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Faule Lehrer – oder faules Bildungssystem?

Es ist zu kotzen. Mal wieder sind es die angeblich „faulen Lehrer“, die zu wenig arbeiten, zu viel jammern und sich bitteschön mit ihrem Teilzeitluxus nicht so anstellen sollen – sagt eine Politik, die seit Jahrzehnten an einem kaputten System herumdoktert und sich wundert, dass es immer noch brennt.

Während Talkshows und Kommentarspalten darüber debattieren, ob Lehrkräfte jetzt endlich jede Minute ihrer Arbeitszeit erfassen sollen, wird der eigentliche Skandal elegant ausgeblendet: Ein Bildungssystem, das strukturell auf Selbstausbeutung baut, sich hinter Deputatsstunden versteckt und jede reale Zahl zur Belastung lieber ignoriert. Willkommen im deutschen Bildungsabsurdistan – Episode 712.

Die „faulen“ Lehrer und die gepflegte Rechenlüge

Die Grundrechenart der Bildungspolitik ist einfach: 26 Stunden Unterricht plus ein bisschen Vorbereitung, ein bisschen Korrektur, ein bisschen Elternarbeit – macht zusammen angeblich irgendwas, das in eine 40-Stunden-Woche passt. Wer widerspricht, hat das System „nicht verstanden“ – oder schlimmer: ist emotional.

Blöd nur, dass Studien längst zeigen, dass Lehrkräfte im Schnitt deutlich mehr arbeiten als vorgesehen, und ein erheblicher Teil regelmäßig die 48-Stunden-Grenze knackt. Dummerweise tauchen diese Stunden nicht als „Produktivität“ auf, sondern als diffuse Masse aus: Nachbereitung, Gespräche, Korrekturen, Förderpläne, Inklusion, Digitalisierungszirkus und Schulentwicklung in der Hohlraumversiegelung.

In meinem Buch „Bildung neu denken“ schreibe ich ziemlich genau das, was in der politischen Debatte systematisch unterschlagen wird: Unterrichtszeit ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs, der Rest passiert unsichtbar – in Abenden, Wochenenden und Ferien, die offiziell als Freizeit gelten, praktisch aber als Puffer für ein kaputtgeplantes System missbraucht werden.

Überstunden mit falschen Prämissen – ein Arbeitszeitmärchen

Die aktuelle Überstundendiskussion wirkt wie ein sehr schlechter Witz: Man will exakte Zahlen, aber weigert sich, die Realität dahinter anzuerkennen. Die politischen Ansagen lauten sinngemäß: „Wir erfassen jetzt alles ganz genau – aber bitte nur das, was in unser altes Deputatsdenken passt.“

Vorbereitung? Wird strukturell unterschätzt, weil gute Vorbereitung keine Lobby hat – solange der Unterricht irgendwie läuft, gilt sie als Luxus, nicht als Voraussetzung. Korrekturen? Werden so gerechnet, als gäbe es nur Multiple Choice und keine komplexen Texte, differenzierte Rückmeldungen oder individuelle Förderung. Elterngespräche? Sind in der Modellwelt der Ministerien freundliche 15-Minuten-Snacks, keine Abendveranstaltungen mit Eskalationspotenzial zwischen Erwartungsdruck, juristischen Drohungen und pädagogischer Realität.

In „Bildung neu denken“ sezieren wir genau dieses Missverhältnis: Die offizielle Logik tut so, als sei Schule eine Fabrik mit planbaren Prozesszeiten, während ich Schule als komplexes System beschreibe, das auf Beziehungsarbeit, Differenzierung, Inklusion, Medienkompetenz und individueller Förderung basiert – alles Dinge, die sich eben nicht in ein starres Stundenraster pressen lassen. Trotzdem wird weiter so getan, als könne man Bildungsqualität mit einem Excel-Sheet abbilden.

„Hört auf mit Teilzeit“ – die brutale Arroganz der Erwartungshaltung

Kaum wird es mit dem Lehrermangel eng, kommt der moralische Vorschlaghammer: „Die Lehrer sollen gefälligst nicht alle Teilzeit arbeiten.“ Übersetzt heißt das: „Wir haben das System so lange überlastet, bis es Menschen kaputt macht – jetzt sollen dieselben Menschen das bitte noch ein bisschen länger aushalten.“

Mehr als zwei Drittel der Lehrkräfte sind weiblich, ein erheblicher Teil arbeitet in Teilzeit – nicht, weil sie nachmittags Yoga-Retreats planen, sondern weil sich Vollzeit in diesem System mit Familie, Gesundheit und Restwürde schwer vereinbaren lässt. In „Bildung neu denken“ beschreibe ich, wie Schule auf eine Lebensrealität trifft, in der Kinder in komplexen Familienkonstellationen, mit digitalen Dauerreizen, gesundheitlichen Problemen und teils völlig veränderten Alltagsstrukturen leben – und wie viel mehr emotionale und organisatorische Arbeit Lehrkräfte dadurch leisten müssen.

Teilzeit ist in diesem Kontext kein Wellnesspaket, sondern Selbstschutz. Aber statt diese strukturelle Überlastung einzugestehen, wird lieber das moralische Narrativ gedreht: „Wenn ihr nur alle Vollzeit arbeiten würdet, wäre das Problem gelöst.“ Das ist ungefähr so ehrlich, wie zu behaupten, das deutsche Schulsystem wäre mit noch mehr Arbeitsblättern automatisch digital.

Geschlechterverteilung: Wenn der Lehrkörper kippt

Ein System, in dem die Lehrerschaft überwiegend weiblich ist und männliche Vorbilder vor allem in Form von YouTubern, Influencern oder TikTok-Gurus auftreten, hat nicht nur ein Imageproblem, sondern ein pädagogisches. Es geht nicht darum, Frauen zu kritisieren – im Gegenteil, das System hängt an ihnen –, sondern darum, dass eine Schieflage nie folgenlos bleibt.

In meinem Buch beschreibe ich die Lehrkraft als „Herzstück des Bildungssystems“ und als Vermittler zwischen Kulturen, Geschlechtern und gesellschaftlichen Erwartungen. Wenn diese Rolle fast ausschließlich von einem Geschlecht getragen wird, während gesellschaftlich männliche Vorbilder zunehmend in extremen Rollenbildern (Fitness-Gurus, Hustle-Kings, Anti-„Woke“-Clowns) auftreten, entsteht ein gefährlicher Bruch zwischen Schule und Außenwelt.

Gleichzeitig werden männliche Grundschullehrer händeringend gefordert – dieselben, die man über Jahre konsequent aus dem Beruf geekelt hat, indem man den Lehrerberuf systematisch entwertet, mit Klischees von „faul“, „verbeamtet“ und „realitätsfern“ überzogen und jede ernsthafte Debatte über Status, Bezahlung und Arbeitsbedingungen wegmoderiert hat. Mehr Rollenvielfalt im Kollegium wäre pädagogisch Gold wert – aber Gold kostet, und da endet der Mut der Politik traditionell.

Politische Ignoranz und großkotzige Narrative

Die gesammelte Ignoranz der Bildungspolitik zeigt sich perfekt in der ritualisierten Empörung: „Wir müssen über Effizienz reden, über Digitalisierung, über Arbeitszeitmodelle.“ Über Ziele, Inhalte, Menschen – also über Bildung selbst – reden wir lieber nicht so viel, das wird nur kompliziert.

Und dann die politischen Kommentatoren – wie immer dieselben Namen, dieselben Narrative, dieselbe Inkompetenz. Ob es um Politik statt Fachkompetenz geht oder um die Personalien-Rochaden mit G’schmäckle: Es sind immer dieselben Stimmen, die ohne Fachkenntnis daherreden und mit ihrem eindimensionalen Weltbild komplexe Probleme plattwalzen. In „Misanthropie“ und „Faulheit“ habe ich schon beschrieben, wie diese selbstgerechte Oberflächlichkeit nicht nur nervt, sondern aktiv schadet.

In „Bildung neu denken“ stelle ich zuerst die Frage: Wer sind die Schüler von heute, was sollten sie wissen, wie sollte Wissen vermittelt werden, wer soll unterrichten und welche Rolle spielen Eltern? Die Politik dreht die Reihenfolge um: erst Struktur, dann Verwaltungslogik, dann Budget, dann irgendwann ein bisschen Didaktik – und ganz am Ende, wenn überhaupt, die Frage: „Hilft das irgendwem?“

Das Ergebnis sind „Reformen“, die vor allem auf dem Papier gut aussehen: digitale Endgeräte ohne Konzept, Inklusion ohne Ressourcen, Kompetenzorientierung ohne Verständnis, Arbeitszeiterfassung ohne Konsequenz. Man möchte fast sagen: Wenn man meinen analytischen Ansatz aus dem Buch absichtlich rückwärts implementiert, landet man ziemlich genau da, wo wir heute stehen. Genau darüber habe ich in „Missachtung eines Berufsstandes“ schon vor Jahren geschrieben – und nichts hat sich geändert.

Eltern, Erwartungen und die bequeme Schuldverschiebung

In meinem Kapitel über Eltern treffe ich einen wunden Punkt: Eltern als „Gestalter und Herausforderung im Bildungssystem“. Sie sind einerseits unverzichtbare Partner, andererseits zunehmend Treiber von Erwartungsdruck, Individualansprüchen und Projektionen.

Der Reflex „Die Lehrer sind schuld“ ist für viele einfach zu bequem: schlechte Noten, fehlende Motivation, Verhaltensprobleme – alles Indizien für unfähige Pädagogen, nie für ein überlastetes System oder schwierige häusliche Kontexte. Die Schule soll bitte alles richten: Erziehung, Medienkompetenz, Ernährung, psychische Auffälligkeiten, Bewegungsmangel, Sprachdefizite, soziale Integration – und natürlich Top-Bildungsabschlüsse liefern.

Ich beschreibe, wie Eltern zunehmend Schule als Allzwecklösung sehen und Verantwortung dorthin schieben, wo die niedrigste rechtliche Gegenwehr vermutet wird: beim Lehrer im Klassenraum. Gleichzeitig fehlt Lehrkräften rechtliche Absicherung, Rückendeckung durch Schulleitung und Politik sowie eine Kultur, die klare Grenzen anerkennt. Das macht den Beruf nicht nur anstrengend, sondern zunehmend unattraktiv – mit bekannten Folgen für Nachwuchs und Qualität.

Mein Buch als Kontrastprogramm zur Dumpfheitsdebatte

Bildung neu denken – Wie wir unsere Kinder fit für die Zukunft machen“ ist im Kern genau das Gegenstück zur aktuellen Lazy-Lehrer-Erzählung. Statt über Minutenzählen, Pseudo-Faulheit und Stammtischparolen zu palavern, frage ich systematisch:

  • Wer sind die Schüler von heute? – mit Blick auf Digitalisierung, Mediennutzung, Familienrealitäten, Gesundheit und Sprachwandel.
  • Was sollten sie wissen? – fernab von reinen Fakten, hin zu kritischem Denken, Kreativität, interdisziplinärem Verständnis und digitaler Kompetenz.
  • Wie sollte Wissen vermittelt werden? – aktiv, zielgruppenorientiert, mit Technologie als Werkzeug statt als Fetisch.
  • Wer soll unterrichten? – Lehrkräfte als Mentoren, Facilitatoren, Seismographen der Gesellschaft, nicht als austauschbare Stundenlieferanten.
  • Welche Rolle spielen Eltern? – als Mitverantwortliche, nicht als externe Kontrolleure mit Anwalt im Anschlag.

Damit stelle ich genau die Fragen, die in der öffentlichen Debatte konsequent umschifft werden, weil sie unangenehm sind. Es ist einfacher, vom „faulen Lehrer“ zu sprechen, als anzuerkennen, dass unser Bildungssystem mental noch im 20. Jahrhundert hängt, während die Schüler längst in einer KI-, Plattform- und Krisenwelt leben.

Wer nach diesem Artikel tiefer einsteigen will, findet auf 42thinking.de bereits eine kompakte Zusammenfassung meines Buchs – inklusive Verweis auf die ISBN und den gedruckten Band. Und für alle, die danach wirklich umdenken wollen: Der Shop-Link ist schnell geklickt – „Bildung neu denken“ bei Amazon.

Fazit: Nicht faul – überstrapaziert

Die Frage „Faule Lehrer – oder faules Bildungssystem?“ ist falsch gestellt. Wir haben ein System, das strukturell darauf angewiesen ist, dass Menschen mehr leisten, als irgendwo erfasst wird – und sie dann dafür auch noch öffentlich abgewatscht werden.

Mein Buch liefert die Blaupause für eine ehrliche, analytische Bestandsaufnahme und ein paar verdammt vernünftige Vorschläge, wie man aus diesem Schlamassel herauskommen könnte – vorausgesetzt, jemand in der Politik hätte den Mut, sich mit der Realität zu beschäftigen. Bis dahin bleibt uns nur, weiter klar zu benennen, was schiefläuft – und das Narrativ vom „faulen Lehrer“ dahin zu schicken, wo es hingehört: auf den Müllhaufen bequemer Ausreden.

Mehr Wut, mehr Analyse, mehr Kontext findest du auch in meinen eigenen Artikeln auf 42thinking.de – etwa zu Bildung neu denken: Zusammenfassung, GenZ: Perspektivlos und gedemütigt, Misanthropie und Missachtung eines Berufsstandes.

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