Mischpult der Neurodiversität: Ein Erklärungsversuch

Es gibt Menschen, die beim Begriff „Neurodiversität“ sofort nicken, weil sie wissen, wovon die Rede ist – und es gibt andere, die dabei diesen charakteristischen Gesichtsausdruck aufsetzen, irgendwo zwischen höflichem Interesse und dem inneren Wunsch, das Thema möglichst schnell wieder zu schließen. Beide haben eines gemeinsam: Sie glauben, es verstanden zu haben. Die ersten, weil sie es am eigenen Leib erleben. Die zweiten, weil es inzwischen genug TikTok-Videos gibt, die ihnen das Wesentliche komprimiert auf neunzig Sekunden erklärt haben. Dass das Thema tatsächlich ein epistemisches Minenfeld ist, in dem selbst die Betroffenen regelmäßig über ihre eigenen Definitionen stolpern, geht dabei gern unter. Versuchen wir es mal mit einem Bild, dem Mischpult der Neurodiversität.

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, warum die Darstellung von Neurodiversität in der öffentlichen Wahrnehmung so gerne die Extreme bevorzugt und den unspektakulären Mittelbereich konsequent ignoriert. Wer das verpasst hat, findet es hier. Aber selbst wenn man das Problem der Sichtbarkeit beiseitelegt, bleibt eine fundamentalere Frage: Warum ist es eigentlich so schwer, Neurodiversität griffig zu beschreiben? Warum rutscht das Konzept bei jedem Versuch, es festzuhalten, wie nasses Seifenstück durch die Finger? Die Antwort ist eine, die Mathematiker im Verhör mit einem Gleichungssystem vergleichen würden, das schlicht zu viele Unbekannte hat, um es eindeutig zu lösen.

Das Mischpult der Neurodiversität.

Ich gestehe freimütig, dass die folgende Metapher nicht komplett meine eigene Erfindung ist – Vera Birkenbihl hat die Idee in grafischer Form bereits verwendet, und ich adaptiere gute Bilder gerne, wenn sie treffend genug sind. Stell dir ein Mischpult vor. Nicht das bescheidene Zweikanal-Modell, das jemand für seinen Podcast aus dem Regal gezogen hat, sondern eines dieser ausladenden Studiokonsolen mit Dutzenden von Schiebereglern, die sich in alle Richtungen bewegen lassen.

Jeder dieser Regler steht für eine Eigenschaft: Impulsivität. Konzentrationsfähigkeit. Sensibilität gegenüber sensorischen Reizen. Soziale Flexibilität. Detailversessenheit. Emotionale Regulation. Hyperfokus-Neigung. Bedarf nach Routine. Sprachverarbeitungsgeschwindigkeit. Und noch ein Dutzend weitere, die man gerne vergisst, weil sie sich schlechter auf Infografiken pressen lassen, die eine Diagnose aber auch so unendlich langwierig und schwer machen.

Jetzt stelle man sich vor, dass bei jedem Menschen diese Regler anders stehen – nicht nach einem Plan, nicht nach einem Schema, das man aus einem Lehrbuch ableiten könnte, sondern in einer Konstellation, die sich aus Genetik, Entwicklungsgeschichte, Umwelt und purem Zufall zusammensetzt. Der eine hat den Impulsivitätsregler weit oben und die Detailversessenheit fast auf null. Der nächste genau umgekehrt. Ein Dritter hat beide auf mittlerem Niveau, dafür ist der sensorische Empfindlichkeitsregler so weit hochgezogen, dass ein Alltag in der Großstadt sich anfühlt wie permanentes Frequenzrauschen direkt am Trommelfell. Und der Vierte sitzt neben ihm und wundert sich, was genau das Problem sein soll.

Das ist Neurodiversität. Nicht eine Eigenschaft, nicht ein Zustand, sondern eine spezifische Konfiguration von Eigenschaften – und das Fatale dabei ist, dass es keine zwei Menschen gibt, deren Mischpult identisch eingestellt ist.

Tonregler Neurodiversität

Die Illusion der Schublade

Das menschliche Gehirn liebt Kategorien. Das ist keine Schwäche, das ist ein evolutionärer Komfort, der seit hunderttausenden Jahren dafür sorgt, dass man Beeren von Beeren unterscheiden kann, ohne jede Frucht neu klassifizieren zu müssen. Kategorien sparen kognitive Ressourcen, und das ist gut. Das Problem beginnt dort, wo die Kategorie komplexer ist als das Schema, das man ihr aufzwingen möchte.

Wenn jemand erfährt, dass eine Person ADHS hat, aktiviert das sofort ein mentales Bild: Unruhe, Vergesslichkeit, Ablenkbarkeit, vielleicht diese spezifische Art von kreativem Chaos, die in Filmen gerne als liebenswürdig stilisiert wird. Und ja, diese Dinge können vorkommen. Aber sie müssen nicht. Sie können in abgeschwächter Form vorkommen. In kompensierter Form. In einer Form, die nur unter bestimmten Umständen sichtbar wird, etwa unter Stress, oder im Gegenteil, wenn gar kein Stress vorhanden ist und die externe Struktur wegfällt. Der Regler steht eben nicht immer dort, wo das Etikett es suggeriert.

Wer also einen neurodiversen Menschen kennt, kennt genau diese eine Konfiguration – und selbst die nur in der Version, die dieser Mensch nach außen zeigt, was, wie ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben habe, bereits eine gefilterte, maskierte, sozial optimierte Variante des Originals sein kann. Zu glauben, man kenne damit „ADHS“ oder „Autismus“ in irgendeiner generalisierenden Weise, ist so, als würde man nach einem einzigen Konzertbesuch behaupten, man kenne jetzt Jazz. Man hat eine Interpretation gehört. Und man hat vielleicht sogar eine besonders gute gehört. Aber Jazz ist das nicht.

Gleichung mit ‚zig Unbekannten

In der Mathematik gibt es Gleichungssysteme, die unterbestimmt sind – das bedeutet, es gibt mehr Unbekannte als Gleichungen, und folglich nicht eine eindeutige Lösung, sondern einen ganzen Lösungsraum. Man kann einige Variablen bestimmen, aber nicht alle gleichzeitig. Der Rest bleibt offen, abhängig von Bedingungen, die man nicht vollständig kontrolliert.

Neurodiversität ist exakt so ein System, ein System voller Permutationen. Die Diagnose, ob ADHS, Autismus, Legasthenie oder irgendetwas dazwischen, fixiert bestenfalls einen Teil der Regler – sie sagt, welche Schieberegler tendenziell aus der neurotypischen Mittelposition verschoben sind. Aber wie weit, in welche Richtung, in welchen Kontexten und wie sich das mit allen anderen Reglern wechselwirkt, das beantwortet keine Diagnose. Das ist das gelebte Leben der jeweiligen Person. Und dieses gelebte Leben ist nicht übertragbar, schließlich kommen zu den Reglern der Neurodiversität auch noch Einflüsse der persönlichen Lebensgeschichte hinzu.

Hinzu kommt, dass viele dieser Regler keine feste Position haben, sondern situationsabhängig schwingen. Wer unter Druck steht, verhält sich anders als in der Komfortzone. Wer ausreichend schläft, wer gerade in einem Hyperfokus steckt, wer sich sicher fühlt oder wer in einem Raum sitzt, dessen Beleuchtung fluoresziert und einen Pegel produziert, der für die meisten anderen Menschen schlicht nicht existent ist – all das verschiebt die Regler in Echtzeit. Das Mischpult ist kein statisches Bild, sondern ein Instrument, das jemand aktiv bedient. Und der Operator ist das eigene Nervensystem, das leider keinen Benutzerhandbuch beiliegt.

Manche Regler können aber auch „gemutet“ werden, landläufig als Maskieren bezeichnet. Das ist dann der Moment, in dem man dem Neurodiversen seine Eigenheit am liebsten absprechen würde.

Warum Komorbiditäten die Rechnung weiter verkomplizieren

Als wäre das Mischpultbild noch nicht komplex genug, kommt eine weitere Tatsache hinzu, die in der populären Darstellung von Neurodiversität gerne ausgeblendet wird: Die meisten Menschen, die eine neurodiverse Diagnose tragen, tragen nicht nur eine. ADHS und Autismus treten häufig gemeinsam auf. Legasthenie und Dyskalkulie haben eine unangenehme Affinität zueinander. Angststörungen sind keine seltene Begleiterscheinung, wenn man seit der Kindheit versucht, ein soziales System zu navigieren, dessen Regeln einem schlicht nicht intuitiv einleuchten. Und dann gibt es noch die Persönlichkeitsanteile, die Lebenserfahrungen, die Traumata, die schlicht nichts mit Neurobiologie zu tun haben, sich aber trotzdem in das Gesamtbild hineindrängen, weil Menschen eben keine sauber getrennten Subsysteme sind.

Was das für das Mischpult bedeutet, ist, dass die Regler nicht unabhängig voneinander stehen. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Ein hochgezogener Schieberegler für emotionale Intensität verändert, wie sich ein anderer für soziale Wahrnehmung anfühlt. Wer hohe sensorische Sensibilität hat, erlebt die eigene Impulsivität unter Reizüberflutung anders als in einer ruhigen Umgebung. Das Mischpult ist kein simples analoges Gerät, bei dem jeder Regler für sich allein funktioniert – es ist ein System mit Rückkopplungsschleifen, Interferenzen und gelegentlichen Rückkopplungen, die einen schrillen Ton erzeugen, den niemand erwartet hat, am wenigsten die Person selbst.

Die Fachdiagnostik versucht, mit diesen Überschneidungen umzugehen, und tut das – je nach Qualität des Diagnostikers und des verfügbaren Zeitrahmens – mit mäßigem Erfolg. Wer je erlebt hat, wie eine Diagnose eine bereits bestehende überlagert, wer die Odyssee durch verschiedene Fachrichtungen kennt, die sich gegenseitig entweder zu wenig oder zu viel Kompetenz in Grenzfragen zutrauen, der weiß, dass selbst der formale Prozess der Einordnung kein Garant für Klarheit ist. Am Ende hat man ein Papier. Was man damit anfängt, bleibt nach wie vor einem selbst überlassen.

Medikamente als Begrenzer

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Exkurs zu einem Thema, das gerne entweder überschätzt oder mit pauschaler Skepsis abgetan wird: Medikamente. Im Bild des Mischpults lassen sie sich am ehesten als Limiter beschreiben – jenes Gerät in einer Signalkette, das verhindert, dass einzelne Frequenzen ins Extreme ausreißen. Der Limiter verändert den Klang nicht grundsätzlich. Er macht das Stück nicht zu einem anderen Stück, er löscht keine Instrumente aus dem Arrangement und ersetzt auch keinen Regler durch einen anderen. Was er tut: er kappt die Spitzen. Nach oben, wo der Pegel ins Verzerrte kippt, und nach unten, wo das Signal so schwach wird, dass es im Rauschen verschwindet.

Das ist eine bescheidene, aber nicht unwichtige Leistung. Wer unter Methylphenidat zum ersten Mal erlebt, wie ein Gedankengang zu Ende gedacht werden kann, bevor der nächste ihn überrollt, hat keinen neuen Charakter bekommen. Das Mischpult ist noch immer dasselbe. Aber die Ausschläge, die vorher das gesamte Signal übersteuert haben, bewegen sich plötzlich in einem Bereich, in dem man mit ihnen arbeiten kann. Für den Neurodiversen selbst bedeutet das weniger inneres Frequenzrauschen. Für die Umgebung bedeutet es, dass das, was nach außen ankommt, etwas leichter zu empfangen ist. Nicht weil der Mensch ein anderer geworden wäre – sondern weil der Limiter macht, was ein guter Limiter eben macht: er schützt den Lautsprecher, ohne den Musiker zu ersetzen.

Das Schweigen über Stärken

Hier möchte ich kurz innehalten, weil sonst der Eindruck entsteht, Neurodiversität sei im Wesentlichen eine Liste von Problemen, die man irgendwie verwalten muss. Das wäre unvollständig und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen langweilig. Die Mischpult-Regler stehen nicht nur dort, wo sie Reibung erzeugen. Manche stehen genau deshalb an einer ungewöhnlichen Position, weil dieselbe Eigenschaft, die im falschen Kontext zur Herausforderung wird, im richtigen Kontext eine Fähigkeit ist, die man nicht einfach so aus dem Regal kaufen kann.

Hyperfokus ist das offensichtlichste Beispiel – die Fähigkeit, in eine Sache so vollständig einzutauchen, dass Zeit, Hunger und soziale Verpflichtungen vorübergehend aus dem Bewusstsein verschwinden, klingt aus der Außenperspektive entweder beängstigend oder beneidenswert, je nachdem, wen man fragt. Für jemanden mit ADHS ist es beides gleichzeitig: ein Werkzeug, das sich gelegentlich gegen den Träger wendet. Ähnlich verhält es sich mit der Detailwahrnehmung mancher autistischer Menschen, mit der Fähigkeit zu nichtlinearem Denken, mit dem ausgeprägten Sinn für Systemzusammenhänge, der sich manchmal als Störung verkleidet, weil er sich nicht nach einem linearen Arbeitsauftrag richten lässt.

Das Mischpult produziert keinen Lärm – es produziert Klang. Die Frage ist, ob man ihn hört, ob man den Kontext schafft, in dem er sich entfalten kann, oder ob man ausschließlich misst, wie sehr er von der Erwartung abweicht. Und das ist eine Frage, die sich nicht nur an die Betroffenen richtet, sondern sehr konkret an Schulen, Arbeitgeber, Kollegen und alle anderen, die darüber mitentscheiden, welche Konfigurationen als Ressource gelten und welche als Störung behandelt werden.

Die Sehnsucht nach dem Fingerabdruck

Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – ist die gesellschaftliche Sehnsucht nach eindeutiger Zuordnung enorm. Man möchte wissen: Ist das jetzt ADHS oder nicht? Ist diese Person autistisch, ja oder nein? Braucht sie besondere Rücksicht, und wenn ja, welche genau? Diese Fragen sind nicht böswillig, sie kommen aus dem verständlichen Wunsch heraus, angemessen zu reagieren, Fehler zu vermeiden, die richtige Schublade zu öffnen, damit die korrekte Bedienungsanleitung herausfällt.

Nur gibt es diese Anleitung nicht. Was es gibt, sind Menschen. Menschen mit einer spezifischen Geschichte, einer spezifischen Konfiguration, spezifischen Strategien, die sie über Jahre entwickelt haben, um mit dieser Konfiguration halbwegs funktionsfähig durch einen Alltag zu navigieren, der für andere weitgehend reibungslos läuft. Diese Strategien sind so individuell wie die Mischpult-Einstellungen selbst. Jemand, der gelernt hat, seine Impulsivität durch strikte Tagesstrukturen zu kanalisieren, sieht nach außen vollkommen anders aus als jemand, der dieselbe Eigenschaft durch soziale Vermeidung kompensiert. Beide haben „dasselbe“, aber man würde es nicht vermuten.

Das ist das Grundproblem aller gut gemeinten Versuche, Neurodiversität in handliche Ratgeber zu gießen: Der Ratgeber gilt für niemanden vollständig und für doch jeden irgendwie ein bisschen. Was bleibt, ist Rauschen.

Vielfalt als Zumutung und Geschenk

Es wäre jetzt einfach, an dieser Stelle in einen beschwingten Ausblick zu wechseln, der die Vielfalt der menschlichen Gehirne als Bereicherung feiert und mit einer Art neurowissenschaftlichem Optimismus endet, der alle glücklich nach Hause schickt. Das Mischpultbild eignet sich dafür – viele verschiedene Einstellungen, viele verschiedene Klänge, und am Ende ein reicheres Konzert. Schön. Vielleicht aber auch Misstönen, dann weniger schön.

Aber die ehrlichere Version ist diese: Neurodiversität ist anstrengend. Für die Betroffenen, weil sie täglich ein System navigieren müssen, das für eine andere Konfiguration gebaut wurde. Und für die Menschen in ihrer Umgebung, weil echtes Verstehen tatsächliche Neugier verlangt, nicht das Abhaken von Symptomchecklisten. Wer verstehen will, wie jemand wirklich funktioniert, muss fragen, beobachten, nachfragen, revidieren, von vorn anfangen – und sich damit abfinden, dass das Bild, das dabei entsteht, kein endgültiges ist, sondern ein vorläufiges, das der andere schon wieder mit neuen Informationen ergänzt hat.

Das ist unbequem. Es passt schlecht in eine Welt, die schnelle Einordnung liebt und für langsames Verstehen selten genug Geduld aufbringt. Aber es ist die einzige Art, mit Neurodiversität umzugehen, die dem Thema auch nur annähernd gerecht wird. Das klassische Einsortieren, das Diagnoseschild als Ersatz für Kenntnis einer Person, das führt bestenfalls zu netter Hilflosigkeit und schlimmstenfalls zu wohlmeinender Bevormundung. Beides verfehlt den Punkt.

Was man eigentlich wissen müsste

Was man wissen sollte, lässt sich eigentlich auf einem Post-it unterbringen: Wenn man einen neurodiversen Menschen kennt, kennt man genau diese eine Person in genau diesem einen Moment. Punkt. Kein Regelwerk, keine Blaupause, keine Verallgemeinerung. Das nächste Mischpult sieht anders aus. Die nächste Konfiguration erzeugt andere Töne. Und auch dieselbe Person klingt morgen vielleicht etwas anders als heute, weil Schlaf, Kontext und das Fluoreszenzlicht im Konferenzraum ebenfalls Regler sind, die jemand bedient hat.

Was das im Alltag bedeutet, ist weniger eine Technik als eine Haltung: weniger Projektion, mehr Wahrnehmung. Weniger „Ich weiß, was du brauchst, ich hab da mal was gelesen“ und mehr „Wie läuft das eigentlich bei dir?“ Weniger das Bestehen auf der Schublade und mehr die Bereitschaft, die Schublade wieder zuzumachen, wenn der Mensch vor einem sowieso nicht reinpasst.

Das ist anstrengend, ja. Aber die Alternative – also das Beharren auf Kategorien, die der Realität nicht entsprechen – ist auf Dauer teurer. Für alle Beteiligten. Das Mischpult spielt nämlich weiter, egal ob man hinhört oder nicht. Die Frage ist nur, ob man irgendwann anfängt zuzuhören.

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