a number of owls are sitting on a wire

Reichweite der Dummheit – Warum wir dem Polit-Opa’s immer noch zuhören

Es gibt dieses uralte, einfache Rezept, das in beinahe jeder Familie irgendwann erprobt wurde: Wenn Opa wieder aus der guten alten Zeit erzählt, einfach freundlich lächeln und winken. Kein Streit, keine Diskussion, kein missionarischer Eifer – man weiß ja, das bringt nichts. Doch was in der Kaffeerunde funktioniert, scheint im gesellschaftlichen Maßstab völlig verloren gegangen zu sein. Statt zu lächeln und zu winken, schenken wir den lautesten, oft auch uninformiertesten Stimmen Reichweite, Macht – und eine Bühne, die sie nie hätten betreten sollen.

Das Opa-Prinzip in der Öffentlichkeit

Wenn Opa damit prahlt, wie er „damals schon gewusst hat, wie’s läuft“, dann lächeln wir. Wenn Opa meint, die Welt sei heute aus dem Lot geraten, weil „man ja gar nichts mehr sagen darf“, dann winken wir. Aber sobald Opa einen Twitter- bzw. X-Account hat, 5 Millionen Follower und ein Mikrofon bei einem nationalen Nachrichtensender, hören wir auf zu winken – und fangen an, zuzuhören, zu zitieren, zu diskutieren.

Das ist die eigentliche Tragödie moderner Kommunikation: Wir verwechseln Lautstärke mit Relevanz. Figuren wie Donald Trump oder Friedrich Merz funktionieren medial nach demselben Prinzip wie der Familienopa – mit Anekdoten, Selbstinszenierung und einer gehörigen Portion Realitätsverweigerung. Nur dass ihre Reichweite heute algorithmisch multipliziert wird. Ein Tweet, eine flapsige Bemerkung im Fernsehen, eine Halbwahrheit über Klimawandel oder Migration – und schon beginnt der Zyklus aus Empörung, Schlagzeilen und Talkshows.

So entsteht die Aufmerksamkeitsökonomie der Dummheit: Aufmerksamkeit ist die wertvollste Ressource, und wer sie bekommt, darf sie in Macht umwandeln. Der Preis: unsere kollektive Zeit, unsere Energie – und zunehmend auch unser Wahrheitsverständnis.

Warum diskutieren wir über Dinge, die keine Diskussion brauchen?

Es gibt Themen, bei denen die Faktenlage so klar ist, dass jede „Debatte“ darüber ein Rückschritt ist. Der Klimawandel ist real. Impfungen retten Leben. Die Erde ist keine Scheibe. Trotzdem wird über all das diskutiert, als ginge es um Geschmackssache oder Glaubensfragen. Diese absurde Verschiebung – von Wissen zu Meinung – ist das, was Philosophen wie Harry G. Frankfurt treffend als „Bullshit“ bezeichnet haben: Aussagen, denen es völlig egal ist, ob sie wahr oder falsch sind. Hauptsache, sie klingen gut.

Das Problem: In sozialen Netzwerken und Talkshows sind diese Aussagen keine Nebengeräusche mehr. Sie sind Treibstoff. Der Algorithmus kennt kein „richtig“ oder „falsch“ – nur „interessant“ oder „nicht interessant“. Und so haben wir eine Öffentlichkeit geschaffen, in der das Empörende systematisch belohnt wird. Wenn also jemand mit einer hanebüchenen Theorie mehr Klicks bekommt als eine wissenschaftliche Klarstellung, ist das kein Zufall, sondern das Geschäftsmodell.

Opa Trump und die Evolution der Reichweite

Donald Trump ist das Paradebeispiel für die Eskalation dieses Mechanismus. Ein Mann, der aus Halbwahrheiten, Skandalen und Selbstwidersprüchen ein Dauerfeuerwerk der Aufmerksamkeit geschaffen hat. Als er 2016 ins Weiße Haus zog, war das kein Triumph der Argumente, sondern ein Triumph der Reichweite. Die Medien, die ihn angeblich „entlarven“ wollten, machten ihn erst groß. Jeder empörte Artikel, jede Fernsehdebatte war kostenloses Marketing. Die Grenzen zwischen Kritik und Promotion lösten sich auf.

In Deutschland funktioniert das ähnlich, wenn auch gemäßigter. Friedrich Merz, der sich als Retter der konservativen Vernunft verkauft, inszeniert sich mit ähnlicher Strategie: leicht provokant, paternalistisch, verlässlich in der Wiederholung alter Muster – „früher war alles besser“. Dass viele seiner Aussagen empirisch kaum haltbar sind, spielt keine Rolle. Hauptsache, sie knallen in der Tagesschau. Hauptsache, sie werden zitiert, geteilt, debattiert. Die Medien loggen sich bereitwillig in das Spiel ein, weil Klicks eben Klicks bleiben, auch wenn sie aus blanker Entrüstung entstehen (Tagesspiegel).

Das Lächeln und Winken, das wir verlernt haben

Früher bedeutete „lächeln und winken“: Wir erkennen den Unsinn, aber wir verschwenden keine Energie darauf. Heute dagegen scheint es fast ein moralisches Gebot zu sein, jedes falsche oder dumme Argument zu kommentieren. Als könnten wir die Welt retten, indem wir auf X (ehemals Twitter) Faktenchecks posten. Aber das Problem lässt sich nicht mit Datenblättern lösen, sondern mit Haltung. Wir müssen wieder lernen, zwischen Diskussionswürdigkeit und Diskussionswürdigung zu unterscheiden.

Wenn jemand behauptet, Windräder würden das Wetter beeinflussen, ist das keine Meinung, sondern ein Missverständnis. Wenn jemand sagt, Medien seien „gleichgeschaltet“, ist das keine Debatte, sondern Desinformation. Statt uns in endlose Kommentar-Schlachten zu verstricken, wäre die reifere Reaktion: höflich lächeln, kurz atmen – und den Unsinn ziehen lassen. Nicht, weil die Wahrheit egal wäre, sondern weil jede Replik das Feuer nährt, das der Algorithmus so liebt.

Die Psychologie der Aufmerksamkeit

Warum fällt uns das so schwer? Weil Empörung süchtig macht. Studien aus der kognitiven Psychologie zeigen, dass moralische Empörung in sozialen Medien dieselben Belohnungsmechanismen anspricht wie Zucker oder Glücksspiel. Jedes Mal, wenn wir uns über einen besonders dummen Kommentar aufregen, schüttet unser Gehirn Dopamin aus. Das fühlt sich kurzfristig gut an – und hält langfristig die Dummheit am Leben. Denn Aufmerksamkeit, ob positiv oder negativ, ist Nahrung.

Wer Aufmerksamkeit will, muss also nicht recht haben. Er muss nur provozieren. So erklären sich Phänomene wie Querdenken, Klimaleugnung oder Kulturpessimismus: Es geht längst nicht mehr um Wahrheit, sondern um Reichweite. Und während wir uns noch entrüsten, hat das nächste Schlagwort, die nächste Verschwörung, der nächste „Aufreger“ schon wieder Millionen Klicks gesammelt.

Was tun gegen die Reichweite der Dummheit?

Die vielleicht ehrlichste Antwort lautet: weniger reagieren. Oder wie Kommunikationsforscherin Natalie Fenton sagt: „Ignorieren ist die neue Form der Medienkompetenz.“ Das bedeutet nicht, die Stimme der Vernunft aufzugeben, sondern sie gezielt einzusetzen. Faktenchecks sind wichtig, aber sie sollten nicht zum Selbstzweck werden. Der Fokus sollte auf denen liegen, die zuhören wollen – nicht auf denen, die sowieso nicht überzeugt werden können.

Medien müssten aufhören, Provokationen zu belohnen. Kein Liveticker für jede populistische Bemerkung, kein Sendeplatz für jeden Empörungskünstler. Plattformen wie The New York Times oder Süddeutsche Zeitung zeigen, dass differenzierte, faktenbasierte Debatten durchaus Klicks generieren können – nur eben nicht sofort. Qualität hat eine langsamere Halbwertszeit als Clickbait, aber eine deutlich höhere Nachhaltigkeit.

Bullshit Detox: Ein Vorschlag

Wir könnten kollektiv beschließen, weniger Dummheit zu teilen. Keine Screenshots, keine empörten Retweets, keine ironischen Kommentare. Jede Reaktion verlängert die Reichweite des Unsinns, den wir kritisieren wollen. Stattdessen: Fakten konsequent, aber nüchtern präsentieren. Die Aufmerksamkeit auf die Dinge lenken, die wirklich Wirkung haben – Wissenschaft, Kultur, Bildung. Wer Dummheit ignoriert, entzieht ihr den Sauerstoff.

Vielleicht wäre das die zeitgemäße Version von „lächeln und winken“. Nicht Resignation, sondern bewusste Energieökonomie. Ein stilles Nein zum lärmenden Durcheinander. Denn das Gegenteil von Dummheit ist nicht Intelligenz – es ist Gelassenheit.

Am Ende bleibt die Frage

Warum schenken wir dem Opa Trump und dem Opa Merz so viel Reichweite? Weil wir es können. Und weil uns das System dafür belohnt. Die digitale Öffentlichkeit ist ein Zirkus mit unbegrenzten Rängen, und selbst die schlechtesten Clowns bekommen Applaus, solange genug Leute hinsehen. Die eigentliche Revolution wäre, einfach aufzustehen und aus dem Zelt zu gehen.

Vielleicht ist es also Zeit für ein kollektives Lächeln. Nicht aus Arroganz, sondern aus Einsicht. Lächeln, winken – und weitermachen mit Dingen, die wirklich Bedeutung haben. Denn Dummheit kann laut sein, aber sie bleibt immer nur so weit, wie wir sie tragen.

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