a number of owls are sitting on a wire

Bullshit-Bingo! Narrative raus, Fakten rein!

„Narrativ“ ist das Deodorant der Macht. Es überdeckt zuverlässig jeden Geruch von Realität. Früher nannte man so etwas Propaganda, PR oder – wenn man höflich bleiben wollte – Schönfärberei. Heute ist es ein Strategie-Workshop mit Catering.

Die Republik im Erzählmodus

Öffentliche Kommunikation besteht längst nicht mehr aus Information, sondern aus Dramaturgie. Pressekonferenzen sind keine Orte der Aufklärung, sondern Bühnenstücke mit wiederkehrender Besetzung. Erst das Framing, dann das Zitat, danach die Empörungsrunde im Studio. Analyse ist optional, Haltung Pflicht – ein Mechanismus, den ich bereits in der medialen Selbsthypnose beschrieben habe.

Fakten stören da nur. Sie sind zu sperrig, zu differenziert, zu wissenschaftlich, zu – unangenehm. Wer will schon Zahlen hören, wenn man Gefühle servieren kann? Wer möchte Komplexität, wenn ein knackiges Schlagwort reicht? Fakten sind Spielverderber in einer Republik, die sich auf Storytelling geeinigt hat.

Bullshit-Bingo als Überlebensstrategie

Deshalb mein ernst gemeinter Vorschlag: Bullshit-Bingo bei jeder PK, jeder Talkshow, jedem „exklusiven“ Interview. Ein Kästchen für „Transformation“, eines für „Eigenverantwortung“, eines für „Zukunftsfähigkeit“, eines für „klare Kante“, eines für „alternativlos“. Wer zuerst voll hat, darf sich fragen, ob er gerade Politik verfolgt oder eine PowerPoint-Fortbildung für Fortgeschrittene – genau diese rhetorischen Waffen habe ich schon einmal in Worte wie Waffen seziert.

Es wäre zumindest ehrlicher. Wenn schon Inszenierung, dann bitte mit Spielanleitung. Wenn schon Erzählung, dann bitte mit Warnhinweis: Kann Spuren von Realität enthalten.

Die immergleichen Erzählungen

Ob Merz mit seinem latent pädagogischen Blick auf „Leistung“, Spahn mit routiniertem Krisenvokabular oder Dobrindt im Dauerzustand nationaler Selbstvergewisserung – die Namen wechseln die Tonlage, nicht das Prinzip. Man erzählt so lange dieselbe Geschichte, bis sie wie eine Tatsache klingt. Wiederholung ersetzt Beleg. Das funktioniert besonders gut in einem Land, das sich selbst gern für wirtschaftlich alternativlos hält – siehe auch Marktmacht Deutschland – Selbstmitleid oder blinder Fleck.

Es ist faszinierend, wie robust diese Narrative sind. Sie überstehen Statistiken, Studien und gelegentlich sogar die Realität. Man könnte fast Respekt entwickeln – wenn es nicht so unerquicklich wäre.

Medien als Echokammer mit Studio-Licht

Und die Medien? Sie reichen das Mikrofon weiter wie eine olympische Fackel. Zitat rein, Schlagzeile raus. Diskussion heißt heute: zwei Narrative kollidieren frontal, während der Moderator auf die Uhr schaut. Ein Faktencheck? Vielleicht später. Oder online. Oder gar nicht – Hauptsache, die Erzählung bleibt in Bewegung, wie bereits in der medialen Selbsthypnose beschrieben.

Öffentlich-rechtlich oder privat – die Unterschiede liegen oft im Bühnenbild, nicht im Mut zur Unterbrechung. Man will ja niemanden „vorführen“. Lieber lässt man die Behauptung stehen und nennt das Ausgewogenheit. Der Zuschauer darf sich dann selbst sortieren – zwischen Bauchgefühl und Restvernunft.

Gefühl schlägt Evidenz

Wir leben im Zeitalter der emotionalen Plausibilität. Was sich richtig anfühlt, wird gesendet. Was kompliziert ist, wird verkürzt. Und was nicht in 30 Sekunden passt, gilt als Zumutung. Aufmerksamkeit ersetzt Evidenz – ein Muster, das sich wie ein roter Faden durch viele Texte hier zieht.

Das Ergebnis: eine Öffentlichkeit, die permanent aktiviert, aber selten informiert ist. Empörung als Dauerschleife. Erkenntnis als Nebengeräusch.

Die schleichende Verflachung

Das eigentlich Beunruhigende ist nicht die einzelne Übertreibung. Es ist die Gewöhnung. Wir gewöhnen uns an vereinfachte Sprache. An zugespitzte Gegensätze. An moralische Schnellgerichte. Komplexität wird misstrauisch beäugt, Differenzierung als Schwäche ausgelegt – ein Prozess, der an anderer Stelle bereits als gesellschaftlicher blinder Fleck beschrieben wurde.

So schrumpft der Diskurs auf Schlagworte zusammen. Und wer versucht, genauer hinzusehen, gilt schnell als Spielverderber im großen Erzählzirkus.

Das Missverständnis vom Narrativ

Ursprünglich ist ein Narrativ eine sinnstiftende Erzählung. In der Politik ist es zunehmend eine Notlösung: Wenn die Fakten nicht tragen, trägt eben die Geschichte. Man biegt sich die Welt zurecht, bis sie ins Sprechzettel-Format passt – mit den bekannten Folgen.

Gefährlich wird es, wenn aus taktischer Vereinfachung Selbstüberzeugung wird. Wenn man die eigene Erzählung so oft wiederholt, dass man sie nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden kann. Dann ist nicht nur der Wähler im Nebel – sondern auch der Erzähler.

Ein Plädoyer für das Unbequeme

Fakten sind anstrengend. Sie verlangen Einordnung, Kontext, Geduld. Sie liefern selten Applaus. Aber sie sind das Einzige, was zwischen Diskurs und Dauerwerbesendung steht – und manchmal reicht schon ein kleiner Splitter, um das System zu irritieren (vgl. Der Splitter im Auge des Bruders).

Vielleicht sollten wir genau das wieder lernen: Unbequemes auszuhalten. Widerspruch zuzulassen. Nachzufragen, auch wenn es die Dramaturgie stört. Und nicht jedes wohlklingende Wort für bare Münze zu nehmen, nur weil es im Studio gesprochen wurde.

Bis dahin: Spielt mit

Bis sich das ändert, bleibt uns der Humor. Also: Bullshit-Bingo-Karten bereithalten. Strich machen bei jedem wohltemperierten Schlagwort. Und sich bei jedem „Realitätsbezug“ kurz fragen, ob gerade Realität gemeint ist – oder nur ihre Pressesprecher-Version.

Es ist kein Widerstand. Es ist Selbstverteidigung.

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