Forscher finden DNA-Spuren, die „vielleicht“ von Leonardo da Vinci stammen könnten. In der Journaille klingt das natürlich, als stünde das Genie kurz vor der Wiederauferstehung. Und sofort setzt das Kopfkino ein: Was wäre, wenn? Leonardo da Vinci in der Pipette?
Schlagzeile des Tages: „Forscher finden Hinweise auf mögliche DNA-Spuren von Leonardo da Vinci“ – und irgendwo in der Redaktion wird entschieden, dass das schon reicht, um zwölf Zeilen Zukunftsvision zu verkaufen. So ähnlich begann schließlich auch der ganze Hype um das Christi-Genom oder den Schrumpfkopf von Newton, metaphorisch gesprochen.
Und während die Forscher in ihrer Preprint-Veröffentlichung geduldig darauf hinweisen, dass alles „ein Hinweis, aber kein Beweis“ sei, rauscht draußen das kollektive Staunen: Leonardo! In der Pipette?

Vom Schädel zum Gen – unsere historische Obsession mit Genialität
Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschheit glaubt, sie könne Genialität messen, anfassen oder gar konservieren. Früher hat man Schädel vermessen – die Phrenologie war ganz groß darin, mentale Höhenflüge auf Stirnkanten zurückzuführen. Je markanter die Beule, desto klüger der Denker, so die Kurzfassung. Heute wirkt das grotesk, aber im 19. Jahrhundert war das ernsthafte Wissenschaft.
Dann begann man, Gehirne in Gläsern zu lagern. Lenin, Einstein, Walt Whitman – ihre graue Substanz wurde in Scheibchen geschnitten, als gäbe es darin ein erkennbares „Genie-Muster“. Beim Versuch, den neuronalen Heiligen Gral zu finden, stieß man allerdings nur auf das Offensichtliche: Gehirne sehen sich ziemlich ähnlich. Die Unterschiede liegen weniger in der Anatomie als in dem, was die Synapsen damit anstellen. Einzig, das Hirn von Trump dürfte deutliche Abweichungen zeigen.
Nun also die nächste Stufe der Neugier-Evolution: Wir nehmen die Gene. DNA ist das neue Glasgefäß, Sequenzierung der neue Seziermesser. Vielleicht, so hoffen manche, finden wir irgendwo zwischen Adenin und Guanin den Code für die Sixtinische Synapse.
Die große Genillusion
Aber was, wenn da gar kein „Gen des Genies“ lauert? Wenn Leonardos DNA uns nichts Erhellenderes verrät, als dass er vermutlich mediterrane Vorfahren hatte und nicht auf Gluten reagierte? Die Vorstellung, Genialität sei genetisch codiert, ist so verführerisch wie (höchstwahrscheinlich) falsch. Denn Intelligenz, Kreativität, Neugier – das sind emergente Phänomene aus Erfahrung, Kontext und einem Schuss Chaos.
Die moderne Genetik hat längst gezeigt, dass Gene nicht die ganze Wahrheit sprechen. Die Epigenetik etwa macht deutlich, wie sehr Umwelt und Lebensumstände beeinflussen, welche Gene überhaupt aktiv werden. Leonardos Kombinationsgabe zwischen Kunst, Technik und Wissenschaft war vermutlich kein Erbstück auf der DNA-Kette, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Neugier, handwerklicher Praxis und eines außergewöhnlichen Bildungshungers – gespeist aus einer Welt, die voller Fragen, aber arm an Antworten war.
Die Genialität der Epoche
Man vergisst gern, dass Genies wie Leonardo auch Produkte ihrer Zeit sind. Er lebte in einer Epoche, in der Wissen noch auf Pergament passte, nicht in Datenbanken. Wer damals über Anatomie, Mathematik und Mechanik Bescheid wusste, war automatisch Universalgelehrter. Heute würde Leonardo vermutlich im Chaos von Vorschriften, Spezialfächern und Drittmitteln untergehen oder in einer Start-up-Schmiede an Drohnendesigns feilen.
„Genie“ entsteht weniger aus Genetik als aus Gelegenheit. Man muss den Hubschrauber erfinden, weil es ihn noch nicht gibt. Heute wäre das schlicht ein Patentstreit mit Airbus. Kreativität entspringt also oft der Leerstelle, nicht der DNA. Der Mensch wächst an seinen Rätseln, nicht an seinen Genfragmenten.
Was, wenn wir Leonardo klonen?
Nehmen wir das Kopfkino ernst: Man findet tatsächlich Leonardos DNA, rekonstruiert sie, klont den Meister – die Versuchsanordnung klingt nach Netflix mit italienischem Untertitel. Doch was bekämen wir? Wahrscheinlich ein Kind mit denselben genetischen Anlagen, aber ohne Florenz, ohne Renaissance, ohne Mäzene und ohne Krieg um Pisa. Ohne den kulturellen Sauerstoff, in dem Leonardos Geist loderte, bleibt der Clone schlicht Vincenzo, begabt vielleicht, aber in einem Algorithmuszeitalter sozialisiert, in dem Prompts kreativer sind als die Menschen selbst.
Das moderne Genie ist wahrscheinlich ein KI-System, das uns an unsere eigene Gedankenfaulheit erinnert. Und da ist der eigentliche Witz: Wir würden Leonardo wiedererschaffen, um ihn auf TikTok zu befragen, was er von KI-Kunst hält. Ironischer kann Geschichte kaum werden.
Genetik, Glaube und Geltungssucht
Die Faszination für Leonardos DNA ist weniger wissenschaftlich als psychologisch. Sie füttert unsere Hoffnung, dass Genialität eine Art Relikt ist – etwas, das man ausgraben, entschlüsseln, vielleicht sogar monetarisieren kann. In Wahrheit suchen wir aber nach Bedeutung, nicht nach Basenpaaren. Wir wollen glauben, dass es eine Formel für Genialität gibt, weil das einfacher klingt, als täglich an sich zu arbeiten, zu scheitern, neu zu denken.
Leonardo hat uns vorgelebt, dass Forschen und Zweifeln untrennbar sind. Wäre er heute am Leben, würde er vermutlich selbst die DNA-Studie lesen, anerkennend nicken – und dann fragen, warum man die Energie nicht darauf verwendet, die Neugier zu erforschen, statt ihre Überreste.
Zwischen Mikroskop und Mythos
Bleibt also die Frage: Warum diese Sehnsucht, das Genie zu materialisieren? Vielleicht, weil die Digitalisierung uns entzaubert hat. Alles ist messbar, replizierbar, skalierbar – nur nicht das Unbegreifliche. Also suchen wir es dort, wo wir noch Geheimnis vermuten: im Erbgut. Dabei liegt der Zauber wirklich großer Geister nicht in molekularer Präzision, sondern im Denken über Grenzen hinweg.
Und wenn eines sicher ist: Die Renaissance hätte keine Ethikkommission zugelassen, die Leonardo davon abhält, ein paar Köpfe zu zersägen, um zu verstehen, wie Muskeln funktionieren. Heute bräuchte er wahrscheinlich erst das Ethikvotum der Universität Florenz und die Zustimmung des Datenschutzbeauftragten.
Fazit – ein Fragment Menschlichkeit
Leonardos DNA ist, wie gesagt, ein Hinweis, aber kein Beweis. Wahrscheinlicher ist, dass wir in dieser Geschichte weniger über ihn als über uns erfahren. Über unsere ungebrochene Hoffnung, das Außergewöhnliche zu ordnen, zu erklären, zu besitzen. Über unseren Glauben, dass Genialität irgendwo in uns schlummert, wartend auf die richtige Kombination aus Labor, Pressemitteilung und Podcast.
Vielleicht ist das Schönste an dieser Meldung, dass sie uns daran erinnert: Das Genie entsteht nicht im Gen, sondern im Moment – wenn Wissen Neugier findet und Zweifel Geduld. Und dann, ganz ohne Preprint, passiert plötzlich etwas, das bleibt.
