a number of owls are sitting on a wire

Jens Spahn wiedergewählt – oder: Fachkräftemangel an machtgeilen Ersatzkandidaten in der CXU

Jens Spahn wurde also wiedergewählt. Ohne Gegenkandidat. Kein Mensch wollte gegen ihn antreten. Nicht einmal ein halbüberzeugter Hinterbänkler mit zu viel Ehrgeiz, zu wenig Format und dem festen Glauben, politische Karriere sei nur eine Frage der richtigen Krawatte und des passenden Netzwerks. Politischer Fachkräftemangel?

Und genau das wirft die eigentliche Frage auf: Wie kann es sein, dass in einer Partei voller Karrieremenschen plötzlich niemand mehr Karriere machen will? Das ist ungefähr so plausibel, als würde ein Friseursalon schließen, weil plötzlich niemand mehr Haare hat. Irgendwo stimmt da etwas grundsätzlich nicht.

Sind wirklich schon alle Villen fertig? Wurden sämtliche Aufsichtsräte, Staatssekretärsposten und Versorgungspakete bereits so gerecht unter den üblichen Seilschaften verteilt, dass sich das beherzte Greifen in den Steuertopf wirtschaftlich einfach nicht mehr lohnt? Oder hat man inzwischen tatsächlich in der gesamten CxU genug Geld, Einfluss und Nebeneinkünfte gesammelt, um den Rest des politischen Lebens nur noch als Verwaltungsübung mit Dienstwagen zu betrachten?

Das wäre immerhin eine überraschende Entwicklung. Nicht wegen der Bescheidenheit. Eher wegen der Vorstellung, dass selbst im harten Milieu der Macht irgendwann der Punkt erreicht sein könnte, an dem man sagt: „Nein danke, heute nicht mehr. Ich habe schon genug Realität entnommen.“

Die große Leere hinter dem Machtwillen

Eigentlich ist die viel schönere Frage aber eine andere: Gibt es in der CxU wirklich niemanden mehr, der sein Rückgrat noch ein kleines bisschen weiter verbiegen möchte? Niemanden, der sich denkt: Moralisch bin ich flexibel, inhaltlich ohnehin leer, und mediengeil war ich schon immer – wo ist das Bewerbungsformular?

Früher hätte sich an so einer Stelle doch mindestens ein ehrgeiziger Nachwuchspolitiker gemeldet, der noch das feine Brennen im Blick hatte, wenn er an Talkshows, Fraktionsdisziplin und Karrieresprünge dachte. Heute dagegen wirkt es, als hätte selbst der politische Ehrgeiz Burnout beantragt. Da sitzt irgendwo sicher noch einer in einem Berliner Lobbyistenrestaurant, starrt in seinen Salat und denkt: „Menschlichkeit ist überbewertet. Ich könnte das deutlich skrupelloser.“ Aber offenbar fehlt inzwischen sogar die Energie für solche Träume.

Wo bleibt dieser Ehrgeiz? Wo bleibt der Innovationsgeist? Wo bleibt die christdemokratische Leistungsbereitschaft, wenn es darum geht, sich nach oben zu arbeiten und dabei den letzten Rest Überzeugungskraft an der Garderobe abzugeben? Wenn nicht einmal mehr die Lust auf Macht vorhanden ist, dann ist das kein Personalproblem mehr. Dann ist es ein Stimmungsbild. Und zwar kein gutes.

Demokratie ohne Auswahl

Natürlich wird man jetzt wieder einwenden: „Aber es durfte doch jeder kandidieren!“ Ja, sicher. So wie jeder beim Monopoly theoretisch die Schlossallee kaufen kann. Demokratisch ist das auf dem Papier. Praktisch ist es ein Abend, an dem schon vor dem ersten Wurf feststeht, wer das Hotel baut und wer am Ende die Miete zahlt.

Demokratie ohne Auswahl ist ungefähr so inspirierend wie Instant-Kartoffelpüree ohne Wasser. Es steht zwar auf dem Tisch, aber man fragt sich doch, ob irgendjemand wirklich glaubt, das sei ein vollwertiges Essen. Wenn in einer großen Partei niemand mehr gegen den amtierenden Kandidaten antritt, dann ist das kein Zeichen von Geschlossenheit. Es ist politische Betriebsmüdigkeit mit Dienstwagen.

Wahlplakat für Kandidaten kontra Spahn

Und draußen stehen die Wähler und schauen zu wie Menschen, die versehentlich in eine Betriebsversammlung geraten sind. Man fragt sich unweigerlich, ob dort eigentlich noch irgendjemand ein Gespür für die Basis hat. Oder ob man „Volksnähe“ inzwischen für eine regionale Brotsorte hält, die man beim Bäcker zwischen Körnerbrötchen und Laugenstange bekommt.

Fachkräftemangel im Opportunismus

Vielleicht müssen wir das Problem auch einfach nüchtern benennen: Es herrscht Fachkräftemangel. Nicht im Handwerk, nicht in der Pflege, nicht bei den Ingenieuren – sondern im politischen Opportunismus. Offenbar fehlt es an ausreichend qualifizierten Bewerbern, die bereit wären, sich mit voller Hingabe an Bedeutungslosigkeit, Selbstinszenierung und Machtpflege zu verkaufen.

Früher war das ein Wachstumsmarkt. Heute scheint es, als würden selbst ambitionierte Karrieristen sagen: „Also ganz ehrlich, irgendwo ziehe ich die Grenze. Und wenn es nur aus Selbstschutz ist.“ Denn wer will schon permanent drehendes Fähnchen im Wind sein, wenn selbst Windräder inzwischen mehr gesellschaftlichen Respekt genießen als politische Wendehälse? Das eine liefert wenigstens Strom. Das andere liefert allenfalls Statements.

Und so sitzt die Partei da wie ein Konzern, der seinen Nachwuchs verloren hat. Die Generation Praktikum wollte noch in den Bundestag. Die Generation Z schaut sich das an und denkt sich vermutlich: Nee. Dann lieber wirklich arbeiten. Das ist natürlich bitter für die alte politische Welt, in der man sich einst für den natürlichen Endpunkt jeder Ambition hielt. Heute wirkt dieser Mechanismus ausgetrocknet. Kein Schwung mehr, kein Zugriff, kein Nachwuchs, der sich mit glänzenden Augen in die eigene Verwertbarkeit stürzt. Wo bleibt die Weitsicht, nach der politischen Episode in die (Lobby-) Wirtschaft zurückzukehren?

Windräder, Fähnchen und die alte Kunst des Drehens

Und doch bleibt eine fast schon metaphysische Frage offen: Will denn wirklich niemand mehr ein drehendes Fähnchen im Wind sein? Das war doch lange ein solides Karrieremodell. Heute hier Öko-Rhetorik, morgen Wirtschaftsnähe, übermorgen wieder Technologieoffenheit – Hauptsache, die eigene Position dreht sich zuverlässig mit jeder Umfrage.

Die Ironie ist kaum zu übersehen. Ökostrom aus Windrädern ist gesellschaftlich längst akzeptierter als Politik aus Windrichtungen. Das eine produziert Energie, das andere produziert Absicherung. Und jetzt scheint selbst diese alte Disziplin ihren Reiz verloren zu haben. Keine Rotation, keine Ambition, keine Lust mehr auf das elegante Mitdrehen im öffentlichen Windkanal.

Man könnte fast meinen, das Fähnchen sei beleidigt. Oder erschöpft. Oder beides. Vielleicht hat es einfach eingesehen, dass ewige Anpassung zwar Karriere fördern kann, aber selten Charakter. Und da selbst im politischen Betrieb irgendwann jemand merkt, dass bloßes Drehen keine Haltung ersetzt, bleibt am Ende nur noch die Leerstelle. Sauber gebügelt, gut beleuchtet und ohne Inhalt.

Umwelt zerstören, aber bitte effizient

Fast noch verstörender ist allerdings die Frage, ob niemand mehr Lust hat, die Umwelt effektiver zu zerstören. Früher schien das doch immerhin eine stabile Triebfeder zu sein: Wachstum, Rendite, Symbolpolitik und der feste Glaube, man könne den Planeten noch ein paar Legislaturen lang auf Verschleiß fahren, solange die Sprache freundlich genug bleibt.

Wo sind sie hin, die großen Vorreiter des „Weiter so, aber mit weniger Schuldgefühl“? Niemand mehr da, der sich mit ernster Miene hinstellt und sagt: „Wir müssen pragmatisch bleiben“, während im Hintergrund bereits die nächste Ausnahmeregelung für Emissionen vorbereitet wird? Niemand mehr, der das ganze Projekt als technologische Zukunft verkauft, obwohl es in Wahrheit nur die Verlängerung alter Gewohnheiten ist?

Stattdessen: Zögern. Taktieren. Halbherzige Formulierungen. Ein vorsichtiges Lavieren zwischen Klimazielen und Klientelpflege, das so inspirierend ist wie ein verregneter Betriebsausflug nach Meppen. Dabei wäre die alte Umweltzerstörung mit modernem PR-Anstrich doch immer noch ein konkurrenzfähiges Geschäftsmodell. Aber selbst dafür fehlt offenbar inzwischen der Mut oder das Personal. Vielleicht ist das die eigentliche ökologische Wende: Nicht Einsicht, sondern Erschöpfung.

Oder hatte Merz doch recht?

Plötzlich bekommt eine ganz andere Theorie Gewicht. Vielleicht hatte Friedrich Merz am Ende doch recht mit der Behauptung, die Deutschen seien zu bequem geworden. Nur meinte er womöglich nicht die Bürger. Vielleicht meinte er seine eigene politische Umgebung.

Denn ernsthaft: Wie faul muss man eigentlich sein, um nicht einmal mehr nach einem der bestbezahlten Machtjobs des Landes greifen zu wollen? Das ist ja keine Knochenarbeit im Braunkohletagebau. Niemand muss nachts bei Regen Glasfaser verlegen, im Pflegeheim Doppelschichten schieben oder im Akkord Regale einräumen. Hier geht es um einen Karriereweg mit Dienstwagen, Mikrofonen, Talkshows, üppigen Diäten und der schönen Möglichkeit, komplette Lebensrealitäten mit dem Satz „Da müssen wir jetzt durch“ wegzumoderieren.

Und trotzdem sagt in der ganzen Partei keiner: „Jawohl. Diesen entbehrungsreichen Weg voller Einfluss, Netzwerke und Versorgungsposten gehe ich.“ Das ist dann doch bemerkenswert. Vielleicht ist das die wahre Leistungskrise Deutschlands. Nicht im Handwerk, nicht in der Industrie, sondern im politischen Machtstreben der CxU. Früher drängelten sich dort Menschen nach oben wie Touristen ans Gratisbuffet. Heute wirkt es eher wie eine Selbsthilfegruppe erschöpfter Karrieristen mit latentem Podcastinteresse. Nicht einmal Interesse an einer perfekten Altersvorsorge – sprich Pension – scheint mehr gegeben.

Merz sitzt vermutlich irgendwo im Maßanzug und denkt sich: Sehen Sie, nicht einmal mehr für Macht und Geld will hier noch jemand arbeiten. Vielleicht war das also gar keine Gesellschaftsanalyse. Vielleicht war es einfach nur ein sehr verzweifelter Blick in die eigene Partei.

Grünen-Bashing auf Sparflamme

Und noch etwas irritiert zutiefst: Hat denn in der CxU wirklich niemand mehr Lust auf das gute alte Grünen-Bashing? Früher war das doch ein sicherer Quell politischer Selbstvergewisserung. Einmal pro Woche in eine Talkshow setzen, bedeutungsvoll die Stirn falten und irgendetwas über Verbote, Wärmepumpen oder Lastenräder murmeln. Schon hatte man für kurze Zeit das Gefühl, wieder Haltung zu zeigen, ohne sie tatsächlich aufbringen zu müssen.

Zwischendurch dann ein Interview bei der Boulevardpresse, in dem man Deutschland zur Leistungsnation erklären konnte, während die eigene größte Anstrengung der Weg vom Fraktionssaal ins Fernsehstudio war. Und morgens noch ein bisschen Empörung über das „linke Milieu“, das angeblich alles vorschreiben will, obwohl die eigene Politik seit Jahren genau aus diesem Mix aus Verbot, Ausnahme und Symbolik lebt.

Aber jetzt? Gar nichts mehr? Null Antrieb? Keiner mehr da, der sich öffentlich empören möchte wie ein Facebook-Kommentarbereich auf Koffein? Keine Lust mehr auf das traditionelle Kulturkampf-Bingo aus Gendern, Tempolimit und Hafermilch? Dann ist die Lage ernst. Denn wenn selbst die Empörungskapazität aufgebraucht ist, bleibt nur noch ein sehr müdes System, das seine Rituale ausführt, ohne noch an sie zu glauben.

Wal Timmy als Gegenbild

Vielleicht wäre am Ende selbst Wal Timmy die bessere demokratische Lösung gewesen. Einfach Ehrenmitglied ernennen und aufstellen. Artfremdes Wesen? Sicher. Aber möglicherweise mit mehr emotionaler Intelligenz als der durchschnittliche Fraktionsstratege nach drei Talkshows und zwei Lobbyempfängen.

Timmy hätte wenigstens glaubwürdig sagen können: „Ich tauche zwar gelegentlich ab, aber wenigstens tue ich danach nicht überrascht über die Stimmung im Land.“ Das ist mehr Selbstkenntnis, als mancher Berufspolitiker über mehrere Wahlperioden hinweg aufbringen muss. Außerdem hätte ein Wal den unschlagbaren Vorteil, dass man mangelnde Kommunikation wenigstens biologisch erklären könnte. Das wäre ehrlich. Und Ehrlichkeit ist ja inzwischen fast schon ein exotisches Tier im politischen Zoo.

Die eigentliche Krise

Die wahre Pointe ist also nicht Jens Spahn. Die wahre Pointe ist eine Partei, in der offenbar niemand mehr Lust hat, öffentlich um Richtung, Inhalte oder Führung zu streiten. Eine Partei, die Politik inzwischen verwaltet wie eine Eigentümergemeinschaft mit Bundestagsmandat. Eine Partei, die so weit vom normalen Leben entfernt ist, dass sie Bürger vermutlich nur noch aus Sicherheitsglas kennt.

Und wenn dort wirklich niemand mehr sagt: „Moment mal. Vielleicht brauchen wir Alternativen.“ Dann ist das nicht Stabilität. Dann ist das nur politische Monokultur mit Sakkozwang. Eine Landschaft aus gepflegten Floskeln, abgeschirmten Biografien und der stillen Hoffnung, dass schon niemand merken möge, wie wenig noch dahinterliegt.

Vielleicht ist genau das die Pointe dieser ganzen Geschichte: Nicht dass keiner gegen Spahn antreten wollte. Sondern dass offenbar nicht einmal mehr genug Begehren vorhanden ist, um sich am Machtapparat zu reiben. Und wenn selbst der Ehrgeiz kapituliert, dann bleibt nur noch das Echo aus Sitzungsräumen, Pressestatements und der leisen Erkenntnis, dass ein leerer Stuhl manchmal mehr über eine Partei sagt als jede Rede.

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