a number of owls are sitting on a wire

Like statt Lob? Oder: Wann wir aufgehört haben, einander wirklich zu sehen

Ein Herz hier, ein Daumen da – und fertig ist die Wertschätzung. Zumindest fühlt es sich so an. In der digitalen Parallelwelt sind wir großzügig, beinahe inflationär: Likes, Emojis, flüchtige Zustimmung im Sekundentakt. Und im echten Leben? Schweigen. Oder schlimmer: ein knappes „passt schon“. Haben wir das Loben verlernt – oder schlicht verlernt, hinzusehen?

Die Frage wirkt zunächst banal. Ein bisschen Kulturpessimismus vielleicht, ein Hauch „früher war mehr Lametta“. Doch je genauer man hinschaut, desto klarer wird: Es geht nicht um Nostalgie. Es geht um ein strukturelles Defizit, das sich durch nahezu alle Lebensbereiche zieht – Arbeit, Beziehungen, Konsum, Öffentlichkeit. Und vielleicht ist der Like nur das sichtbarste Symptom eines tieferliegenden Problems.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Likes nichts kosten

Ein Like ist schnell vergeben. Er kostet nichts, außer einen Fingerwisch. Genau darin liegt seine Schwäche. Was nichts kostet, ist selten etwas wert – zumindest nicht nachhaltig. Plattformen wie Instagram oder Facebook leben von dieser Mikrobestätigung: kleine Dopamin-Häppchen, die uns in der Schleife halten.

Der Mechanismus ist gut erforscht. Der Neurotransmitter Dopamin sorgt für kurzfristige Belohnung, aber nicht für langfristige Zufriedenheit. Likes sind damit weniger Anerkennung als vielmehr ein Reizsystem. Sie stimulieren, aber sie nähren nicht.

Das Problem ist nicht, dass wir liken. Das Problem ist, dass wir glauben, damit etwas gesagt zu haben. Ein Like ersetzt kein Lob. Er ist bestenfalls ein Platzhalter dafür – und selbst das nur mit viel Wohlwollen.

Im Ergebnis entsteht eine paradoxe Situation: Wir interagieren ständig, aber wir kommunizieren immer weniger. Wir reagieren, aber wir sagen nichts. Und genau dort beginnt das Defizit.

„Net g’schumpft is gnua g’lobat“: Die kulturelle Sparsamkeit des Lobes

Im schwäbischen Raum – und weit darüber hinaus – gilt ein unausgesprochenes Prinzip: Nicht geschimpft ist genug gelobt. Ein Satz, der so trocken ist wie die Kehrwoche und so wirkmächtig wie ein ungeschriebenes Gesetz.

Historisch lässt sich diese Haltung durchaus erklären. In einer primär protestantischen Welt, in der Leistung überlebensnotwendig und gleichzeitig Gottesdienst war, konnte zu viel Lob als gefährlich gelten. Es drohte, die Disziplin zu untergraben. Also wurde Anerkennung rationalisiert, reduziert, fast schon rationiert.

Philosophisch passt das gut in die Denktradition eines Immanuel Kant: Pflichtbewusstsein statt emotionaler Ausschüttung. Der Mensch handelt nicht für Lob, sondern aus moralischer Notwendigkeit.

Das Problem: Diese Haltung hat die Zeiten überlebt, ihre ursprüngliche Funktion aber nicht. Heute leben wir nicht mehr in einer Mangelgesellschaft, sondern in einer Überflussgesellschaft – zumindest materiell. Emotional hingegen herrscht oft erstaunliche Knappheit.

Wer nie hört, dass er etwas gut macht, beginnt irgendwann zu zweifeln. Oder er gewöhnt sich daran – und gibt die Sprachlosigkeit weiter. So entsteht eine Kultur des stillen Funktionierens, in der Lob fast schon als Fremdkörper wirkt.

Die Generation Prinz(essin): Wenn Lob zur Inflation wird

Während Erwachsene sich mit Lob zurückhalten, erleben Kinder häufig das Gegenteil. Jede Zeichnung ein Kunstwerk, jeder Purzelbaum ein Talentnachweis. „Super gemacht!“ wird zur reflexartigen Reaktion.

Was gut gemeint ist, hat Nebenwirkungen. Die Psychologin Carol Dweck unterscheidet zwischen pauschalem Lob und prozessbezogenem Feedback. Entscheidend ist nicht, ob ein Kind gelobt wird, sondern wie.

Ein diffuses „Du bist toll“ hilft weniger als ein konkretes „Du hast dir dabei richtig Mühe gegeben“. Ersteres schafft Abhängigkeit von externer Bestätigung, letzteres stärkt Selbstwirksamkeit.

Die Folge der Überlobung ist daher nicht Selbstbewusstsein, sondern Unsicherheit. Denn das Lob ist nicht gekoppelt an Realität, sondern an Erwartung. Und wenn diese Erwartung später nicht mehr erfüllt wird, entsteht ein Bruch.

Ein Bruch, der sich oft erst im Erwachsenenalter zeigt – dann allerdings mit voller Wucht. Spätestens mit Eintritt ins Arbeitsleben ist die Zeit des Lobes vorbei.

Das Anerkennungsloch: Warum Social Media so verführerisch ist

Wenn das echte Leben mit Lob spart und die eigene Erwartung hoch ist, entsteht ein Defizit. Und genau dieses Defizit füllt Social Media – scheinbar mühelos.

Der Soziologe Axel Honneth beschreibt Anerkennung als zentrale Voraussetzung für Identitätsbildung. Ohne sie fehlt etwas Grundlegendes. Social Media liefert diese Anerkennung in skalierter Form.

Ein Post ersetzt das Gespräch, ein Like das Lob, ein Kommentar die Beziehung. Das funktioniert erstaunlich gut – zumindest kurzfristig. Denn die Rückmeldung ist sofort da, sichtbar, messbar. 87 Likes sind schwer zu ignorieren. Ein unausgesprochenes Lob hingegen bleibt unsichtbar.

Doch genau darin liegt die Falle. Digitale Anerkennung ist entkoppelt von echter Beziehung. Sie ist anonym, flüchtig und oft beliebig. Heute 87 Likes, morgen 12. Der Wert schwankt, die Abhängigkeit bleibt.

Und so entsteht eine Spirale: Je weniger wir im echten Leben Anerkennung bekommen, desto stärker suchen wir sie online. Und je mehr wir sie online suchen, desto weniger investieren wir ins echte Leben.

Arbeitswelt: Fachkräftemangel trifft auf Lobdefizit

Unternehmen sprechen vom Fachkräftemangel, als handle es sich um ein rein demografisches Problem. Zu wenige Bewerber, zu viele offene Stellen. Das ist nicht falsch – aber unvollständig.

Denn parallel dazu existiert ein kulturelles Problem: mangelnde Wertschätzung. Mitarbeiter verlassen selten nur wegen des Gehalts ein Unternehmen. Häufiger gehen sie, weil sie sich nicht gesehen fühlen.

Der Begriff der inneren Kündigung beschreibt diesen Zustand präzise. Menschen sind noch da, aber nicht mehr beteiligt. Sie erledigen Aufgaben, aber ohne Engagement. Sie funktionieren, aber sie gestalten nicht mehr.

Und genau hier wird es teuer. Nicht nur emotional, sondern wirtschaftlich. Produktivität sinkt, Innovationskraft ebenso. Gleichzeitig steigen die Kosten für Recruiting, Einarbeitung und Fluktuation.

Das Paradoxe: Während Unternehmen Millionen in Employer Branding investieren, scheitern sie oft an der einfachsten Form der Bindung – ehrlicher Anerkennung im Alltag.

Ein „Das hast du gut gelöst“ vom Vorgesetzten kostet nichts. Aber es wirkt. Es schafft Bindung, Vertrauen und Motivation. Und genau das fehlt in vielen Organisationen.

Fachkräftemangel ist daher nicht nur ein Problem des Marktes, sondern auch eines der Haltung.

Kunden wie Mitarbeiter: Die Erosion der Markentreue

Was im Inneren von Unternehmen beginnt, zeigt sich nach außen beim Kunden. Die Markentreue schwindet. Wechsel ist zur Normalität geworden.

Früher war Loyalität oft selbstverständlich. Heute ist sie situativ. Der bessere Preis, die schnellere Lieferung, die lautere Botschaft – all das kann den Ausschlag geben.

Doch auch hier spielt Wertschätzung eine Rolle. Kunden bleiben nicht wegen Produkten, sondern wegen Erlebnissen. Wer sich gesehen fühlt, bleibt. Wer sich austauschbar fühlt, geht.

Ein personalisiertes „Danke“, ein kulanter Servicefall, ein ehrlicher Dialog – all das sind Formen von Lob in Richtung Kunde. Und sie sind erstaunlich selten geworden.

Stattdessen dominieren automatisierte Mails, Chatbots und standardisierte Prozesse. Effizient, aber emotionslos. Funktional, aber bindungsschwach.

Die Konsequenz ist logisch: Wenn niemand mehr eine Beziehung anbietet, geht auch niemand mehr eine ein.

Beziehungen auf Zeit: Wenn selbst die Liebe kürzer wird

Der vielleicht sensibelste Bereich ist der privateste: Beziehungen. Partnerschaften beginnen oft intensiv – mit Aufmerksamkeit, Komplimenten, echtem Interesse. Doch im Alltag verschiebt sich etwas.

Was früher ausgesprochen wurde, wird selbstverständlich. Was selbstverständlich wird, wird unsichtbar. Und was unsichtbar wird, verschwindet irgendwann ganz.

Die Zahlen zur Scheidung sind bekannt, die Gründe vielfältig. Doch ein Aspekt wird oft unterschätzt: das schleichende Verschwinden von Wertschätzung.

Ein fehlendes „Danke“, ein nicht ausgesprochenes Kompliment, ein übersehenes Detail – all das summiert sich. Nicht spektakulär, aber wirksam.

Beziehungen scheitern selten an großen Konflikten. Häufiger scheitern sie an kleinen Unterlassungen. An dem, was nicht gesagt wurde.

Und so stellt sich irgendwann die leise Frage: Werde ich hier eigentlich noch gesehen?

Wenn Lob politisch wird: Die Angst vor dem falschen Kompliment

Ein weiterer Faktor verstärkt die Sprachlosigkeit: die zunehmende Politisierung von Sprache. Ein Kompliment ist nicht mehr nur ein Kompliment. Es ist potenziell ein Statement – und damit riskant.

Ein „schöne Bluse“ kann vom falschen Geschlecht ausgesprochen als sexistisch interpretiert werden, ein „cooles Hemd“ als codiert1. Die Unsicherheit wächst, die Hemmung ebenso.

Der Diskurs um politische Korrektheit hat wichtige Impulse gesetzt. Sensibilität für Sprache ist sinnvoll. Doch in der Praxis führt sie oft zu Übervorsicht.

Das Ergebnis ist nicht bessere Kommunikation, sondern weniger Kommunikation. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, sagen wir lieber gar nichts.

Ein Gedanke dazu findet sich auch im Artikel Political Correctness – Sprachpolizei oder notwendige Sensibilisierung?.

Die Schröpfung der Meinung: Selbstzensur als Normalzustand

Wir haben gelernt, unsere Aussagen zu filtern. Nicht nur aus Höflichkeit, sondern aus strategischer Vorsicht. Kommunikation wird kalkuliert, nicht mehr spontan.

Das betrifft Kritik – aber eben auch Lob. Denn Lob ist nicht neutral. Es ist eine Bewertung, eine Positionierung. Und Positionen sind angreifbar.

Der Philosoph Jürgen Habermas beschreibt Kommunikation als Raum der Verständigung. In der Realität erleben wir jedoch oft einen Raum der Absicherung.

Wir sagen weniger, wir meinen weniger, wir riskieren weniger. Und verlieren dabei genau das, was Beziehungen trägt: echte, ungefilterte Rückmeldung.

Zwischen Lessing und Like: Eine Frage der Haltung

Gotthold Ephraim Lessing stand für Aufklärung, für Diskurs, für das gesprochene Wort. Für ihn war Kommunikation kein Risiko, sondern Voraussetzung von Erkenntnis.

Heute wirkt diese Haltung fast naiv. Wir delegieren Sichtbarkeit an Algorithmen, Relevanz an Plattformen und Anerkennung an Klickzahlen.

Doch genau hier liegt der Kern des Problems: Lob ist kein technischer Vorgang. Es ist ein menschlicher Akt. Er erfordert Wahrnehmung, Mut und Präsenz.

Ein Like kann das nicht ersetzen. Er kann es simulieren – mehr nicht.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Ein Mitarbeiter schließt ein Projekt erfolgreich ab. Kein Feedback2. Kein Lob. Nur ein „weiter so“ im Vorbeigehen.

Parallel dazu sucht das Unternehmen neue Talente, spricht von Kultur, von Wertschätzung, von Purpose.

Am Abend postet der Mitarbeiter ein Foto. 87 Likes. Zwei Kommentare. Ein bisschen Sichtbarkeit.

Ein paar Wochen später beginnt die innere Kündigung. Monate später folgt die echte.

Als Kunde wechselt er längst den Anbieter. Als Partner spricht er weniger. Als Mensch zieht er sich zurück.

Kein großes Ereignis. Nur viele kleine.

Was wir verlernt haben – und wieder lernen könnten

Loben ist keine Technik. Es ist eine Entscheidung. Eine Haltung, die sagt: Ich sehe dich. Und ich sage es dir.

Vielleicht geht es nicht um mehr Lob, sondern um Besseres. Konkreter, ehrlicher, situativer. Ein echtes Feedback statt eines reflexhaften „gut gemacht“.

In Unternehmen könnte das Mitarbeiter binden, statt sie zu verlieren. In Kundenbeziehungen könnte es Loyalität schaffen, statt Austauschbarkeit. In Partnerschaften könnte es Nähe erhalten, statt Distanz wachsen zu lassen.

Und im Alltag? Könnte es schlicht den Unterschied machen zwischen nebeneinander und miteinander.

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass wir nicht loben können. Sondern, dass wir es uns abgewöhnt haben.

Und vielleicht ist die Lösung einfacher, als sie klingt: weniger Likes. Mehr Worte.

Direkt. Echt. Ungefiltert.

Weil ein ehrliches „Das war wirklich gut“ mehr verändert als hundert Herzen auf einem Bildschirm.

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