Hirn benutzen – haben wir die Intuition verlernt? (1/2)

Früher hieß es: „Denk doch mal nach.“ Heute: „Hast du das schon mit der Richtlinie abgeglichen?“ Ein Satz, der sinnbildlich für unsere Zeit steht – eine Ära, in der Regeln, Vorgaben und „Best Practices“ unsere geistige Landkarte ersetzt haben. Das Problem: Wer nur noch auf Anweisungen schaut, verliert irgendwann den inneren Kompass.

Überall gibt es Anleitungen. Vom richtigen Kaffeekochen bis zum „achtsamen Kommunizieren“. Selbst spontane Gefühle scheinen eine Gebrauchsanweisung zu brauchen („Wie du Ärger bewusst und nachhaltig fühlst“ – ZEIT lässt grüßen). Dabei war Intuition einmal unser stärkstes Werkzeug. Sie war der unbewusste Erfahrungsspeicher, der uns half, in komplexen Situationen richtige Entscheidungen zu treffen – bevor Excel-Tabellen und Ethikrichtlinien das Feld übernahmen.

Kindergarten für Erwachsene

Man fühlt sich tatsächlich oft wie im Kindergarten. Nur ohne Mittagsschlaf, dafür mit PowerPoint. Überall Vorgaben, Belehrungen, Zertifikate. Die Gesellschaft hat sich in eine pädagogische Einrichtung verwandelt, in der niemand sich weh tun darf. Dabei ist es genau dieses Risiko, das den Geist wachsen lässt. Fehlerfreiheit ist kein Zeichen von Fortschritt, sondern von Lähmung.

Früher gab es die Formulierung „Lernen durch Schmerz“ – ein Satz, der heute beinahe als seelische Körperverletzung gilt. Doch Schmerz war nie nur körperlich gemeint, sondern auch als innere Reibung, als Auseinandersetzung mit Scheitern, Kränkung und Grenzen. Inzwischen wird schon in Kinderkrippen jede Form von Enttäuschung weichgepolstert. Konflikte werden moderiert, Emotionen abgefangen, bevor sie überhaupt entstehen dürfen. Der pädagogische Reflex lautet: alles abfedern. Hauptsache niemand weint.

Was gut gemeint ist, führt langfristig zu einer seltsam künstlichen Sozialisation. Wenn (durchaus auch realer) Schmerz, Streit und Rangordnung aus Entwicklungsphasen verbannt werden, fehlen die Erfahrungswerte im späteren Leben. Die Folge: versteckte Aggressionen, unterschwellige Rivalität und ein unklarer sozialer Kompass. Menschen, die nie gelernt haben, sich im fairen Konflikt zu behaupten, tragen ihre Kämpfe irgendwann im Passiv-Aggressiven aus – in Mails, Untertönen oder Meetings, in denen Stille lauter knallt als jeder Streit.

Früher wusste man, wann eine Auseinandersetzung ihren Punkt erreicht hatte. Ein blaues Auge, eine zerrissene Hose, eine blutende Nase zeugte von diesem Zustand. Heute kennen viele dieses Ende nicht mehr, weil sie nie gelernt haben, mit der Dynamik eines echten Konflikts zu leben. Nachtreten, auch wenn jemand auf dem Boden liegt, ist Usus, nicht nur körperlich sondern auch verbal. Der „Kampf um die Positionen“ wird ersetzt durch Gremiumsgespräche und Feedbackrunden, in denen jeder gleich wichtig sein darf – und keiner mehr weiß, was Bedeutung eigentlich kostet. Dadurch verschwimmen Hierarchien und Verantwortlichkeiten. Wer nie gelernt hat, zu führen oder geführt zu werden, verwechselt Gleichheit mit Beliebigkeit.

Wenn wir immer darauf warten, dass jemand anderes entscheidet, wie wir uns zu verhalten haben, wird Selbstbestimmung zum Luxusgut. Und sobald ein System dich permanent davor schützt, Verantwortung zu tragen, gewöhnst du dich an die Bevormundung. Das nennt man psychologische Infantilisierung – ein Phänomen, das schon der Philosoph Immanuel Kant beklagte, als er schrieb: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Und wenn dann jemand die Frechheit besitzt, Verantwortung tatsächlich an sich zu reißen, reagieren wir mit blinder Bewunderung statt kritischer Distanz. Führung wird nicht mehr erarbeitet, sondern zugeschoben – oft an jene, die am lautesten auftreten. Siehe Elon Musk & Co.: Selbstinszenierte Alleindarsteller, die Macht nicht aus Weisheit, sondern aus Entschlusskraft gewinnen – und genau dafür gefeiert werden.

Das Ironische: Wir erziehen Generationen dazu, alles zu reflektieren – außer die eigene Schwäche. Wir lernen Soft Skills, aber keine Härte. Emotionale Intelligenz, aber keine Selbstdisziplin. Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Schmerz wieder seinen pädagogischen Platz zu geben. Nicht als Drohung, sondern als Werkzeug zur Reifung. Denn wer nie stolpert, lernt nicht, aufrecht zu stehen.

Konsequenzen? Bitte ohne!

Wir haben verlernt, Konsequenzen zu tragen. Entscheidungen werden heute so lange weichgespült, bis keine Reibung mehr übrig bleibt. Kritik? Nur, wenn sie positiv verpackt wird. Lob? Bloß nicht zu laut, sonst wirkt es anmaßend oder schlimmer – anzüglich. Geschlechterübergreifende Kritik wird zunehmend sexualisiert oder zumindest als solche gedeutet, fern von jedem eigentlichen Kontext. Zwischen sachlicher Rückmeldung und persönlicher Grenzverletzung verläuft inzwischen kein erkennbarer Unterschied mehr – aus Angst, etwas „falsch“ zu sagen, sagen wir oft lieber gar nichts. In dieser Gleichförmigkeit des Sozialklimas büßen wir den Mut ein, Dinge beim Namen zu nennen. Wir sagen nicht mehr „Das war schlecht“, sondern „Das war ausbaufähig“ – eine sprachliche Wattejacke für eine Gesellschaft, die Angst hat, zu frieren.

Der berühmte Satz „Herr Kohl, Sie sind ein Arschloch!“ wird dem österreichischen Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard zugeschrieben. Er soll ihn 1988 bei einer offiziellen Veranstaltung gesagt haben, als er auf den damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl traf – ganz im Stil Bernhards: radikal, direkt, ungeschminkt. Heute wäre ein solcher Satz undenkbar, obwohl es vermutlich genug Aspiranten gäbe, die diesen Ehrentitel verdient hätten. Doch der öffentliche Raum ist zu empfindlich für derart rohe Ehrlichkeit geworden – Emotionen müssen etikettiert, Provokationen vorher genehmigt werden. Selbst Wut braucht inzwischen eine Datenschutzfreigabe.

Doch ohne echte Rückmeldung kein Wachstum. Ohne Irrtum kein Fortschritt. Forscher weisen seit Jahren darauf hin, dass Fehlerkultur der Motor jeder Innovation ist. Trotzdem herrscht vielerorts nur die Angst vor dem nächsten Shitstorm. Wir regulieren, evaluieren und moderieren – aber denken tun wir meist nur im Rahmen der Nutzungsbedingungen. Wenn jemand wie Friedrich Merz öffentlich als Pinocchio bezeichnet wird, führt das konsequenterweise nicht zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung oder gar Einsicht, sondern zu einer Anzeige. Kritik wird also nicht mehr geprüft, sondern juristisch entsorgt – als wäre Irritation selbst schon eine Straftat.

Für Menschen mit eingeschränkter Impulskontrolle – etwa neurodiverse Persönlichkeiten mit ADHS, Autismus oder emotionaler Dysregulation – wird diese Wattewelt schnell zur Falle. Spontane Ehrlichkeit, Reizoffenheit oder nicht gefilterte Reaktionen gelten in einem Klima der überangepassten Kommunikation als Störung. Was früher noch Authentizität geheißen hätte, ruft heute eine Feedbackrunde zur „professionellen Verhaltensevaluation“ hervor. Der Effekt: Menschen, die ohnehin darum kämpfen, sich in sozialen Kontexten zu regulieren, werden zusätzlich sanktioniert – nicht wegen destruktivem Verhalten, sondern weil sie nicht sanft genug auftreten.

Gesellschaftlich übersetzt heißt das: Wir schaffen ein Umfeld, das konforme Selbstbeschränkung belohnt und (neurodiverse) Direktheit bestraft. Doch echte Vielfalt, über die so oft gesprochen wird, zeigt sich nicht in symbolischen Hashtags, sondern in der Toleranz gegenüber mentaler und emotionaler Unterschiedlichkeit. Wer ständig emotionales Feingefühl einfordert, aber keine authentische Emotion mehr erträgt, verwechselt Soziabilität mit Unterwerfung.

Ähnlich schwierig wird es für Menschen aus anderem kulturellem Hintergrund. Wer aus direkteren Kommunikationskulturen kommt – etwa aus dem Mittelmeerraum, dem Nahen Osten oder Teilen Afrikas – erlebt die deutsche Diskurslandschaft oft wie ein diplomatisches Minenfeld. Ein zu fester Händedruck, ein zu offenes Wort, eine klare Meinung – schon gilt man als unangepasst oder „zu emotional“. Gleichzeitig erwarten wir „interkulturelle Kompetenz“, meinen aber in Wahrheit: „Bitte sprich leiser und nicke mehr.“ Das Ergebnis: Integration verkommt zur Selbstverleugnung, und wir verlieren die Chance, von anderen Ausdrucksformen zu lernen.

Warum bremsen wir unsere eigenen Lerneffekte so aus? Vielleicht, weil echtes Lernen unbequem ist. Weil Erkenntnis selten in Harmonie wächst, sondern in Reibung. Wir verwechseln soziale Friction mit Aggression – und merken nicht, dass genau diese Spannung uns schärft. Ein System, das jede Kante rundschleift, produziert keine Weisen, sondern Wachsfiguren. Wir trainieren die Fehlerfreiheit, verlieren dabei aber das Gefühl für Tiefe. Lernen ohne Risiko ist wie Sport ohne Schweiß: technisch möglich, aber sinnlos.

Wer seine Umwelt ständig reguliert, um Unangenehmes zu vermeiden, erzieht nicht zur Empathie, sondern zur Angst. Der Preis der Konfliktvermeidung ist das Ende des Lernens. Vielleicht brauchen wir also keine neuen Sensibilitätstrainings, sondern einen Crashkurs in Zumutbarkeit. Denn ein erwachsenes Miteinander entsteht nicht durch Regelwerke, sondern durch das Vertrauen, dass der andere ehrlich meint, was er sagt – auch wenn es kurz weh tut.

Der Verlust des Lobmaßes

Interessanterweise haben wir das Maß im Lob ebenso verloren wie im Tadel. Entweder wir verteilen inflationäres Schulterklopfen für Selbstverständlichkeiten („Du hast deine Mail pünktlich beantwortet – super Job!“), oder wir heben uns Lob so lange auf, bis niemand mehr daran glaubt. Wer heute ehrlich lobt, fällt auf – und wird nicht selten belächelt. Vielleicht, weil echtes Lob Mut zur Authentizität erfordert. Und Authentizität lässt sich nicht standardisieren, auch wenn LinkedIn es täglich versucht.

In vielen Unternehmen und Institutionen fehlt aktives Feedback komplett. Leistung wird nur noch bewertet, wenn sie versagt. Gute Ergebnisse gelten als selbstverständlich, also unwürdig der Erwähnung. Das alte bayerische Sprichwort „Ned g’schimpft is gnua g’lobt“ scheint zur modernen Managementphilosophie geworden zu sein. Es könnte ja bei Zielvereinbarungen zu Gehaltsforderungen führen. Hauptsache, keiner beschwert sich – dann läuft’s ja. Doch wer so denkt, verwechselt Ruhe mit Motivation. Schweigen ist keine Anerkennung, es ist seelischer Leerlauf.

Gleichzeitig verschwimmt die Differenzierung der Arbeitsleistungen zunehmend. In einer Kultur, die jeden als „Team Player“ feiern will, darf niemand zu sehr hervorstechen. Das Mittelmaß ist zur Leitwährung geworden. Jemand, der sichtbar über den Gruppenschnitt hinaus arbeitet, Kreativität oder Eigeninitiative zeigt, wird nicht ausgezeichnet – sondern misstrauisch beäugt. Zu viel Einsatz stört die Teamdynamik. Exzellenz wird als Provokation empfunden. Und wenn jemand dann die Frechheit besitzt, auf seine Mehrleistungen hinzuweisen, heißt es sofort „Ego-Trip“. Eigenwerbung wird – mangels echter Sichtbarkeit – als Arroganz stigmatisiert. Ein Problem, das mir auch als Autor vertraut ist: Zehn veröffentlichte Bücher (ab März) – und dennoch bleibt kreative Arbeit für viele Arbeitgeber unsichtbar, weil sie nicht in Excel-Zellen passt. Innovative Lösungen sind zwar gefragt, werden aber selten erkannt, geschweige denn honoriert.

Der Überflieger, der Visionär, der Querdenker – sie alle werden behandelt wie das schwächste Glied in der Kette, weil das System keine Spitzen mehr aushält. Der Gedanke, dass jemand ein Projekt schneller, besser oder origineller abschließen könnte, löst nicht Bewunderung aus, sondern Unbehagen. Man könnte meinen, Erfolg sei ansteckend – nur leider nicht im positiven Sinn. Ein Zuviel an Können gilt als Sozialstörung.

Damit verschiebt sich die innere Moral der Arbeitswelt: Der, der das Minimum hält, ist „verlässlich“, der, der mehr will, ist „schwierig“. Lob wird nicht mehr als Antrieb, sondern als Gleichmacher verstanden. Statt individuelle Leistung zu würdigen, nivellieren wir sie – und nennen das dann Teamkultur. In Wahrheit ist es Angstkultur. Denn wer lobt, anerkennt Unterschiede. Und Unterschiede machen sichtbar, wo Grenzen verlaufen: zwischen Anspruch und Bequemlichkeit, zwischen Fleiß und Haltung.

So entsteht ein paradoxes System: Jeder soll „sein Bestes geben“, aber bitte so, dass es niemandem auffällt. Leidenschaft wird zu einem Risiko, das man besser verheimlicht. Und wenn man sich dann doch traut, aus der Reihe zu tanzen, hört man sinngemäß: „Mach mal halblang, du machst uns sonst ein schlechtes Gewissen.“ Vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Organisationen auf der Stelle treten – nicht aus Mangel an Kreativität, sondern an Rückgrat, sie zu fördern.

So entsteht ein paradoxes System: Jeder soll „sein Bestes geben“, aber bitte so, dass es niemandem auffällt. Leidenschaft wird zu einem Risiko, das man besser verheimlicht. Und wenn man sich dann doch traut, aus der Reihe zu tanzen, hört man sinngemäß: „Mach mal halblang, du machst uns sonst ein schlechtes Gewissen.“ Vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Organisationen auf der Stelle treten – nicht aus Mangel an Kreativität, sondern an Rückgrat, sie zu fördern. Der Verlust von Motivation ist da nur eine logische Folge – warum sich anstrengen, wenn Engagement nicht belohnt, sondern gebremst wird?

Fortsetzung folgt…

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