanz, Hausverstand – plötzlich alles wieder im Pflichtenheft.
Und was besonders bemerkenswert ist: China hält sich dabei – man reibt sich verwundert die Augen – konkret an internationale Sicherheitsstandards. Die Maßnahmen leiten sich nämlich direkt aus der bekannten ISO 26262 ab. Diese Norm für funktionale Sicherheit in Straßenfahrzeugen ist im Westen seit Jahren Pflichtbestandteil jedes Safety-Case. Und während in Europa mancher OEM sie als lästige Audithürde behandelt, scheinen chinesische Behörden sie nun ernsthafter zu exekutieren als ihre Urheber.
Mit anderen Worten: Die ISO 26262 wird in China – tatsächlich! – ernst genommen. Vielleicht so ernst, wie sie ursprünglich gedacht war: als Schutz gegen die schöne neue Welt des „Overengineerings mit Stilgarantie“.
Jetzt muss nur noch die SOTIF (ISO 21448) – also die Safety of the Intended Functionality – ernst genommen werden, damit „intelligente“ Systeme auch wirklich das tun, was sie sollen, und nichts weiter. Und wenn dann noch die Cybersecurity-Norm ISO 21434 endlich nicht nur als PowerPoint-Aufzählung verstanden wird, könnten wir tatsächlich von sicheren Autos sprechen. Vielleicht. Sagen wir: 2035?
Safety vs. Design – ein altbekannter Konflikt
Ich erinnere mich an hitzige Diskussionen in Entwicklungsrunden. Damals hieß es, Design sei Markenidentität, Sicherheit „gesetzt“. Ja, gesetzt – bis man sie abwählt. Denn wenn es um „Purismus“ oder das „nächste große Look-&-Feel-Erlebnis“ ging, entschieden plötzlich Manager über Türmechanismen, die vermutlich die Notentriegelung selbst nicht gefunden hätten, säßen sie im Crash-Testfahrzeug.
Aber gut, späte Einsicht ist besser als gar keine. Vielleicht wird die Erkenntnis irgendwann Allgemeinwissen: Dass Technik, die nur mit Strom funktioniert, keine Redundanz ist, sondern eine schöne Idee mit tödlichem Nachteil.
Digitalisierung mit Blindstelle
Natürlich passt diese Episode perfekt in das große Narrativ der „smart everything“-Welt. Alles soll vernetzt, elektrisch, sensibel auf Annäherung reagieren. Und wehe, man braucht einmal einen Griff, der sich anpacken lässt. Dann heißt es plötzlich: Akkustand 0%, bitte App öffnen – oder, noch besser, warten Sie auf das Softwareupdate 3.7.4.
Hier zeigt sich erneut diese gefährliche Mischung aus ästhetischem Hochmut und ingenieurtechnischer Amnesie. Man weiß, wie man Autos zum Fahren bringt, aber nicht, wie man sie im Notfall aufbekommt. Das ist fast schon poetisch, wenn man schwarzen Humor mag.
Oder tragisch. Je nachdem, wer im Auto sitzt.
Wer zuletzt zieht, zieht sicher
Ironie beiseite – es war nur eine Frage der Zeit, bis das Thema global Kreise zieht. Denn was in China verboten wird, bleibt selten folgenlos. Hersteller produzieren nicht doppelt, wenn sie vermeiden können, neue Crash-Abnahmen und Homologationsverfahren durchlaufen zu müssen. Das heißt: Die Mechanik kehrt zurück, weltweit. Vielleicht ist das der leise Anfang vom Ende des formverliebten Technikschaums.
Und wer weiß – vielleicht entdecken wir bald auch wieder den Charme eines echten Drucktasters. So richtig zum Draufdrücken. Mit Feedback, Federweg und Zweck. Ein Griff eben, im wörtlichen Sinn.
Die Moral der Geschichte
Wenn man Design zu Religion erhebt, vergisst man oft, dass funktionierende Technik das eigentliche Dogma sein sollte. China hat’s geschnallt, spät, aber immerhin. Während im Westen noch über KI-gestützte Blinker und Avatar-Assistenten diskutiert wird, entscheidet man dort trocken: „Tür auf oder nicht Tür auf?“ – das ist die eigentliche Premiumfrage.
Und wer fragt, warum man überhaupt noch echte Griffe braucht, dem sei geantwortet: Weil du sie eines Tages brauchst. Nicht, um das Auto zu öffnen, sondern um rauszukommen.
Aber schön, dass wenigstens einer nachrechnet, bevor es zu spät ist. Safety first – wer hätte gedacht, dass die Pointe ausgerechnet aus China kommt?
Mehr Gedanken zwischen Lessing und Neuzeit – über Technik, Tragikomik und die feine Linie zwischen Intelligenz und Hybris.

