Leider weiblich

Wer durch ein Kunstmuseum schlendert, könnte auf die Idee kommen, die Menschheit habe ihre schöpferische Begabung über Jahrhunderte ausgesprochen ungleich verteilt. Männer malten, komponierten, philosophierten, forschten, bauten und erfanden, während Frauen offenbar damit beschäftigt waren, hübsch auszusehen, Kinder zu bekommen und gelegentlich als Muse herzuhalten. Jedenfalls könnte man das glauben, wenn man sich ausschließlich auf das verlässt, was uns Museen, Konzertprogramme, Wissenschaftsgeschichte und Lehrbücher präsentieren.

Nun halte ich es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Evolution ausgerechnet bei der Verteilung von Fantasie, Intelligenz und Kreativität einen derart ausgeprägten Hang zum männlichen Geschlecht entwickelt hat. Wesentlich plausibler erscheint mir, dass wir Männer über Jahrhunderte nicht nur Kunst und Wissenschaft betrieben, sondern vor allem darüber entschieden haben, wessen Leistungen als bedeutend gelten durften und welcher Name darunterstehen sollte.

Das Museum als Herrenclub

Die Kunstgeschichte ist nicht nur eine Geschichte der Kunst, sondern auch eine Geschichte ihrer Auswahl. Wer durfte ausgebildet werden, wer erhielt Aufträge, wer konnte ausstellen, wer wurde gesammelt und schließlich in den Rang eines Genies erhoben? Über Jahrhunderte waren diese Möglichkeiten für Frauen erheblich eingeschränkt. Nicht unbedingt, weil es ihnen an Talent fehlte, sondern weil ihnen der Zugang zu Akademien, Werkstätten, Auftraggebern und gesellschaftlicher Anerkennung häufig versperrt blieb.

Die amerikanischen Guerrilla Girls machen seit 1985 mit beißender Ironie auf dieses Missverhältnis aufmerksam. Ihre berühmte Frage, ob Frauen nackt sein müssten, um ins Museum zu kommen, trifft einen empfindlichen Nerv: Als Motiv waren Frauen stets willkommen, als Urheberinnen ihrer eigenen Werke erheblich seltener.

Dabei gab es sie selbstverständlich. Artemisia Gentileschi etwa, eine herausragende Barockmalerin, oder Angelika Kauffmann, die zu den Gründungsmitgliedern der Royal Academy gehörte. Es mangelte also keineswegs an Künstlerinnen, sondern vor allem an der Bereitschaft, sie dauerhaft im kulturellen Gedächtnis zu verankern.

Komponieren durfte der Herr Gemahl

In der klassischen Musik begegnet uns dasselbe Phänomen. Frauen dürfen selbstverständlich Geige spielen, Klavierkonzerte interpretieren und als Solistinnen gefeiert werden. Sobald sie allerdings selbst komponieren, scheint der Konzertbetrieb gelegentlich noch immer einen historischen Systemfehler zu vermuten.

Clara Schumann kennen mittlerweile viele, zumindest als Pianistin und Ehefrau Robert Schumanns. Dass sie selbst bedeutende Werke komponierte, wird dagegen häufig eher beiläufig erwähnt. Ähnliches gilt für Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns. Einige ihrer Lieder erschienen unter dem Namen ihres Bruders. Die gesellschaftliche Rollenverteilung war damit ausgesprochen praktisch geregelt: Die Schwester komponierte, der Bruder durfte veröffentlichen.

Und Hildegard von Bingen schrieb bereits im zwölften Jahrhundert Musik, theologische und naturkundliche Texte. Frauen mussten also keineswegs auf die Emanzipation des zwanzigsten Jahrhunderts warten, um schöpferisch tätig zu werden. Sie mussten lediglich Wege finden, trotz der herrschenden Ordnung tätig zu werden.

Philosophinnen – Denken war offenbar Männersache

Auch die Philosophie präsentiert sich rückblickend gerne als Herrenclub, in dem von Platon über Kant bis Nietzsche vorwiegend Männer über die Welt nachdachten. Als hätte die weibliche Hälfte der Menschheit über zweitausend Jahre hinweg keine eigenen Fragen entwickelt. Dabei gab es bereits in der Antike mit Hypatia von Alexandria eine bedeutende Philosophin, Mathematikerin und Lehrerin. Im Mittelalter beschäftigte sich Christine de Pizan mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau, lange bevor Gleichberechtigung zum politischen Schlagwort wurde.

Auch die religiöse Geistesgeschichte kennt bemerkenswerte Frauen. Klara von Assisi war keineswegs bloß die weibliche Begleiterscheinung des berühmten Franziskus, sondern begründete eine eigenständige Ordensgemeinschaft und setzte sich beharrlich für deren Lebensform ein. Während Franziskus zum weltbekannten Symbol der Armut und Naturverbundenheit wurde, blieb Klara in der allgemeinen Wahrnehmung weitgehend auf den kirchlichen Kontext beschränkt.

Besonders interessant finde ich jene Frauen, die als intellektuelle Gesprächspartnerinnen berühmter Männer wirkten. Lou Andreas-Salomé diskutierte mit Nietzsche und Rilke, arbeitete später als Psychoanalytikerin und stand mit Sigmund Freud im fachlichen Austausch. Ebenso prägten Sabina Spielrein und Anna Freud die Entwicklung der Psychoanalyse mit eigenen theoretischen Arbeiten.

Natürlich kennen wir Hannah Arendt und vielleicht noch Simone de Beauvoir. Aber wie viele kennen Harriet Taylor Mill, deren intellektuelle Zusammenarbeit mit John Stuart Mill dessen Überlegungen zur Freiheit und Gleichberechtigung wesentlich beeinflusste?

Hier zeigt sich ein besonders hartnäckiges Muster: Männer erscheinen als Urheber großer Gedanken, Frauen als Musen, Geliebte, Ehefrauen oder anregende Gesprächspartnerinnen. Dass ein intellektueller Sparringspartner selbst etwas Substanzielles beigetragen haben könnte, geht in der Verehrung des männlichen Genies gelegentlich unter. Dabei wird Genialität nicht dadurch geringer, dass sie im Dialog entsteht. Nur die Vorstellung vom einsamen männlichen Genie bekommt ein paar Kratzer.

Wissenschaft – die Entdeckung gehört dem Professor

In der Wissenschaft wird diese Schieflage besonders problematisch, weil es hier nicht nur um Anerkennung, sondern um die Zuschreibung überprüfbarer Erkenntnisse geht. Rosalind Franklin lieferte mit ihren Röntgenbeugungsaufnahmen entscheidende Hinweise auf die Struktur der DNA. Den Nobelpreis erhielten 1962 Watson, Crick und Wilkins; Franklin war bereits 1958 verstorben und damit nach den Regeln des Nobelpreises nicht mehr auszeichnungsfähig. Über die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Arbeit besteht heute kaum Zweifel.

Lise Meitner leistete einen wesentlichen Beitrag zur physikalischen Erklärung der Kernspaltung, während Otto Hahn 1944 allein den Chemie-Nobelpreis erhielt. Jocelyn Bell Burnell entdeckte als Doktorandin die ersten Pulsare; der Physik-Nobelpreis von 1974 ging unter anderem an ihren Doktorvater Antony Hewish.

Für solche Fälle existiert sogar ein Begriff: der Matilda-Effekt, der die systematische Unterschätzung und geringere Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen von Frauen beschreibt. Man könnte ihn auch als besonders langlebige Variante akademischer Arbeitsteilung verstehen: Die eine entdeckt etwas, der andere wird berühmt. Selbstverständlich verlief nicht jeder dieser Fälle identisch, und nicht jede ausgebliebene Auszeichnung beweist Diskriminierung. Das wiederkehrende Muster verdient dennoch Aufmerksamkeit.

Dass Frauen unter widrigen Bedingungen herausragende Forschung betrieben, beweist nicht zuletzt Marie Curie, die Nobelpreise in zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen erhielt. Bemerkenswert ist allerdings, dass wir ihre außergewöhnliche Leistung gerne als Beweis für die Offenheit der Wissenschaft feiern, während die vielen weniger bekannten Forscherinnen weiterhin im Schatten ihrer männlichen Kollegen stehen.

Inkognito – oder gleich unter fremdem Namen

Besonders aufschlussreich wird es dort, wo Frauen ihre Urheberschaft verschleierten. George Sand war eine Frau, ebenso George Eliot. Beide veröffentlichten unter männlichen Pseudonymen, wenn auch aus unterschiedlichen persönlichen und gesellschaftlichen Motiven.

Andere Künstlerinnen erlebten, dass ihre Arbeiten männlichen Kollegen oder Angehörigen zugeschrieben wurden. Die Kunstgeschichte kennt zahlreiche umstrittene Zuschreibungen; nicht jede davon lässt sich zweifelsfrei als bewusste Enteignung nachweisen. Aber schon die Tatsache, dass die Urheberschaft einer Frau häufig weniger selbstverständlich erschien als die eines Mannes, verrät einiges über die Maßstäbe der jeweiligen Zeit.

Architektur, Sterneküche und andere Männerdomänen

In der Architektur begegnen uns ähnliche Mechanismen. Eileen Gray schuf wegweisende Entwürfe der Moderne, erhielt jedoch lange nicht die Anerkennung, die ihrem Werk zustand. Denise Scott Brown wurde 1991 beim Pritzker-Preis übergangen, den ihr Ehemann und Büropartner Robert Venturi allein erhielt. Das gemeinsame Werk war offenbar preiswürdig, die gemeinsame Urheberschaft weniger.

Auch die Spitzengastronomie kennt diese Schieflage. Während das Kochen im privaten Haushalt traditionell Frauen zugeschrieben wurde, entwickelte sich die öffentlich gefeierte Haute Cuisine lange zu einer männlich dominierten Prestigeveranstaltung. Dabei bewiesen Köchinnen wie Eugénie Brazier, die bereits 1933 insgesamt sechs Michelin-Sterne für zwei Restaurants erhielt, dass kulinarische Spitzenleistungen keineswegs eine männliche Spezialbegabung darstellen.

Offenbar verwandelt sich eine Tätigkeit gelegentlich genau dann in eine prestigeträchtige Kunstform, wenn ein Mann sie beruflich ausübt. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass dieser gesellschaftliche Aufstieg nicht zwangsläufig mit einer Verbesserung des Rezepts einhergehen muss.

Woman-made – ein Label gegen das Vergessen

Vielleicht brauchen wir deshalb tatsächlich ein neues Zeichen: Woman-made. Ein kleines, unverwechselbares Logo neben einem Gemälde, auf einem Konzertprogramm, an einem Gebäude, in einem Buch oder bei einer wissenschaftlichen Ausstellung. Nicht als Gütesiegel, das Qualität allein aufgrund des Geschlechts behauptet, sondern als sichtbarer Hinweis auf eine Urheberschaft, die historisch allzu häufig übersehen wurde.

Mir geht es ausdrücklich nicht darum, Frauen einen künstlerischen oder wissenschaftlichen Sonderstatus einzuräumen oder mittelmäßige Leistungen aus Gründen vermeintlicher Gerechtigkeit aufzuwerten. Kunst und Forschung müssen sich weiterhin an ihrer Qualität messen lassen. Allerdings setzt ein fairer Wettbewerb voraus, dass Leistungen überhaupt sichtbar werden und ihre Urheberinnen dieselbe Chance auf Anerkennung erhalten.

Ein solches Label könnte gerade bei historischen Werken helfen, gewohnte Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen. Es wäre keine neue Schublade, sondern ein Hinweis darauf, dass die bisherigen Schubladen offenbar ziemlich einseitig beschriftet waren.

Unsere Kulturgeschichte braucht keine neuen Genies, sondern ein besseres Gedächtnis

Mit Frida Kahlo, Clara Schumann, Hannah Arendt und Marie Curie ist weibliche Kreativität heute deutlich sichtbarer geworden. Doch die Wiederentdeckung einzelner berühmter Namen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ganze Generationen von Frauen aus unserem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind.

Es geht dabei nicht darum, männliche Künstler, Philosophen oder Wissenschaftler nachträglich abzuwerten. Ein Rembrandt wird nicht schlechter, weil wir eine Gentileschi besser kennenlernen. Ein Beethoven verliert nichts, wenn neben ihm endlich auch Komponistinnen gespielt werden. Und Einstein bleibt Einstein, selbst wenn wir den Leistungen seiner Kolleginnen denselben Respekt entgegenbringen.

Vielleicht sollten wir beim nächsten Museumsbesuch, Konzert oder Blick in die Wissenschaftsgeschichte deshalb weniger fragen, warum dort so viele Männer auftauchen, sondern weshalb so viele Frauen fehlen. Und vielleicht entdecken wir dann, dass nicht die Frauen zu wenig geschaffen, gedacht und geforscht haben, sondern wir Männer über Jahrhunderte ausgesprochen erfolgreich darin waren, uns selbst für den Mittelpunkt der schöpferischen Welt zu halten.

Was angesichts der tatsächlichen Leistungen unserer Geschlechtsgenossen durchaus eine bemerkenswerte Form künstlerischer Fantasie darstellt.

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