Millionen Bücher. Nicht verkauft, nicht verschenkt, nicht etwa in andere Länder exportiert, in denen deutschsprachige Literatur durchaus ihre Leser gefunden hätte. Nein, entsorgt. Auf Müllkippen, in stillgelegten Tagebauen, teilweise untergepflügt. Was nach der Wiedervereinigung mit großen Teilen der DDR-Literatur geschah, ist so grotesk, dass man es zunächst für eine besonders geschmacklose Satire halten könnte. Leider ist es Geschichte.

Ein Podcastbeitrag hat mich erneut auf dieses Kapitel der deutschen Einheit gestoßen. Und ich merke, wie sich bei mir etwas regt, das weit über historische Empörung hinausgeht. Es ist Wut. Nicht über die Wiedervereinigung, sondern darüber, wie man mit den Menschen und ihrer Kultur umgegangen ist, die man angeblich wieder in die deutsche Gemeinschaft aufnehmen wollte.
Ich habe bereits über die kollektive Erniedrigung der Ostdeutschen geschrieben. Über die systematische Entwertung von Lebensleistungen, über gesellschaftliche Herablassung und die merkwürdige Vorstellung, mit dem Untergang eines politischen Systems müssten auch die Biografien seiner Bürger ihren Wert verlieren.
Die Geschichte der Bücher fügt diesem Bild eine weitere, besonders widerwärtige Facette hinzu.
Ein falscher Geburtsort genügt
Natürlich gab es in der DDR politische Propagandaliteratur. Marxismus-Leninismus in sämtlichen Variationen, staatstragende Schriften und ideologische Pflichtlektüre, deren literarischer Wert sich gelegentlich auf den Heizwert des verwendeten Papiers beschränkt haben dürfte.
Aber wie groß war deren Anteil an der gesamten Buchproduktion?
Kinderbücher, Romane, Gedichte, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Übersetzungen, Naturführer, historische Werke, Erzählungen über Liebe, Verlust, Freundschaft und das ganz gewöhnliche Leben. Alles Produkte eines Landes, das sich nicht ohne Grund als Leseland verstand.
Besonders absurd wird diese kulturelle Entsorgung, wenn man sich die naturwissenschaftliche und technische Fachliteratur der DDR ansieht. Hier entstanden Werke von teilweise herausragender Qualität, die sich keineswegs hinter westdeutschen Veröffentlichungen verstecken mussten. Im Gegenteil: Fachbücher aus DDR-Verlagen fanden bereits vor der Wende auch im Westen Anerkennung und wurden dort vertrieben. Verlage wie der VEB Fachbuchverlag Leipzig, der Akademie-Verlag oder der VEB Verlag Technik standen für wissenschaftliche und technische Kompetenz, die sich nicht an der innerdeutschen Grenze auflöste.
Mathematik, Physik, Elektrotechnik oder Maschinenbau funktionieren schließlich nach Naturgesetzen und nicht nach Parteibeschlüssen. Ein Transistor schaltet weder sozialistisch noch kapitalistisch, und die Maxwell-Gleichungen interessierten sich schon damals herzlich wenig für die Beschlüsse des Zentralkomitees. Wer solche Bücher allein aufgrund ihrer Herkunft aussortierte, entsorgte nicht etwa eine Ideologie, sondern Wissen. Wissen, das man zuvor durchaus zu schätzen wusste, solange es fachlich nützlich war.
Wie viele dieser Bücher hatten überhaupt einen politischen Inhalt? Wie viele standen tatsächlich im Dienst der sozialistischen Staatsideologie? Eine belastbare Gesamtquote kenne ich nicht. Aber schon die Frage entlarvt die Absurdität einer pauschalen Entwertung.
Offenbar reichte es vielerorts, in einem DDR-Verlag erschienen zu sein, um unter Generalverdacht zu geraten. Nicht der Inhalt bestimmte den Wert, sondern die Herkunft. Literatur nach politischem Geburtsort sortiert.
Sippenhaft für Bücher.
Man stelle sich vor, wir würden sämtliche westdeutschen Veröffentlichungen der Nachkriegszeit aussortieren, weil sich unter ihren Autoren ehemalige Nationalsozialisten befanden. Oder amerikanische Literatur pauschal entsorgen, weil sie aus einem kapitalistischen Land stammt.
Der intellektuelle Aufschrei wäre gewaltig. Zu Recht. Bei der DDR schien eine solche Differenzierung plötzlich entbehrlich. Hier gab es nie einen Aufschrei, zumindest nicht direkt. Der indirekte Aufschrei sind die Wahlerfolge der Blauen.
Die Freiheit kam. Der Markt räumte auf.
Nun wäre es historisch unredlich, hinter jedem vernichteten Buch einen westdeutschen Kulturkommissar mit antikommunistischem Vernichtungsauftrag zu vermuten. Der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel beschreibt auch den Zusammenbruch des ostdeutschen Buchhandels, veränderte Leseinteressen und die ökonomischen Mechanismen, die zur massenhaften Entsorgung führten.
Das macht die Angelegenheit allerdings nicht unbedingt besser.
Denn wenn eine Gesellschaft zulässt, dass Millionen Bücher verschwinden, weil ihre Verwertung wirtschaftlich nicht mehr interessant oder möglicherweise rechtlich ungeklärt erscheint, offenbart das ein bemerkenswert kümmerliches Verständnis von Kultur.
Man hätte Bestände sichern, wissenschaftlich erschließen, exportieren oder wenigstens systematisch archivieren können. Stattdessen wurde entsorgt, was keinen unmittelbaren Marktwert mehr versprach.
Die Marktwirtschaft hatte übernommen. Und der Markt, bekanntlich ein ausgesprochen belesener Kulturhistoriker, entschied über das Gedächtnis eines ganzen Landesteils.
Besonders bitter ist, dass sich wirtschaftliche Abwicklung und ideologische Abwertung gegenseitig verstärkten. Autoren wurden nach vermeintlicher Staatsnähe beurteilt, ihre Werke verschwanden aus dem öffentlichen Bewusstsein. Nicht immer, weil sie schlecht geschrieben waren, sondern weil sie der falschen Vergangenheit angehörten.
Hinter jedem Buch steht ein Mensch
Was mich besonders trifft, sind die Schicksale der Autoren.
Carsten Gansel erinnert unter anderem an den Lyriker Manfred Streubel und den Karikaturisten Thomas Schleusing, die sich 1992 das Leben nahmen. Auch Werner Lindemann, Vater des Ramstein-Frontmanns Till Lindemann, musste erleben, wie seine Bücher auf Müllhalden landeten.
Es wäre unseriös, diese Suizide allein der Wiedervereinigung oder der Büchervernichtung zuzuschreiben. Menschliche Verzweiflung ist komplexer. Aber den Verlust von Anerkennung, beruflicher Existenz und kultureller Zugehörigkeit als belanglose Begleiterscheinung abzutun, wäre ebenso verantwortungslos.
Ein Schriftsteller verliert nicht einfach ein Produkt, wenn sein Werk vernichtet wird. Er verliert einen Teil seiner Lebensleistung, seiner Stimme und womöglich auch seines Selbstverständnisses.
Man stelle sich vor, jahrzehntelang geschrieben, veröffentlicht und gelesen worden zu sein, um anschließend zu erfahren, dass die eigene Arbeit plötzlich als historischer Ballast gilt. Nicht weil jemand das Werk gelesen und kritisiert hätte. Sondern weil sich die politischen Verhältnisse geändert haben.
Das ist keine literarische Auseinandersetzung. Das ist kulturelle Demütigung.
Und man wundert sich über die Ossis?
Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, weshalb sich viele Ostdeutsche nicht ausreichend repräsentiert fühlen, weshalb das Vertrauen in Institutionen gering ist und weshalb politische Entfremdung im Osten besonders ausgeprägt erscheint.
Die üblichen Erklärungen reichen von mangelnder Demokratieerfahrung bis zur vermeintlichen Sehnsucht nach autoritären Verhältnissen.
Vielleicht sollte man gelegentlich auch die Perspektive wechseln.
Was geschieht mit Menschen, deren berufliche Leistungen entwertet, deren Institutionen abgewickelt und deren kulturelle Erinnerungen als minderwertig behandelt werden? Was geschieht, wenn ihnen anschließend erklärt wird, sie müssten endlich in der Demokratie ankommen?
Ich habe in meinen früheren Artikeln über Ossis und Migranten und über gesellschaftliche Ausgrenzung bereits versucht, diese Mechanismen zu beschreiben. Es geht nicht darum, unterschiedliche historische Erfahrungen gleichzusetzen. Es geht um die wiederkehrende Erfahrung, dass andere über den Wert der eigenen Herkunft entscheiden.
Natürlich rechtfertigt erlebte Demütigung weder Menschenfeindlichkeit noch autoritäre Politik. Aber wer politische Entwicklungen verstehen will, sollte ihre historischen Ursachen untersuchen, statt sich ausschließlich über ihre Symptome zu empören.
Ein Land kann verschwinden. Seine Kultur darf es nicht.
Der Begriff intellektueller Genozid ist bewusst provokant. Ein Genozid im völkerrechtlichen Sinne war die Vernichtung der DDR-Bücher selbstverständlich nicht. Auch darf man nicht vergessen, dass die DDR selbst Literatur zensierte, Autoren verfolgte und kritische Stimmen unterdrückte.
Gerade deshalb hätte die wiedervereinigte Bundesrepublik beweisen können, dass Freiheit mehr bedeutet als den Austausch einer herrschenden Ideologie gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit einer anderen Ordnung.
Dass kulturelles Erbe nicht nach politischer Opportunität bewertet wird. Dass man Bücher liest, bevor man über sie urteilt. Und dass die Lebensleistung eines Menschen nicht mit dem Staat endet, in dem sie entstanden ist.
Stattdessen landeten Millionen Bücher auf dem Müll.
Die DDR war Geschichte. Ihre Literatur hätte es nicht werden müssen.
Vielleicht wäre die deutsche Einheit heute ein Stück vollständiger, hätte man damals weniger entsorgt und mehr gelesen.
Und vielleicht sollten wir endlich begreifen, dass man Menschen nicht integriert, indem man ihnen erst ihre Vergangenheit aberkennt und sich anschließend darüber beschwert, dass sie sich nicht zugehörig fühlen.
Weiterführend: Carsten Gansel, „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“, sowie der Podcastbeitrag zum Thema.