Es gibt diese Momente, in denen man sich fragt, ob die Evolution gerade auf Pause gedrückt hat – oder ob sie einfach nur die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Wenn Opa im Garten steht, vom Krieg erzählt, der keiner war, und Oma das gute Porzellan aus dem Fenster wirft, weil „die Nachbarn sowieso alles haben wollen“ – dann wissen wir instinktiv: Hier läuft etwas nicht mehr ganz rund. Wir reagieren mit einem stillen Lächeln, einem verständnisvollen Nicken. Vielleicht auch mit einem diskreten Wegsehen. Es ist unser innerstes Rudelwissen: Schonung statt Konfrontation. Wärme statt Wahrheit.
Der Verlust des gesunden Instinkts
Genau dieser Instinkt scheint uns abhanden gekommen zu sein. Nicht individuell, sondern kollektiv. Denn heute klatschen wir Beifall, wenn geistige Verwirrung politische Reden hält, und nennen es „authentisch“. Wir applaudieren dem Chaos, weil es unterhaltsam wirkt. Wir feiern Orientierungslosigkeit als Diversität, Beliebigkeit als Meinungsfreiheit. Und wir übersehen, dass die Demenz im öffentlichen Raum längst nicht mehr nur ein medizinischer Zustand ist – sie ist kulturell geworden.
In anderen Zeiten hätte man bei Anzeichen von Verwirrung das Steuer aus der Hand genommen. Heute überreichen wir festlich dekorierte Mikros, applaudieren und reichen ein neues Mandat nach. Ein Rudel, das seiner Führung blind folgt, obwohl diese schon längst nicht mehr weiß, wo Norden liegt – das ist keine Loyalität, das ist Selbstauslöschung. Wie in „Machthaber im Endstadium“ beschrieben: Beratungsresistenz und Altersstarrsinn als Symptome einer Politik, die sich gegen die Realität sperrt.
Die neue Ethik der Erbschleicher
Parallel dazu hat sich unser Verhältnis zur Schwäche verändert. Wo früher Hilfe, Geduld und Achtung herrschten, zählen heute Erbinteressen und Schnelltestamente. Der letzte Wille wird zur juristischen Tretmine, und das moralische Erbe gleich mitverbrannt. Wir nennen es Realismus, dabei ist es Opportunismus in Designeroptik.
Man drückt dem Dementen den Stift für die Unterschrift in die Hand, lächelt fürs Familienfoto, während die Kamera den Sturz der Würde dokumentiert. Und danach wundert man sich, wenn das Testament angefochten wird. Natürlich wird es angefochten. Weil irgendwo noch jemand einen Rest Anstand hat, oder wenigstens einen Anwalt. In einer Welt, die Demenz romantisiert, wird Erbschleichen zum Volkssport.
Steinzeit, gesunder Menschenverstand und das Rudel
In keiner steinzeitlichen Siedlung wäre ein desorientierter Stammesältester in die Führung gewählt worden. Kein Wolf würde einem taumelnden Leitwolf folgen, der die Fährte verliert. Kein Elefantenjunges würde einer greisen Kuh folgen, die mitten im Sandkreis stehen bleibt und das Gras anschreit. Das Rudel weiß, wann es Zeit ist, den Schutz zu übernehmen. Es ist kein Machtkampf, sondern Überlebensinstinkt.
Doch wir, die angeblich zivilisierte Spezies, haben diesen Instinkt wegtherapiert. Stattdessen sitzen wir in Talkshows, sprechen über „Empowerment“ der Verwirrten, loben die „menschliche Seite der Schwäche“ – und wundern uns dann über den Zustand des Landes. Vielleicht haben wir die neolithische Revolution einfach missverstanden: Es ging um Ackerbau, nicht um Selbsttäuschung. Heutige Eliten exemplifizieren das perfekt – sieh „Personalien – Rochaden mit G’schmäckle“, wo geistige Inzucht die Demokratie frisst.
Wenn Applaus zur Währung wird
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Wir haben den Applaus zum moralischen Maßstab erklärt. Wer beklatscht wird, hat recht. Wer Fragen stellt, ist herzlos. Dabei war die Hand, die klatscht, nie Garant für Wahrheit – bestenfalls für Gruppenzugehörigkeit. Heute applaudieren wir bis zur Stille. Bis keiner mehr nachfragt, warum niemand mehr fragen darf.
Früher war Applaus eine Geste für Leistung, heute ist er eine Schonhaltung. Man klatscht, damit es schnell vorbei ist, damit niemand merkt, dass man selbst keine Position hat. Wie beim kollektiven Spiel auf Zeit, das wir uns selbst auferlegt haben.
Die Kultivierung der Verwirrung
Wir leben in einer Epoche, in der die Verwirrung salonfähig geworden ist. Politiker stolpern durch Sätze wie durch Ikea-Anleitungen, Experten widersprechen sich wöchentlich und nennen es „Diskurs“, und Medien feiern jede noch so absurde These, solange sie Klicks bringt. Es ist ein Informationsinferno, das uns glauben lässt, Orientierungslosigkeit sei Tiefe.
Doch Unklarheit ist kein Zeichen von Intelligenz. Und Verwirrung kein Ausdruck von Sensibilität. Sie ist – so hart es klingt – einfach nur ein Systemfehler, den wir „Kultur“ genannt haben. Eine, die uns blind macht für das Offensichtliche: Demenz ist kein Feature, sondern ein Bug.
Die gefährliche Romantik des Verfalls
Natürlich hat das alles auch etwas Romantisches. Wir lieben die tragische Figur, die gnadenlos scheitert. Den Greis, der sich an alte Ideale klammert, während um ihn herum alles zerbricht. Es ist ästhetisch, fast filmreif. Nur: In der Realität bedeutet es Chaos. Wenn die, die nicht mehr können, die Richtung bestimmen, bleibt der Rest stehen. Und dann wundern wir uns, dass die Welt sich gegenläufig dreht.
Vielleicht müssten wir uns wieder trauen zu sagen: Nein, das war’s. Danke, aber deine Zeit ist vorbei. Kein Groll, kein Hass – nur Biologie. Wie beim Rudel, das weiterzieht, weil es weiß, dass Verfall kein Charakterzug ist, sondern ein Zustand. „Scheitern: Fluch oder ultimativer Lernhack?“ lehrt uns: Scheitern ist Datenpunkt, nicht Urteil – aber Führung damit ist Wahnsinn.
Ein gesunder Rückschritt
Wir müssten zurückfinden zu etwas Ursprünglichem: zur Fähigkeit, Menschlichkeit und Verantwortung zu verbinden. Demenz verdient Fürsorge, nicht Führungsposition. Mitleid ist menschlich, aber es ersetzt keine Richtung. Wenn wir das wieder begreifen, könnten wir aufhören, jede Schwäche zu verklären – und stattdessen lernen, sie würdevoll zu umarmen, ohne sie zum System zu machen.
Vielleicht ist das, was wir brauchen, kein Fortschritt, sondern eine Erinnerung. Eine Rückkehr zu dem, was jedes Rudel weiß und jede Gesellschaft vergessen hat: Man schützt die Schwachen – aber man folgt ihnen nicht.
„Wenn Demenz zur Tugend wird, klatscht die Gesellschaft sich selbst irre.“
