Natürlich kommt er wieder, der erhobene Zeigefinger aus dem Penthouse: Michael Bloomberg, 87, sagt der Generation Z, sie solle nicht so aufs Geld schauen. Ein Satz, den man nur dann so nonchalant in die Welt setzen kann, wenn das eigene Geld längst nicht mehr gezählt, sondern verwaltet wird – in Billionen-Dollar-Dimensionen. Es ist, als würde ein Astronaut vom Mond aus über die Sinnlosigkeit von Gravitation philosophieren.
Die Szene ist vertraut: Der Greis, der alles gesehen, besessen, gekauft und kontrolliert hat, gibt plötzlich den weisen Großvater. „Schaut nicht aufs Geld, Kinder, schaut aufs Leben!“ sagt er und vergisst dabei, dass das Leben nun mal Geld kostet. Viel Geld. Besonders für jene, die keines haben.
Ein Gehalt wie im Wirtschaftswunder
1966, so erzählt Bloomberg, verdiente er 9.000 Dollar im Jahr. Das war damals ein stolzes Anfangsgehalt – und entspricht heute etwa 90.000 Dollar. Also ja, er hat recht: Damals war Geld nicht alles. Es war alles ganz einfach da. Ein Haus, eine Familie, ein Auto – und das ohne 40 Jahre Kreditlaufzeit. Es war die Zeit, in der Worte wie „Inflation“ oder „Mietwucher“ noch nach Science-Fiction klangen. Heute heißen sie „Lebensrealität“.
Doch Bloomberg erwähnt das lässig, fast beiläufig, als handle es sich um eine Anekdote aus grauer Vorzeit – was sie ja auch ist. Nur, dass er die Gravitation des Geldes seitdem nie wieder gespürt hat. Und nun, ausgerechnet er, erklärt einer ganzen Generation, dass sie falsch liege, wenn sie Stabilität sucht, statt Sinn. Man kann viel über Perspektive lernen – aber man sollte wenigstens eine haben.
Geld ist nicht alles – wenn man genug davon hat
Es ist immer dasselbe Schauspiel: Wer genug vom Kuchen bekommen hat, predigt danach Selbstverzicht. Wer im Trockenen steht, schwärmt von der erfrischenden Wirkung des Regens. Bloomberg ist nicht der Erste in dieser Rolle, aber selten hat man die Absurdität so klar vor Augen. Denn während junge Menschen heute mit drei Nebenjobs ihre Miete stemmen, verkündet ein Mann mit hundert Milliarden auf der hohen Kante, dass Geld nicht alles sei. Ja, Michael, das sagt sich leicht – aus der eigenen Umlaufbahn heraus.
Vielleicht ist das der neue amerikanische Traum: So reich werden, dass man sich sogar moralische Erleuchtung leisten kann. Der Rest bleibt im Hamsterrad und darf sich anhören, wie wunderschön die Aussicht von oben sei.
Survivorship Bias mit Goldrand
Die Geschichte der Erfolgreichen klingt bekannt: harte Arbeit, Leidenschaft, Kritikfähigkeit – voilà, das Rezept für Erfolg. Nur, dass keiner erwähnt, wie viele andere mit denselben Zutaten gescheitert sind. Bloomberg erzählt von seinem Aufstieg, als wäre Erfolg eine lineare Funktion – \(F(x) = Arbeit + Leidenschaft = Milliarden\). Blöd nur, dass die Variable „Glück“ im Gleichungssystem fehlt. Oder Herkunft. Oder soziale Sicherheit. Dinge, die sich nicht in Businessplänen rechnen lassen.
Doch das ist der Charme des Survivorship Bias: Nur die, die überlebt haben, sprechen. Die Gescheiterten, die Glücklosen, die Abgebrochenen – sie kommen im Forbes-Ranking nicht vor. Dafür lautet die Botschaft von oben stets dieselbe: Wenn ihr’s nicht schafft, habt ihr’s halt nicht richtig gewollt. Leidenschaft, Baby!
Work-Life-Balance? Bloomberg meint: Arbeiten ist das Leben
Um 5:15 Uhr aufstehen, ab 7 Uhr im Büro, 10 Stunden arbeiten – das ist Bloombergs Vorstellung von Balance. Und er sagt das ernst. Work-Life-Balance heißt bei ihm: mehr Work, weniger Life, und schon ist’s im Gleichgewicht. Man staunt, wie elastisch Begriffe werden, sobald sie durch eine Milliardenfilterblase gedrückt werden. Vielleicht glaubt er tatsächlich, das sei normal – zumindest für Menschen mit eigenem Helikopterlandeplatz.
Was dabei auffällt: In seiner Erzählung taucht Familie nicht auf. Freizeit auch nicht. Muße? Fehlanzeige. Es ist die Calvinistische Ethik im Designeranzug, und sie riecht streng nach Schweiß und Selbstgerechtigkeit. Man fragt sich fast, ob Bloomberg überhaupt noch weiß, wie sich Feierabend anfühlt. Oder ob er den Begriff längst als betriebswirtschaftliche Vergeudung auffasst.
Generationenkonflikt mit Rabattcode
Da steht also jemand aus der goldenen Epoche des Kapitalismus und belehrt eine Generation, die mit Mindestlöhnen, Wohnungsmangel und Planetenkollaps zu kämpfen hat. Es ist, als würde ein Kreuzfahrttourist dem Schiffbrüchigen raten, sich „mehr auf innere Werte zu konzentrieren“. Was für den einen ein Mentor-Satz ist, ist für den anderen blanker Hohn.
Die Gen Z, zwischen Burnout und Studienschulden, soll sich bitte wieder „aufs Wesentliche besinnen“. Nur schade, dass die Definition des Wesentlichen von jemandem stammt, der keinerlei Ahnung davon hat, wie es ist, wenn der Kühlschrank leer ist. Seine Aussage gleicht einer absurden Mischung aus George Carlin und Jürgen Hingsen: moralischer Appell im Maßanzug.
„Tu, was du liebst“ – das neue „Arbeite gratis“
Bloombergs Appell, Arbeit solle aus Leidenschaft geschehen, ist ein alter Trick des modernen Kapitalismus. Wer Arbeit mit „Berufung“ auflädt, spart Gehalt und gewinnt Loyalität. Passion als billiger Treibstoff – die romantisierte Selbstausbeutung im 21. Jahrhundert. Und Bloomberg verkauft sie uns als Tugend. Wohl wissend, dass sein gesamtes Imperium darauf beruht, dass andere genau nicht so denken wie er. Denn irgendwer muss ja das Bloomberg-Terminal bezahlen – rund 20.000 Dollar im Jahr, versteht sich.
Das Beste an dieser Predigt: Sie ist perfekt für Unternehmen. „Mach’s aus Leidenschaft“ klingt besser als „Wir zahlen mies, aber du darfst dich dafür identifizieren“. Das neoliberale Märchen bleibt: tu, was du liebst – und liebe, was dich aufreibt. Der Rest ist Schweigen. Oder Burnout.
Ratschläge sind auch Schläge
„Ratschläge sind auch Schläge“ – selten passte das Sprichwort so gut. Denn jeder Rat aus solcher Höhe ist kein Trostpflaster, sondern ein Backpfeifenbündel, dass sich zu wiederholen sich t3n ungefiltert und ohne jegliche Relativierung herablässt.. Es ist die leise Herablassung der Besitzenden, die sich als Fürsorge tarnt. Wenn Bloomberg sagt „Lasst euch nicht vom Geld leiten“, klingt das wie „Ich hatte den Jackpot, aber spielt ruhig Lotto, es geht ums Dabeisein.“
Diese Art Rat trifft nicht ins Herz – sie trifft die Magengrube. Denn man weiß, dass er wahr sein könnte, wäre da nicht die groteske Diskrepanz der Lebenswirklichkeiten. Für ihn ist Geld eine Zahl. Für viele andere ist es die Stromrechnung. Und wenn er dann gnädig lächelt, weil er glaubt, Weisheit verteilt zu haben, wirkt das, als würde Zeus von der Wolke herab erklären, dass Blitze auch nur Licht sind.
Wäre er mal lieber leise weise geblieben
Ein stiller Moment der Einsicht hätte ihm gut gestanden. Stattdessen jubeln Wirtschaftsportale seine Worte als „Inspiration“ hoch – wahrscheinlich dieselben, die gestern noch Hustle-Kultur zitierten. Und so pendelt der öffentliche Diskurs wieder einmal zwischen absurd und amüsant. Der eine nennt es Erfahrung, der andere nennt es Weltfremdheit mit PR-Berater.
Vielleicht ist das wahre Paradoxon, dass Bloombergs Botschaft eigentlich richtig ist – nur aus seinem Mund absurd klingt. Natürlich sollte man Freundschaften, Erfahrungen, Wissen höher schätzen als Geld. Aber Weisheit ist kein Zitatwettbewerb, und Moral kein Luxusgut. Wenn die Realität derer, die man belehrt, auf ganz anderen Fundamenten steht, dann ist der gut gemeinte Rat eben vor allem eines: ein Schlag mit Goldring.
Am Ende bleibt: Der Rat – und der Abstand
Vielleicht meint er es gut, der alte Michael. Vielleicht glaubt er wirklich, dass Geld vergänglich sei und Erfolg nicht alles. Aber was nützt ein moralischer Kompass, wenn man auf einer Yacht navigiert? Zwischen seiner Welt und der der Gen Z liegt nicht nur eine Generation, sondern ein ganzes Wirtschaftssystem.
Seine Worte klingen dann wie ein Echo – leise, hohl, weit gereist. Und vielleicht hat er am Ende sogar recht. Nur interessiert es keinen, weil es aus dem falschen Mund kommt. Geld mag nicht alles sein, aber Glaubwürdigkeit schon.
Vielleicht wäre der ehrlichere Rat: „Lauft, solange ihr könnt – aber nicht meinem Weg nach.“ Doch Ehrlichkeit ist teuer. Sogar für Milliardäre.
