Es gibt Momente, in denen man morgens aufwacht, sich kurz reckt – und schon merkt, dass man gerade dabei ist, etwas „falsch“ zu machen. Die Art, wie man aufsteht. Die Reihenfolge, in der man Kaffee kocht und E-Mails checkt. Die Tonlage, mit der man „Guten Morgen“ murmelt. Für all das gibt es heute einen Coach. Morningroutine-Coach, Atem-Coach, Mindset-Coach, Beziehungs-Coach, Resilienz-Coach, Hunde-Schlaf-Coach (ja, das ist kein Scherz, das gibt es wirklich) – die Liste ist länger als die Steuererklärung eines mittelständischen Unternehmens und ungefähr genauso unterhaltsam. Es lebe das Overcoaching.
Wir leben in einer Ära, in der kein Lebensbereich mehr uncoacht bleiben darf. Vom Business-Strategen bis zum Achtsamkeits-Influencer wird alles optimiert, beraten, durchgecoacht. Und die spannende Frage, die sich kaum jemand stellt, lautet: Was lernen wir dabei eigentlich? Häufig nur eines – wie man die Probleme des Coaches löst. Nicht die eigenen.
Die Coaching-Industrie: Ein Wirtschaftsmotor, der nie schläft (und das auch noch coacht)
Schauen wir kurz auf die Zahlen, denn Zahlen wirken seriös, auch wenn sie das Grundproblem nicht lösen. Der deutsche Coaching-Markt wird laut Coaching-Report von Christopher Rauen auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt, mit deutlich steigender Tendenz – während der globale Markt für Online-Coaching-Plattformen laut Branchenprognosen in Richtung mehrere Milliarden US-Dollar marschiert. Das ist kein Nischenphänomen mehr, das ist eine eigene Volkswirtschaft, die ausschließlich davon lebt, dass Menschen das Gefühl haben, irgendetwas an sich sei nicht gut genug.
Parallel dazu boomt der Ratgebermarkt: Knapp ein Sechstel des Jahresumsatzes im deutschen Buchhandel entfällt laut einem Artikel des Handelsblatts auf Selbstoptimierungsliteratur. Und weil selbst das Lesen eines Ratgebers heute zu anstrengend ist, gibt es Apps wie Blinkist, die laut eigener Darstellung die Kernaussagen von tausenden Sachbüchern in 15-Minuten-Häppchen pressen. Wir haben es also geschafft, nicht nur das Denken, sondern auch das Lesen über das eigene Leben outzusourcen. Chapeau.
Die Frage, die dabei still im Raum steht: Was bleibt eigentlich noch für die eigene Intuition übrig, wenn jede Lebenslage schon vorab von jemand anderem durchdacht, verschriftlicht, zusammengefasst und in 15 Minuten konsumierbar gemacht wurde? Wir verlernen das eigene Denken nicht plötzlich – wir verlernen es scheibchenweise, jeden Tag ein bisschen, bis wir eines Tages merken, dass wir bei jeder Entscheidung erst googeln, was „die Experten“ dazu sagen, bevor wir überhaupt selbst einen Gedanken zugelassen haben.
Wie kommen Coaches eigentlich zu ihren Themen? Die eigene Problemlösung als Geschäftsmodell
Hier wird es interessant – und ein kleines bisschen unheimlich. Denn Coaches entwickeln ihre Themen fast nie aus reiner Nächstenliebe oder aus einem jahrzehntelangen wissenschaftlichen Studium menschlichen Verhaltens. Sie entwickeln ihre Themen aus der Lösung ihrer eigenen Probleme. Das ist erst mal nicht verwerflich – im Gegenteil, eigene Erfahrung ist wertvoll. Problematisch wird es, wenn aus dieser sehr individuellen, sehr persönlichen Erfahrung plötzlich ein universelles Naturgesetz gebastelt wird, das angeblich für jeden Menschen auf diesem Planeten funktioniert.
Der Ablauf folgt dabei einem erstaunlich stabilen Muster, das man fast schon als Branchenstandard bezeichnen könnte:
- Phase 1: Jemand hat ein eigenes Problem – Burnout, Beziehungskrise, Geldsorgen, Sinnkrise, you name it.
- Phase 2: Jahre intensiver Beschäftigung mit genau diesem Thema, oft begleitet von einer beeindruckenden Sammlung an Büchern, Seminaren und mehr oder weniger erfolgreichen Selbstversuchen.
- Phase 3: Aus den eigenen Erfahrungen wird eine „Methode“ gestrickt – mit Namen, Logo und idealerweise einem catchy Akronym.
- Phase 4: Ein gewisses Ego ist hilfreich. Selbstdarstellung, Redetalent, Bedürfnis nach Bühne und Bestätigung gehören zur Grundausstattung.
- Phase 5: Skalierung. Aus der Methode wird ein Businessmodell – inklusive Zertifizierungsprogrammen, die „Coach-Klone“ produzieren, die wiederum dieselbe Methode an die nächste Generation Suchender weiterverkaufen.
Was als „die Lösung für dein Problem“ verkauft wird, ist also in vielen Fällen schlicht die persönliche Erfolgsgeschichte einer einzelnen Person – generalisiert, vermarktet und mit einem hübschen Funnel versehen. Ähnliche Mechanismen hat 42thinking übrigens schon im Kontext von KI-Tools seziert, die als „Effizienzlösung“ verkauft werden, aber bei genauerem Hinsehen vor allem eines lösen: das Problem des Anbieters, etwas zu verkaufen. Wer mehr über diese feine Kunst der verkauften Versprechen lesen möchte, dem sei die KI-Effizienz-Lüge ans Herz gelegt – tauscht man dort „KI-Tool“ gegen „Coaching-Programm“, passt erstaunlich viel.
Was treibt uns eigentlich in Coachings? Eine kleine Tour durch die menschliche Psyche
Niemand bucht ein Coaching aus reiner Langeweile (na gut, fast niemand). Es gibt tieferliegende Mechanismen, die uns – oft ziemlich zuverlässig – in Richtung Coach, Kurs oder Mastermind-Gruppe schubsen.
Verzweiflung an einem Problem. Wer wirklich nicht mehr weiterweiß, ist besonders empfänglich für fremde Ansichten. Das ist menschlich, verständlich – und genau deshalb auch der ideale Einstiegspunkt für jedes Verkaufsgespräch, das mit den Worten „Ich verstehe dich total, ich war auch mal an diesem Punkt“ beginnt.
Die Erzählung, dass nur Coaches helfen können. Social Media hat ein wunderbares Narrativ etabliert: Wer keinen Coach, Mentor oder „Accountability Partner“ hat, ist selbst schuld an seinem Stillstand. Diese Botschaft wird so lange wiederholt, bis sie sich anfühlt wie eine objektive Tatsache – obwohl sie in erster Linie ein Marketingsatz ist.
Sparsamkeit am eigenen Denken. Eigenes Denken kostet Zeit, Energie, Nerven – und manchmal auch die unangenehme Erkenntnis, dass man selbst Teil des Problems ist. Ein Coach liefert eine vorgefertigte Antwort. Bequem, schnell, mit hübscher Verpackung. Dass dabei ein Stück kognitive Muskulatur verkümmert, merkt man erst, wenn man irgendwann selbst eine Entscheidung treffen müsste – und es nicht mehr kann, ohne vorher drei Podcasts dazu gehört zu haben.
Kritiklosigkeit beim Übernehmen von Ansichten. Viele Inhalte werden nicht reflektiert, sondern einfach übernommen – aus Vertrauen in den „Experten“ oder, ehrlicher formuliert, weil man keine Lust hat, das eigene Weltbild infrage zu stellen. Wer schon einmal eine Diskussion mit jemandem geführt hat, der gerade „ein Buch gelesen hat“, kennt diesen ganz speziellen Tonfall der frisch erworbenen, unerschütterlichen Gewissheit.
Der Wunsch nach Gemeinschaft, nach Meinungsheimat. Viele Coaching-Programme bieten nicht nur Inhalte, sondern eine ganze Community – mit eigener Sprache, eigenen Insider-Witzen, eigenem Gruppenchat. Das schafft Zugehörigkeit, Wärme, das gute Gefühl, „endlich verstanden“ zu werden. Es kann aber auch in eine Form gedanklicher Einhausung kippen, bei der Kritik von außen automatisch als Angriff interpretiert wird. Wie schnell aus „wir teilen eine Meinung“ ein „nur wir haben die richtige Meinung“ werden kann, zeigt sich übrigens nicht nur bei Coachings, sondern auch in politischen Echo-Kammern – ein Thema, dem sich 42thinking unter anderem in diesem Beitrag über politische Realitätsflucht gewidmet hat. Die Mechanik der Gruppenbildung ist erstaunlich übertragbar.
Ist Coaching also per se schlecht? Nein – aber die Gebrauchsanweisung fehlt meistens
An dieser Stelle ein kleines, aber wichtiges Disclaimer: Coaching ist nicht automatisch des Teufels. Es gibt großartige Coaches, die Menschen tatsächlich dabei helfen, eigene Ressourcen zu entdecken, eigene Antworten zu finden und am Ende selbstständiger zu werden, statt abhängiger. Die Frage ist nicht „Coaching: ja oder nein?“, sondern „Wie ist dieses konkrete Coaching aufgebaut – und wem dient es eigentlich am Ende?“
| Kriterium | Gute Praxis | Gefährliche Praxis |
|---|---|---|
| Rolle des Coaches | Begleitet deine eigene Entwicklung, stellt Fragen | Stimmt dich systematisch über, liefert „die“ Antwort |
| Umgang mit deinen Erfahrungen | Deine Erfahrungen werden wertgeschätzt und einbezogen | Deine Sicht wird als „limitierender Glaubenssatz“ abgetan |
| Inhaltliche Qualität | Praktisch, fundiert, überprüfbar, mit Quellen | Pseudoreligiöse Versprechen, „Geheimwissen“, das niemand belegen kann |
| Community-Struktur | Offen, kritikfähig, Austritt jederzeit möglich | Sektenähnlich, Loyalität wird geprüft, Kritik wird sanktioniert |
| Geschäftsmodell | Transparent, Erfolg unabhängig von Folgebuchungen | Upselling-Spirale: Ohne nächstes Modul „funktioniert es nicht“ |
Wenn ein Coaching-Angebot Sätze enthält wie „nur wir kennen die wahre Methode“ oder „alle anderen Ansätze sind veraltet/falsch/von der Pharma-/Schul-/Mainstream-Lobby gesteuert“ – dann ist Vorsicht geboten. Das ist kein Coaching mehr. Das ist Glaubensarbeit mit Rechnung. Wer sich übrigens fragt, woher dieses Muster der „Wir gegen die anderen, die alle falsch liegen“-Rhetorik bekannt vorkommt: Es ist exakt dasselbe Muster, das man in politischen Debatten beobachten kann, wenn man laut diesem Beitrag zur politischen Eignungsfrage einmal genauer hinschaut. Die Verpackung unterscheidet sich, der Mechanismus nicht.
Der stille Verlust: Wenn Intuition zu Infrastruktur verkommt
Das eigentliche Problem beim Overcoaching ist nicht die schiere Menge an Informationen – die war schon immer da, spätestens seit Erfindung des Buchdrucks. Das Problem ist, dass wir uns angewöhnen, eigene Entscheidungen erst dann zu treffen, wenn wir eine externe Bestätigung dafür haben. Intuition ist dabei kein esoterisches Bauchgefühl, sondern – ganz nüchtern betrachtet – verdichtete eigene Erfahrung. Sie entsteht durch Versuch, Irrtum, Reflexion, noch mehr Irrtum und irgendwann ein „Aha“. Wenn wir diesen Prozess konsequent durch fremde Checklisten ersetzen, bauen wir keine Intuition mehr auf – wir bauen eine Abhängigkeit auf.
Besonders perfide ist dabei, dass dieser Prozess sich nicht wie ein Verlust anfühlt, sondern wie ein Gewinn. Man hat ja jetzt „ein System“. Man hat „Tools“. Man hat „Frameworks für jede Lebenslage“. Ich habe in einem ganz anderen Kontext – nämlich bei KI-Systemen, die sich unauffällig in unsere Arbeitsabläufe einnisten – ein m.E. sehr treffendes Bild dafür gefunden: den digitalen Schiffsbohrwurm. Etwas, das sich nicht mit Gewalt einnistet, sondern als „akzeptierte Infrastruktur“ – bis man irgendwann merkt, dass die Substanz darunter längst hohl ist. Genau das passiert auch mit der eigenen Intuition, wenn man sie konsequent durch externe Anleitung ersetzt: Man merkt es nicht, bis man in einer Situation steht, in der kein Modul, kein Framework und kein Coach greifbar ist – und plötzlich auffällt, dass man verlernt hat, allein zu denken.
Auch das „Outsourcen von Rechtschreibung und Formulierung“ an Autokorrektur-Tools wurde von 42thinking bereits kritisch beleuchtet – mit dem Fazit, dass Hilfsmittel zwar enorm praktisch sind, aber eben auch eine eigene Kompetenz brauchen, um sie sinnvoll einzusetzen, statt sich ihnen blind zu unterwerfen. Wer mag, kann das hier in Autokorrektur: Brillante Idee – oder Excel für Goldfische nachlesen. Übertragen auf Coaching: Ein gutes Coaching ist wie eine gute Autokorrektur – es unterstützt, korrigiert gelegentlich, ersetzt aber nicht das eigene Sprachgefühl. Ein schlechtes Coaching schreibt den ganzen Text gleich selbst und lässt dich nur noch unterschreiben.
Modelle statt Realität: Wenn Coaching-Konzepte die Welt simplifizieren
Ein weiteres Problem, das Coachings mit so manchem akademischen Modell teilen: die Versuchung, komplexe Realität in ein hübsches, vermarktbares Schema zu pressen. Vier Quadranten, fünf Stufen, sieben Gewohnheiten, neun Typen – die Zahl ist fast egal, Hauptsache, es passt auf eine Folie. Ich habe mich in „Was lernt ihr eigentlich im Studium, liebe Wirtschaft?“ bereits damit auseinandergesetzt, wie wirtschaftswissenschaftliche Modelle dazu tendieren, die Realität so lange zu falten, bis sie in das Modell passt – statt das Modell an die Realität anzupassen. Bei Coaching-Konzepten ist es oft nicht anders: Das Modell ist klar, einfach, merkbar – nur leider passt das eigene Leben selten exakt in eines der vier Felder einer 2×2-Matrix.
Das Ergebnis: Man beginnt, sich selbst durch die Brille des Modells zu betrachten, statt das Modell als eine von vielen möglichen Linsen zu nutzen. „Ich bin halt Typ C, deshalb kann ich das nicht“ wird dann zur Erklärung für so ziemlich alles – vom verpassten Workout bis zur gescheiterten Beziehung. Sehr praktisch, sehr bequem, sehr wenig hilfreich für die tatsächliche Veränderung, um die es ja eigentlich gehen sollte.
Fazit: Zurück zu sich selbst – mit Taschenlampe, nicht mit Blindflug
Coaching kann eine wertvolle Unterstützung sein – aber nur, wenn es dich dabei begleitet, deinen eigenen Weg zu finden, statt dir einen fremden überzustülpen. Wenn es deine Erfahrungen ernst nimmt, statt sie als „Glaubenssätze“ abzutun, die man dir „auflösen“ muss. Wenn es praktisch, überprüfbar und transparent ist – statt pseudoreligiös aufgeladen mit Geheimwissen, das zufälligerweise nur gegen Aufpreis verfügbar ist.
Die eigentliche Gefahr liegt jedoch tiefer als bei der Frage „Ist dieser eine Coach gut oder schlecht?“. Sie liegt im kumulativen Effekt: Wenn wir über Jahre hinweg gewohnt sind, für jede Lebensfrage erst eine externe Meinung einzuholen, verlernen wir das eigene Denken nicht mit einem lauten Knall, sondern leise, Stück für Stück – so leise, dass wir es selbst kaum merken. Das ist kein Fortschritt. Das ist gedankliche Abhängigkeit mit Abo-Modell.
Die nächste Frage, die sich vielleicht lohnt zu stellen, bevor man die Kreditkarte für das nächste Coaching-Programm zückt, lautet schlicht: Lerne ich hier wirklich, wie ich meine Probleme löse – oder löse ich gerade, zum wiederholten Mal, das Vermarktungsproblem des Coaches?
