a number of owls are sitting on a wire

Der Splitter im Auge des Bruders – und der Balken im eigenen

Wie gerne zeigen wir mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger gen Westen – und übersehen dabei, dass unsere eigene Hand längst blutige Druckstellen trägt. Den Splitter im Auge des Bruders sehen wir – und der Balken im eigenen Auge sehen wir nicht. [Matt. 7,3-5]

Trump, Hitler und der moralische Export

Man kann die Uhr danach stellen: Sobald in den USA ein alternder Egomane mit schlecht sitzendem Selbstbewusstsein den Mund aufmacht, zieht hierzulande das intellektuelle Feuilleton seine Lieblingsvergleiche aus der Schublade. Trump? Na klar: ein neuer Hitler. Nur mit schlechterer Frisur. Es ist fast schon ein Reflex – eine intellektuelle Ersatzhandlung. Denn während man über den „großen Bruder“ im Westen schimpft, spült man das eigene schlechte Gewissen gleich mit einem Schuss moralischer Selbstüberhöhung hinunter.

Natürlich, vieles stimmt ja. Trump’s Sprache ist roh, seine Methoden autokratisch, seine Geduld mit demokratischen Standards überschaubar. Und doch: Während man im deutschen Leitartikelraum über die Rückkehr des Faschismus in Amerika fabuliert, starrt man nicht in den Abgrund, sondern in einen Spiegel. Nur dass man das Reflexionsvermögen längst verloren hat. Genau wie in unseren Analysen zu moralischem Verfall hierzulande.

Der Spiegel, in den keiner schaut

Wir tun so, als hätten wir die Lektionen der Geschichte mit moralischer Tinte unterzeichnet. Aber wie viel davon war wirklich Einsicht – und wie viel nur Pädagogik für die Galerie?

Wir erlauben einer AfD, im Bundestag und auf Marktplätzen eine Hetze zu verbreiten, die sich mühelos mit den Parolen düsterer Jahrzehnte reimt. „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner“ – so die AfD-Co-Vorsitzende im Parlament, ein Satz, der Stimmung gegen ganze Gruppen schürt und Menschenrechte mit Füßen tritt. Wir erlauben Medienhäusern, sich wirtschaftlich gleichschalten zu lassen – nicht weil ein Ministerium die Feder führt, sondern weil der Aktienkurs diktiert, was denkbar bleibt. Der Unterschied zwischen Propaganda und Profitmaximierung? Einer der Stilrichtung, nicht des Prinzips. Wie wir es in unserem Medien-Endstadium-Artikel seziert haben.

Und währenddessen? Wird der Bürger ruhiggestellt. Mit einer BR-„Rundschau“, die mehr nach PR klingt als nach Pressefreiheit, und einer Medienlandschaft, die sich in wirtschaftlichen Familienverhältnissen längst wieder gegenseitig die Köpfe tätschelt. Der freie Markt der Meinungen ist heute ein Konzernkonglomerat – mit Hausfarben und Hausnarrativen.

Der Rechtsstaat als Dekoartikel

Da steht er, stolz und glänzend: der deutsche Rechtsstaat. Zumindest solange, bis ein Jens Spahn beschließt, Gerichtsbeschlüsse geltender Instanzen seien optional. Der ehemalige Gesundheitsminister blockte Urteile des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts – und erklärte öffentlich, die Regierung folge nicht. Wer genug Geld und Einfluss hat, darf das Wort „verbindlich“ semantisch dehnen. Das Vertrauen in die Institutionen? Rutscht derweil Richtung Reservebank. Das Prinzip Spahn: Politik über Fachkompetenz, wie wir es analysiert haben.

Wir sind so beschäftigt damit, über Trump’s autoritäre Allüren zu spotten, dass wir unsere eigenen Basta-Minister nicht mehr hören. Wenn ein Kanzler oder Minister heute „aus dem Bauch heraus“ entscheidet, dann nennt man das nicht mehr Populismus, sondern „Führungskraft“. Markus Söder hält Hof in Bayern, als sei er der letzte legitime Monarch einer untergegangenen Epoche – mit Krönungszeremonien und königlichen Posen. Der Unterschied zu den Herrschaftszeiten von Ludwig II.? Damals war wenigstens noch was zum Anschauen gebaut worden. Ähnlich autoritäre Züge bei Merz & Co., wie in unserem Machthaber-Essay.

Die Sprache als Abgrund

Sprache formt Denken. Sagt man. Nur: Unsere Sprache formt längst nichts mehr – sie verformt. Sie ist zur Waffe verkommen in einem rhetorischen Stellungskrieg, in dem Begriffe nur noch Projektile sind. „Linksgrünversifft“, „Asyltourismus“, „Klima-Kirche“ – Schlagworte, die mit journalistischem Scheinargument aufgeladen werden, bis kein Raum für Vernunft bleibt.

Und genau so wie man in den USA „Fake News“ schreit, sobald Kritik aufkommt, ruft man hierzulande „Cancel Culture“, wenn jemand seine Worte hinterfragt sieht. Beides sind nur verschiedene Dialekte desselben intellektuellen Provinzialismus. Die Demokratie schrumpft nicht durch Parolen von rechts oder links – sie erodiert durch Sprachlosigkeit in der Mitte. Digitale Lügen und Vertrauensverlust, wie in unserem Fake-News-Artikel beleuchtet.

Gesellschaft im Dauerframing

Wir leben in einem politischen Theaterstück, dessen Hauptrolle der Widerspruch spielt. In unseren Parlamenten geht es nicht mehr um Argumente, sondern um Schlagzeilen. In den Talkshows nicht um Lösungen, sondern um Lautstärke. Konsens ist verdächtig geworden – wer Verständigung sucht, gilt als Verräter an der Sache. Die politische Kultur verrottet, weil niemand mehr die Stille aushält, in der Einsicht entstehen könnte. Politikverdrossenheit als Folge – ein Phänomen, das wir alle spüren.

Und dann wundert man sich, dass der Bürger sich abwendet. Lobbyismus? Läuft geräuschlos im Hintergrund weiter. Während ein Alexander Dobrindt sich mit pseudokonservativer Pose der „bürgerlichen Mitte“ andient – trotz PKW-Maut-Fiaskos, Abgasskandal-Vertuschungen und Verfassungsschutz-Vorschlägen, die selbst Parteifreunde empörten –, werden die Fäden längst woanders gezogen. Demokratie ist da, wo Vertrauen wohnt – und dieses Haus steht seit Jahren leer. Dobrindts Realitätsblase, wie in unserem Protektionismus-Artikel kritisiert.

Vermögensboom und kultureller Bankrott

Wir erlauben das Wachsen von Einzelvermögen in nie dagewesener Höhe – Superreiche häufen Billionen an, während die Mittelschicht zerbröselt. Gleichzeitig schließen wir Schwimmbäder, Bibliotheken und Jugendzentren, als wären sie Relikte einer vergangenen Ära. Statt Bildung und Gemeinschaft investieren wir in Offshore-Konten und Luxusimmobilien – eine Politik, die Reichtum konzentriert und Armut zementiert.

Die Ironie schreit zum Himmel: Während Söder in Bayern mit Steuersenkungen für Wohlhabende kokettiert und Reiche sich über Förderungen freuen, verrotten Infrastruktur und soziale Einrichtungen. Ein Milliardär darf sein Vermögen vervielfachen, aber der normale Bürger schwimmt im sprichwörtlichen Nichts. Das ist nicht Sozialstaat – das ist sozialer Darwinismus mit deutscher Gründlichkeit.

Opposition? Ein Phantom der Vergangenheit

Ein echter politischer Diskurs mit Opposition? Ein Witz. Framing und Diffamierung haben jeden Anflug von Debatte erstickt. Wer nicht in der vorgegebenen Spur läuft, wird als „rechtsradikal“, „populistisch“ oder „gefährlich“ gebrandmarkt – lange bevor Argumente geführt werden. Die AfD wird verteufelt, andere Oppositionelle mundtot gemacht, bis nur noch das Regierungsmantra übrig bleibt.

Dazu kommen Figuren wie Dorothee Bär, Dobrindt und Söder, die mit moralischer Überlegenheit jede Kritik abtun. Selbst Kritik aus eigenen Reihen wird sanktioniert: Wadephul für seinen „Syrienzustand“-Vergleich gejagt, Günther für die NIUS-Debatte und Journalistenethos-Forderungen diffamiert. Der Diskurs ist tot, ersetzt durch einen Monolog der Macht. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt – er wird eliminiert. Willkommen in der Demokratie der Einheitsmeinung.

Der Ausverkauf der Kultur

Wo früher Tante-Emma-Läden, Buchhandlungen und kleine Kinos waren, stehen heute die gesichtslosen Tempel des globalen Konsums. Amazon, Meta, Alphabet – ausländische Konzerne, die unsere Kultur als Geschäftsmodell kolonialisieren. Wir kaufen bequem, während Werte verkauft werden. Gewinne wandern wie Geisterzüge über den Atlantik, zurück bleibt ein Land, das sich an täglicher Bequemlichkeit narkotisiert. „Kostenloser Versand“ – die teuerste Lüge der Gegenwart.

Während im Silicon Valley Daten und Geldströme regieren, verkommt die deutsche Innenpolitik zur Zierpflanze im Schaufenster des Kapitalismus. Wir rühmen uns, moralisch überlegen zu sein, während wir längst Teil der globalen Verwertungslogik geworden sind. Nur eben mit Bio-Siegel.

Zwischen Weimar und Weimer

Es ist eine bittere Ironie, dass der Name Weimar für zwei sehr unterschiedliche Narrative steht: Kulturblüte und Staatsversagen. Und gerade jetzt scheinen beide wieder durch unsere Zeit zu schimmern. Wir berauschen uns an intellektuellen Selbstgesprächen – Feuilletonismen über Demokratie und Diskurs –, während Strukturen wanken, Institutionen erodieren, Vertrauen verdunstet. Weitere Meldungen zu solchen Entwicklungen auf dem Blog.

Vielleicht sind wir längst, wie Adorno es einmal sagte, „verwaltete Menschen“. Mit moralischem Anspruch, technokratischem Rückgrat und emotionaler Leere. Ein Land, das gleichzeitig schwärmt von der Freiheit und alles tut, um sie zu regulieren.

Der große Bruder – und wir

Also noch einmal die Frage: Sind wir wirklich besser? Oder einfach nur noch nicht drastisch genug? Wo liegen die Unterschiede zum „großen Bruder“ jenseits des Atlantiks – wirklich in den Werten? Oder nur in der Rhetorik? Trump schreit; wir flüstern. Er zertrümmert öffentlich; wir demontieren still und verwalten den Zerfall still. Beides führt zum gleichen Ziel: zur langsamen Entkernung demokratischer Kultur.

Der Unterschied ist also nicht moralisch, sondern methodisch. Wir empören uns sanft und wenn dann doch mal, gegen die, die am Wenigsten dafür können, institutionalisieren Verantwortungslosigkeit in Verfahren und nennen es dann – ernsthaft – Stabilität. Eine Gesellschaft, die glaubt, sich durch moralische Abgrenzung über Wasser halten zu können, hat längst angefangen zu sinken.

Am Ende bleibt der Blick

Am Ende bleibt nur der Blick in den Spiegel – sofern man ihn aushält. Vielleicht entdecken wir dort nicht den „besseren Deutschen“, sondern den gleichen Menschen, der im Namen seiner Angst und Bequemlichkeit dieselben Fehler macht wie sein amerikanisches Pendant. Nur eben mit korrekt gesetztem Komma und verordneter Betroffenheit.

Die Demokratie stirbt nicht mit einem Putsch. Sie stirbt im Alltag. An Gleichgültigkeit. An Selbstgerechtigkeit. Und an der behaglichen Lüge, dass die Monster immer woanders leben. Mehr zu gesellschaftlicher Erniedrigung und Verdrängung auf dem Blog.

Mehr Gedanken über politische Doppelmoral auf 42thinking.de

 

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