Stuttgart, Frühling 2026. Die Grünen gewinnen in Baden-Württemberg – wieder einmal. Man könnte meinen, das sei eine Art badische Zen-Übung im politischen Dauerlauf: Winfried Kretschmann, der ewige Landesvater, geht in die wohlverdiente Rente, und das Land vertraut den Grünen trotzdem weiter. Ein Vertrauensvorschuss. Oder wenigstens der Versuch, den Kompass auf Stabilität zu halten. Doch kaum ist der Applaus verklungen, steht die CDU schon wieder auf der Matte: beleidigt, trotzig, und mit dem politischen Niveau eines Sandkastenstreits um die größere Schaufel.
Der neueste Vorschlag der Christdemokraten erinnert frappierend an Grundschul-Logik auf Speed: „Dann teilen wir halt die Amtszeit des Ministerpräsidenten!“ – als wäre Politik ein Tortendiagramm und Macht eine Süßigkeitenschale nach dem Kindergeburtstag. Man könnte lachen, wenn es nicht so erbärmlich wäre. Denn wo bleibt hier eigentlich das kleine Wörtchen Demokratie? Ihr wisst schon, das mit der Wahl, der Mehrheit, dem Mandat durch die Bürger? Ist das irgendwo zwischen den Fraktionssitzungen und Spiegel-Selfies verloren gegangen?
Demokratie, das war doch dieses Ding mit Wahlen, oder?
Sorry der blöden Nachfrage, liebe CDU – aber habt ihr das Prinzip Demokratie überhaupt noch auf dem Schirm? Meint ihr ernsthaft, ihr könnt mit einem taktischen Übernahmeversuch punkten, während das Wahlergebnis noch warm vom Drucker läuft? Der Verdacht liegt nahe: Ihr habt die Spielregeln entweder nie verstanden oder längst vergessen. Legislaturperioden, kleiner Erinnerungskurs, existieren nämlich nicht, um die Macht zwischen Wahlkämpfen neu zu verhandeln. Sie sind dazu da, Politik zu gestalten – mit Zeit, Haltung und Ziel. Ihr dagegen wirkt, als würdet ihr auf kurzfristigen Applaus hoffen, während das Publikum längst den Saal verlassen hat.
Und an alle in der Parteizentrale, die jetzt hektisch kommunizieren wollen: Nein, das ist kein „Zeichen politischer Verantwortung“, wenn man nach verlorener Wahl sofort Machtspiele anzettelt. Das ist schlichtweg unverschämt, unklug und peinlich. Ihr habt verloren. Punkt. Akzeptiert es. Macht Opposition. Lernt wieder, was das bedeutet. Wäre ja nicht das erste Mal.
Politische Reife ist kein Schönwetterbegriff
Vielleicht liegt das Problem tiefer. CDU und CSU – die ewigen Schwestern im konservativen Familiendrama – haben offenbar vergessen, was politische Kultur eigentlich bedeutet. Statt ehrlicher Analyse und Demut erleben wir Machtfantasien, Pöbeleien und Personalgeschacher. Wer sich nach einer Niederlage wie ein schlechter Verlierer benimmt, offenbart nicht Stärke, sondern Schwäche. Man erkennt eine Partei nicht an ihren Siegen, sondern daran, wie sie mit Niederlagen umgeht. Und da steht ihr momentan schlechter da als ein Darts-Turnier in der Kneipe nach Mitternacht, bei dem keiner mehr geradeaus zielen kann.
Ausgerechnet die Partei, die jahrzehntelang von sich behauptete, das Rückgrat der Demokratie zu sein, zeigt nun, wie instabil dieses Rückgrat werden kann, wenn Macht verloren geht. Es wirkt, als hätten manche Funktionäre das Gefühl, „Volkspartei“ bedeute automatisch einen Anspruch auf Regierungsbeteiligung – egal, wie das Volk gerade abgestimmt hat. Das ist ungefähr so demokratisch wie ein Casino ohne Notausgang, aber mit Dauereinlass für Stammkunden.
Der Wähler ist nicht euer Maskottchen
Und jetzt mal ehrlich: Glaubt ihr wirklich, die Wähler sind so dumm, diese Spielchen nicht zu durchschauen? Dass niemand merkt, wie ihr versucht, das Wahlergebnis auf Parteiebene umzudeuten, solange es in euer Machtkorsett passt? Nachrichtenflash: Demokratie heißt, dass die Bürger euch einen Auftrag geben. Und wenn sie ihn nicht geben, dann habt ihr ihn nicht. So einfach. Kein Interpretationsspielraum. Kein „Aber wir auch!“. Es ist nicht euer persönlicher Betriebsausflug, den man nach Abstimmung noch „ein bisschen fairer“ gestalten kann.
Mit diesem Verhalten treibt ihr Wähler immer stärker in die blauen Arme mit dem braunen Innenleben – genau dorthin, wo ihr angeblich nie landen wolltet. Ihr spielt euch als Bollwerk gegen den rechten Rand auf, während euer politisches Schmierentheater genau diesen Rand erst salonfähig macht. Das Tragische daran: Ihr hattet einmal geschworen, genau das zu verhindern. Zumindest meinte Friedrich Merz das mal.
Viele Bürger haben bei dieser Wahl genau darauf reagiert – auf diese Arroganz des Apparats, der nicht mehr zuhört. Vielleicht ist das der wahre Grund für den Erfolg der Grünen (und den relativen Absturz der CDU): Das Gefühl, dass es Menschen gibt, die wenigstens noch Politik machen wollen, statt Macht zu haben. Dass da ein Rest Authentizität übrig ist zwischen all dem PR-Sprech und den „alternativlosen Strategien“ von gestern.
Die Basis schweigt – oder schläft?
Und da kommt die vielleicht entscheidende Frage: Wo ist eigentlich die CDU/CSU-Basis in dieser ganzen Farce? Steht ihr da, klatscht artig und hofft, dass der Sturm vorüberzieht? Oder habt ihr wirklich schon Gehirn gegen Parteibuch getauscht? Das wäre tragisch, in vielerlei Hinsicht. Denn Demokratie lebt vom Widerspruch, von Diskussion – und besonders davon, dass man seinen eigenen Leuten auch mal widerspricht, wenn sie völlig durchdrehen. Wo bleibt der Aufstand der Anständigen in der eigenen Partei? Wo ist euer Rückgrat?
Nicht gegen Jens Spahn aufzustehen, macht euch zu Mittätern – in Maskendeals, in der milliardenschweren Steuerverschwendung, in den undurchsichtigen Immobiliendeals, die längst den Beigeschmack von Selbstbedienung tragen. Da hilft auch kein Parteiamt als moralischer Schutzschild. Das Amt als Vorsitzender hin oder her – Verantwortung wiegt schwerer als Loyalität, oder sollte es zumindest. Wer schweigt, stimmt zu. Und wer sich wegduckt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr zuhört.
Man muss es so hart sagen: Eure Führung wirkt toxisch, egomanisch und abgehoben. Und solange sie das bleibt, solange keiner von euch den Mut hat, klar Nein zu sagen, wird sich daran nichts ändern. Wer zu seiner Partei steht, darf nein muss sie auch kritisieren – gerade dann. Der blinde Gehorsam hat noch keiner Bewegung gutgetan, weder religiösen noch politischen. Vielleicht wäre es also Zeit, wieder politisches Denken zu lernen – nicht taktisches.
Ein Blick über den Tellerrand
Während die CDU also noch mit sich selbst beschäftigt ist, funktioniert die Demokratie in Baden-Württemberg weiter – leise, zäh, pragmatisch. Die Grünen führen, mit dem Respekt der Wähler im Rücken, und das ist erstmal völlig legitim. Regierung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – keine Rache an der Wahlurne. Das sollten eigentlich alle Parteien wissen, aber so weit scheint das Schulfach „Demokratiekunde“ bei manchen schon vergessen zu sein.
Vielleicht wäre es Zeit, weniger PowerPoint in den Parteitagen und mehr politische Bildung. Weniger Parteidisziplin, mehr Haltung. Und weniger Reflex, sofort wieder „an die Macht“ zu wollen, sobald der Wahlabend vorbei ist. Wer Demokratie nicht versteht, sollte sie nicht verwalten.
Fazit: Wer schlecht verliert, hat schon verloren
Schlechte Verlierer erkennt man nicht daran, dass sie traurig sind. Sondern daran, dass sie die Realität umschreiben wollen, um sich selbst wieder besser zu fühlen. Genau das passiert gerade. Doch die Demokratie ist kein Spielzeugladen. Kein Deal. Kein Trauerspiel mit verteilten Rollen. Sie gehört nicht euch, sie gehört uns allen – den Bürgern, die euch gerade ziemlich klar gesagt haben, was sie wollen.
Wenn ihr das nicht versteht, dann ist nicht die Demokratie in der Krise – sondern euer Demokratieverständnis. Und das, liebe CDU, ist ein viel größeres Problem als jeder verlorene Wahlabend.

