Lachen – verlernte Chance?

Ich liebe Podcasts, Kabarett, schwarzen Humor, Sarkasmus und vor allem Gespräche mit Menschen, die über einen ausgeprägten Sinn für das Absurde verfügen. Interviews mit Kabarettisten höre ich deshalb oft lieber als politische Interviews, was möglicherweise daran liegt, dass beide Berufsgruppen von gesellschaftlichen Widersprüchen leben, aber nur eine davon offen zugibt, daraus ein Geschäftsmodell gemacht zu haben. Ist Lachen eine ungenutzte Ressource?!

Lachen als Ressource

Dabei fällt mir immer wieder etwas auf: Humor gilt gesellschaftlich als ausgesprochen positive Eigenschaft. In Kontaktanzeigen, Bewerbungsgesprächen und Selbstbeschreibungen besitzen erstaunlich viele Menschen Humor. Im wirklichen Leben hingegen wird damit offenbar sehr sparsam umgegangen. Fast so, als handele es sich um eine endliche Ressource, die man besser für die Rente aufhebt.

Kinder scheinen diesen Fehler noch nicht zu machen.

Wir kommen lachend auf die Welt und werden dann vernünftig

Die gern verbreitete Behauptung, Kinder würden 300- oder 400-mal am Tag lachen und Erwachsene nur noch 15-mal, ist übrigens eine jener wunderbaren Statistiken, die vor allem deshalb überlebt, weil sie so schön klingt. Belastbare wissenschaftliche Belege dafür gibt es nicht. Dass Kinder spielerischer mit Komik, Unsinn, Sprache und absurden Situationen umgehen, ist hingegen wesentlich besser begründet. Vielleicht sollten wir also wenigstens beim Thema Lachen nicht gleich mit einer erfundenen Zahl beginnen.

Interessanter ist ohnehin etwas anderes: Lachen ist keine kulturelle Erfindung des Menschen und schon gar kein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Die Forschung betrachtet es als evolutionär tief verankertes soziales Verhalten; verwandte Lautäußerungen finden sich bei Primaten und sogar bei Nagetieren. Lachen dient dabei nicht nur der Reaktion auf Humor, sondern kann Spannungen reduzieren, Spiel signalisieren und soziale Bindungen fördern. Eine weitere Arbeit beschreibt Lachen sogar als möglichen evolutionären Mechanismus, mit dem größere menschliche Gruppen soziale Nähe herstellen konnten.

Die Evolution hat uns also über einige Millionen Jahre ein bemerkenswert leistungsfähiges Instrument zur Stressregulation und sozialen Verständigung mitgegeben. Wir haben daraus Comedy-Abos gemacht.

Auch eine Leistung.

Humor als kostenpflichtige Dienstleistung

Natürlich lachen Erwachsene noch. Aber auffällig oft organisieren wir inzwischen einen Anlass dafür. Wir kaufen Karten fürs Kabarett, abonnieren Streamingdienste, hören Comedy-Podcasts oder besuchen Veranstaltungen, bei denen ein professionell ausgebildeter Mensch auf einer Bühne steht und uns daran erinnert, dass das Leben möglicherweise doch nicht ausschließlich aus Steuererklärungen, Outlook-Terminen, Heizkostenabrechnungen und der nächsten Reform der Rentenversicherung besteht.

Das Absurde daran ist nicht, dass wir für gute Unterhaltung bezahlen. Gute Kabarettisten sollen selbstverständlich von ihrer Arbeit leben können. Das Absurde liegt darin, dass wir Humor zunehmend konsumieren, statt ihn als selbstverständlichen Bestandteil unseres eigenen Alltags zu kultivieren. Wir delegieren das Lachen an Fachkräfte.

Montag bis Freitag herrscht Ernstbetrieb, am Samstag übernimmt der zertifizierte Humor-Dienstleister.

Vielleicht gibt es demnächst Laughter-as-a-Service: drei spontane Lacher im Basistarif, Ironie nur Premium, Sarkasmus wegen erhöhter gesellschaftlicher Risiken ausschließlich nach Altersverifikation.

Der Ernst hat sich professionalisiert

Besonders erstaunlich finde ich, wie sehr Ernsthaftigkeit mit Kompetenz verwechselt wird. Wer bei einer Besprechung mit finsterem Gesicht auf eine PowerPoint-Folie blickt, auf der drei Pfeile von links unten nach rechts oben zeigen, wirkt professionell. Wer darauf hinweist, dass niemand erklären kann, was die Pfeile eigentlich bedeuten, gefährdet dagegen möglicherweise die konstruktive Atmosphäre.

Dabei ist Humor keineswegs das Gegenteil von Ernsthaftigkeit. Guter Humor setzt häufig voraus, einen Sachverhalt besonders genau verstanden zu haben. Sarkasmus funktioniert schließlich nur dann, wenn man den Widerspruch erkennt. Kabarett ist deshalb im besten Fall keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern deren ziemlich präzise Vermessung mit ungeeichten Instrumenten.

Vielleicht mag ich es genau deshalb: Humor verschiebt den Blickwinkel. Er nimmt einem Problem nicht seine Bedeutung, aber für einen kurzen Moment seine Herrschaft über das Denken.

Ein kleiner System-Reset fürs Gehirn

Wer in einer Gedankenschleife steckt, kennt deren erstaunliche Selbstgenügsamkeit. Das Gehirn bearbeitet dasselbe Problem zum vierzehnten Mal und hält das offenbar für Fortschritt. Lachen kann solche Zustände unterbrechen. Plötzlich verändert sich die Perspektive, körperliche Anspannung lässt nach, und zwischen Problem und Betrachter entsteht ein wenig Abstand.

Das ist nicht bloß romantische Küchenpsychologie. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse fand bei Interventionen mit spontanem Lachen eine deutliche Reduktion des Stresshormons Cortisol. Auch neuere Forschung untersucht Lachen entsprechend nicht nur als Reaktion auf einen gelungenen Witz, sondern als Bestandteil von Stressregulation, sozialer Kommunikation und Wohlbefinden.

Man sollte daraus nun bitte nicht sofort ein betriebliches Lachseminar mit Teilnahmebescheinigung machen. Genau darin sind wir schließlich gut: Sobald etwas kostenlos funktioniert, entwickeln wir einen Workshop, ein Zertifikat und eine PowerPoint-Präsentation dazu.

Vielleicht haben die Kinder recht

Kinder brauchen erstaunlich wenig, um sich über etwas kaputtzulachen. Ein falsches Wort genügt, ein Geräusch, eine Grimasse oder ein Erwachsener, der versehentlich gegen eine Glastür läuft. Ihre Kriterien für Hochkultur sind überschaubar, ihre Fähigkeit zur unmittelbaren Freude dagegen beneidenswert.

Mit zunehmendem Alter lernen wir dann Selbstkontrolle, Statusbewusstsein, angemessenes Verhalten und die Fähigkeit, in einer zweistündigen Besprechung nicht zu sagen, was wir wirklich denken. Zweifellos wichtige Kulturleistungen. Nur scheint auf diesem Weg etwas verloren zu gehen: die Bereitschaft, das Absurde nicht nur zu erkennen, sondern darüber zu lachen.

Vielleicht ist Humor deshalb weniger eine Tugend als eine Form geistiger Beweglichkeit. Wer lachen kann, muss für einen Augenblick zulassen, dass die Wirklichkeit auch anders betrachtet werden könnte. Gerade Sarkasmus lebt davon, eine vermeintlich selbstverständliche Ordnung umzudrehen und sichtbar zu machen, wie merkwürdig sie eigentlich ist.

Und davon gäbe es derzeit nun wirklich genügend Material.

Eine kostenlose Ressource, weitgehend ungenutzt

Wir diskutieren über Resilienz, Achtsamkeit, mentale Gesundheit, Work-Life-Balance und Stressmanagement, buchen Seminare, laden Apps herunter und bezahlen Abonnements, die uns daran erinnern, zwischendurch einmal ein- und auszuatmen. Gleichzeitig besitzen wir einen evolutionär ziemlich alten Mechanismus, der Spannungen lösen, soziale Nähe herstellen und den Blick auf Probleme verändern kann.

Er kostet nichts, benötigt keinen Account und verlangt nicht einmal ein Softwareupdate.

Vielleicht ist genau das sein Problem.

Ich werde jedenfalls weiterhin Kabarett hören, Comedy-Podcasts abonnieren und Interviews mit Menschen genießen, die beruflich auf die Absurditäten unserer Gesellschaft zeigen. Aber eigentlich wäre es schöner, wenn wir sie nicht dafür bräuchten, uns regelmäßig daran zu erinnern, dass man lachen darf.

Denn möglicherweise ist das Lachen gar keine Unterbrechung des ernsthaften Lebens.

Vielleicht gehört es dazu.

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