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Komplexe Probleme? Nichts für eindimensionales Denken – oder: Wenn Friedrich Merz wieder die Welt erklärt

Manchmal fragt man sich, ob Friedrich Merz morgens in den Spiegel schaut und denkt: „Heute rette ich wieder einseitig die Welt.“ Und dann tut er’s – aber nur den ersten Teil. Der zweite bleibt erfahrungsgemäß auf der Strecke. Denn während in seiner Gedankenwelt vermutlich glasklare Einfachheit herrscht, weil Komplexität eh was für Leute mit Zeit ist, kracht draußen gerade wieder mal das große Ganze zusammen. Stichwort: 34 Milliarden Euro Strafen wegen CO2-Verstoß. Wer hätte das gedacht: Wenn man Umweltregeln ignoriert, wird’s teuer. Überraschung des Jahrzehnts.

Wirtschaft retten, Welt vergessen

Merz‘ Ansatz klingt zunächst wie aus dem Wirtschaftswunderland: Die Industrie entlasten, globale Wettbewerbsfähigkeit sichern, Arbeitsplätze stabil halten. Soweit das Märchen. Die Realität zeigt, dass hinter der glänzenden Oberfläche meist eine ordentliche Portion Kurzsichtigkeit steckt – und zwar jene Form, die man nicht mit einer Brille korrigieren kann. Es ist die intellektuelle Weitsichtverweigerung, die man sonst nur noch aus den 80ern kennt. Damals, als saurer Regen noch ein Wetterphänomen und nicht das Ergebnis politischer Bequemlichkeit war.

Während andere Länder längst an transnationalen Klimaallianzen arbeiten und dafür internationale Anerkennung (und ein paar Extrapunkte im globalen Karma-Konto) kassieren, steht Deutschland mit hochgerissenen Augenbrauen da, als wäre CO2 plötzlich ein neuer Stoff, den man importieren kann. Und Merz? Möchte den Unternehmen den „bürokratischen Aufwand“ abnehmen. Denn der sei ja so lästig. Klar – Strafzahlungen in Milliardenhöhe sind natürlich viel angenehmer. „Effizienz“ nennt man das vermutlich – wenn man Excel in der Grundschule abgewählt hat.

Fehlen eigentlich Berater – oder einfach der Wille, sie zu hören?

Ein Klassiker der politischen Bühne: Man fragt sich, ob Politiker keine Berater haben – oder ob sie schlicht keine wahrnehmen. Bei Merz drängt sich der Verdacht auf, dass beides der Fall sein könnte. Sollte er tatsächlich Experten konsultieren, dann wahrscheinlich jene Spezies, die „CO2″ noch für einen neuen SUV-Typ hält. Denn wie sonst kann man ernsthaft argumentieren, man wolle internationale Verpflichtungen ignorieren, weil nationale Industrieinteressen wichtiger seien?

Es geht hier nicht um ideologische Feinheiten – sondern um Verstand. Und den hätte man vielleicht sogar im Angebot, würde man sich trauen, ihn anzurufen. Klaus Töpfer hätte vermutlich mehr als einen Abend gebraucht, um Merz die Grundlagen der Klimapolitik zu erklären. Aber selbst das wäre vermutlich nur Zeitverschwendung gewesen. Denn Merz‘ Denkmodell scheint auf der Prämisse zu beruhen: Wenn ich’s nicht sehe, existiert es nicht. (Spoiler: CO2 funktioniert leider anders.)

Wo bleibt das Kontrollorgan?

Es gibt Institutionen, die für politische Kontrolle zuständig sind. Doch offenbar funktionieren sie nur, wenn’s keine Lobbyveranstaltung ist. Man könnte fast glauben, ganz Berlin habe sich auf eine Art politischen Clubabend geeinigt: Mitglieder nur, wer auf mindestens drei Feldern gleichzeitig versagen kann. Demokratie bedeutet ja Mitbestimmung, aber wer bestimmt eigentlich mit, wenn die Entscheidungsträger kollektiv den Überblick verloren haben?

Vielleicht wäre es eine gute Idee, einen „Bundesrat für Realitätssinn“ zu gründen. Der müsste immer dann einschreiten, wenn jemand in einer Pressekonferenz das Wort „vereinfachen“ benutzt, aber eigentlich „ignorieren“ meint. Oder wenn jemand so tut, als könne man internationale Verpflichtungen wie überflüssige To-do-Punkte vom Zettel streichen. Kurz: Eine Art TÜV fürs Denken.

Das Multi-Brain-Versagen – symptomatisch

Natürlich wäre es unfair, Merz allein die Schuld zu geben. Unser politisches Schauspiel hat längst Ensemblecharakter. Es gibt niemanden mehr, der sich ernsthaft die Mühe macht, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Es wird gehandelt – schnell, laut, kurzsichtig. Das nennt man dann Pragmatismus. In Wahrheit ist es verzweifelte Orientierungslosigkeit in 16 Ministerien, die sich gegenseitig widersprechen, bevor überhaupt ein Beschluss auf Papier steht.

Das Ergebnis: Deutschland wirkt inzwischen wie ein Start-up des gescheiterten Denkens – vollgestopft mit „Ideen“, die in PowerPoint glänzen und in der Realität explodieren. Kein Wunder, dass die EU irgendwann sagt: „Vielen Dank auch – hier ist Ihre Rechnung.“ 34 Milliarden Euro sind eben der Preis für die intellektuelle Bequemlichkeit einer ganzen Regierung. Und das ist bei weitem noch freundlich formuliert. Man könnte es auch als kollektives Multi-Brain-Versagen bezeichnen – aber das wäre schon fast geschmeichelt.

Wettbewerb im Steuergeldverbrennen?

Inzwischen drängt sich eine neue Frage auf: Gibt es in Berlin eigentlich einen verdeckten Wettbewerb im Steuergeldverbrennen? Man hat ja fast den Eindruck. Anders ist kaum zu erklären, warum sich Politiker anscheinend darum reißen, neue Rekorde zu setzen. Jens Spahn hat mit seinen Millionenausgaben für Masken schon Maßstäbe gesetzt – eine Art olympische Disziplin im Geldvernebeln. Und nun versucht Merz offenbar, ihn zu übertrumpfen. Statt Masken gibt’s diesmal eben CO2. Gleicher Effekt, teurer Preis.

Während Spahn Milliarden verstauben ließ, weil er die Logistik komplexer einschätzte als den Marktmechanismus, scheint Merz mit ähnlicher kreativer Energie zu Werke zu gehen. Nur dass er gleich auf EU-Ebene zündet. Wenn das so weitergeht, brauchen wir bald ein „Guinness-Buch der deutschen Staatsverschwendungen“. Kategorie: Denkfehler mit Milliardenwirkung. Unangefochten an der Spitze: Merz, Spahn und ein ganzes Kabinett, das man nur noch als „Team Überforderung“ bezeichnen kann.

Und die Grünen? Funkstille im Klimamanagement

Aber Moment – wo bleiben eigentlich die Grünen? Das ist doch ihr Metier! Jahrzehntelang die moralische Speerspitze des Klimabewusstseins, die politische Stimme des Planeten. Und jetzt? Totenstille. Kein Aufschrei, kein Plan, kein Gegenangriff. Ist mit Robert Habeck der einzige Denker der Partei in eine Art Sabbatical für zerschossene Grundüberzeugungen verschwunden? Es wirkt fast so. Als hätte man bei den Grünen beschlossen, die Rolle der Opposition künftig an den Algorithmus von X (vormals Twitter) zu delegieren: „Gefällt mir, reicht schon.“

Sorry, aber so funktioniert Opposition nicht. Opposition muss wehtun, laut sein, unbequem – und bereit, ein paar Denkstrukturen zu verbiegen. Raus aus der Framing-Ecke, rein in die Boxhandschuhe. Wenn Merz und Co. intellektuell auf einem Auge blind sind, dann bitte: verbiegt ihnen die Brillen. Vielleicht sehen sie ohne ja besser. Es wäre an der Zeit, wieder Verantwortung zu übernehmen – nicht nur fürs Klima, sondern für den gesunden Menschenverstand dieses Landes.

Und falls die Grünen das vergessen haben sollten: Denken war mal ihre Kernkompetenz. Gerade in Zeiten, in denen man sich überall mit plakativer Einfalt schmückt, wäre kluge Komplexität das eigentliche Alleinstellungsmerkmal. Aber dazu bräuchte es Mut – und den hat man zwischen Parteitag und Pressestatement offenbar verlegt.

Wenn Denken wieder weh tun darf

Komplexe Probleme verlangen komplexes Denken. Eigentlich eine einfache Wahrheit – aber gerade das scheint das Problem zu sein. Einfachheit ist bequemer. Sie ist publikumsfreundlich, talkshowtauglich, Twitter-kompatibel. Nur leider funktioniert sie nicht. Klimakrise, Digitalisierung, Wirtschaftssysteme – das alles sind keine Schachspiele, die man mit Bauernzügen gewinnt. Es sind dynamische Prozesse, die mindestens das erfordern, was man früher als „Bildung“ bezeichnet hat. Heute nennt man das ironischerweise „Elitedenken“. In einer Gesellschaft, die Komplexität als Zumutung empfindet, ist Wissen bereits verdächtig.

Merz und seine Getreuen liefern dafür das perfekte Lehrbeispiel: Je einfacher das Argument, desto größer die Zustimmung. Leider funktioniert Politik so nicht. Und Physik schon gar nicht.

Deutschland zwischen Realitätsverleugnung und Ironie

Wenn man’s positiv sehen will – Deutschland ist immerhin konsequent. Wir erheben den Mythos der Komplexitätsverweigerung zum Markenkern. Wir debattieren monatelang über Wärmepumpen, als ginge es um Nanotechnologie, und wundern uns dann, warum andere Länder längst klimaneutral sind. Wir diskutieren über Bürokratieabbau, während wir Rekordstrafen zahlen, weil wir internationale Verpflichtungen ignorieren. Man könnte darüber lachen – wenn es nicht unser Geld wäre.

Und irgendwo zwischen politischer Arroganz und intellektueller Faulheit steht dann Friedrich Merz, die Ikone des eindimensionalen Denkens. Ein Mann, der das Ganze sieht – aber nur in der PowerPoint-Folie. Der über „Standortvorteile“ spricht, als wäre das 1994, und über „Innovation“, ohne sie je gesehen zu haben. Der lieber Grenzen für CO2 abschafft als seine eigenen Denkgrenzen erweitert.

Das Fazit? Unbequem einfach

Deutschland braucht keine neuen Parolen, keine Vereinfacher, keine „Macher“, die glauben, sie könnten mit Schlagzeilen Politik simulieren. Wir brauchen Denker – und zwar jene Sorte, die das Wort „Verantwortung“ nicht mit „Wählerquote“ verwechselt. Bis dahin dürfen wir weiter zusehen, wie die selbsternannten Realpolitiker das nächste Milliardenloch erklären – mit denselben altbekannten Worten: „Das konnte ja keiner ahnen.“

Doch, konnte man. Man musste nur bereit sein, mehr als eine Dimension zu sehen.

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