Manchmal habe ich das Gefühl, dass Inklusion zu einer Art moralischer Pflichtübung geworden ist – mit klaren Fronten, aber wenig Raum für Zwischentöne. Wer Zweifel anmeldet, gerät schnell in Verdacht, grundsätzlich gegen Gleichberechtigung zu sein. Doch genau da liegt das Problem: Zwischen dem Ideal und der Realität liegt ein weites Feld, und in diesem Feld entscheiden Details über Erfolg oder Scheitern.
Der berechtigte Idealismus
Ich teile den Gedanken von Raul Krauthausen vollkommen: Eine inklusive Gesellschaft ist kein politisches Nice-to-have, sondern ein Maßstab für Zivilisation. Jedes Kind hat das Recht, gemeinsam mit anderen zu lernen und zu leben. Nur – Rechte garantieren noch keine Rahmenbedingungen. Inklusion braucht mehr als einen Grundsatzbeschluss. Sie braucht Strukturen, Ressourcen und ein ehrliches Nachdenken darüber, was pädagogisch funktioniert und was nicht.
Das Wort Inklusion klingt politisch warm – aber organisatorisch ist es ein arktisches Terrain. Zwischen idealistischem Anspruch und kaltem Schulrealismus spannt sich ein Spannungsfeld, in dem Lehrer, Kinder und Eltern oft allein gelassen werden.
Die UN-BRK und das Halbwissen
Ein Teil des Problems liegt auch darin, wie über Inklusion öffentlich gesprochen wird. Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ist in Deutschland seit 2009 geltendes Recht – aber ihr tatsächlicher Inhalt ist in der Gesellschaft kaum bekannt. Was in den sozialen Medien oder Talkshows kursiert, ist meist ein mediales Halbwissen: gut gemeint, aber faktisch zu stark vereinfacht und verkürzt. Diese Verkürzungen führen zu Missverständnissen – und manchmal zu lautstarken Forderungen nach „vollständiger schulischer Inklusion“, ohne dass klar wäre, was das praktisch bedeutet.
Wer die UN-BRK liest, erkennt: Sie fordert Gleichberechtigung und Teilhabe, aber sie schreibt nicht vor, dass jedes Kind zwangsläufig in jeder Situation am gleichen Ort lernen muss. Die Konvention verpflichtet Staaten, inklusive Strukturen zu schaffen – nicht, pädagogische Differenzierung abzuschaffen. Der Unterschied ist zentral. Inklusion ist ein Prozess, kein Dogma.
Vier Realitäten im Schulalltag
Wer Inklusion ernst meint, darf nicht so tun, als seien alle Bedürfnisse gleich. Der Unterschied zwischen einer physischen Behinderung und einer neurodivergenten Wahrnehmung ist kein „pädagogisches Detail“, sondern eine völlig andere Welt.
- Physische Einschränkungen: Hier geht es um Barrierefreiheit, nicht um Didaktik. Rollstuhlgerechte Zugänge, Aufzüge, passende Toiletten – das lässt sich baulich, teilweise auch personell lösen. Organisatorisch anspruchsvoll, ja, aber nicht unmöglich. Diese Form der Inklusion ist längst überfällig, und oft scheitert sie nicht am Wollen, sondern am Haushaltstitel.
- Sensorische Besonderheiten: Ein blinder Schüler in einer Klasse, die vor allem visuell unterrichtet wird, braucht mehr als guten Willen. Er braucht Materialien, Geräte, Spezialisten, vielleicht sogar Mitschüler, die geschult sind, Unterstützung selbstverständlich zu leisten. Hören, Sehen, Wahrnehmen – das sind nicht nur Sinne, das sind unsichtbare Lehrmittel. Ohne sie wird Teilhabe zur Fiktion.
- Kognitive Unterschiede: Hier zeigt sich das Dilemma besonders brutal. Wer kognitiv schwächer ist, profitiert sozial oft von Inklusion – aber fachlich droht Überforderung. Umgekehrt erleben Hochbegabte im Regelsystem eine unsichtbare Exklusion: Langeweile, sozialer Druck, Anpassungszwang. In beiden Fällen braucht es Förderlogiken, die weit über Gleichmacherei hinausgehen.
- Neurodivergenz: Das komplexeste Terrain. Kinder mit Autismus, ADHS oder anderen neurologischen Besonderheiten reagieren nicht auf einheitliche Rezepte. Für sie kann das „inklusive Klassenzimmer“ zum Lebenslabor werden – oder zum emotionalen Minenfeld. Erfolg hängt hier weniger vom System als von Empathie, Flexibilität und personeller Begleitung ab.
Förderschulen – das ungeliebte Paralleluniversum
Die Förderschule hat im öffentlichen Diskurs ein Imageproblem. Zu oft wird sie als Relikt vergangener Zeiten abgetan – als Ort des Wegsperrens. Gleiches Thema kennen wir von Psychiatrien: den geschlossenen Abteilungen, in denen Menschen jahrzehntelang als „unheilbar“ galten, medikamentös ruhiggestellt oder – noch perfider – mit Elektroschocks behandelt wurden. Die heutigen Einrichtungen tragen noch immer die Schatten dieser Geschichte mit sich, obwohl sich ihre Konzepte, ihr Ethos und ihre Methoden grundlegend verändert haben. Und genauso verhält es sich mit den Förderschulen, den ehemaligen Sonderschulen.
Wer einmal gesehen hat, was spezialisierte Teams dort tatsächlich leisten, erkennt, dass Förderschulen nicht das Gegenteil von Inklusion sind, sondern deren Spektrum deutlich erweitern. Der Sohn einer Förderschulleiterin zu sein, lehrt Demut: Hier arbeiten Menschen mit großer Expertise, Geduld und hochspezialisiertem Wissen um die feinen Nuancen kindlicher Entwicklung. Es sind oft stille Helden eines Systems, das ihre Arbeit weder finanziell noch gesellschaftlich richtig würdigt – und das ihnen gleichzeitig den Vorwurf der Segregation anhängt.
Das Entscheidende ist die Durchlässigkeit: Kein System darf zur Einbahnstraße werden. Wenn ein Kind temporär in einer spezialisierten Umgebung besser gefördert wird – warum sollte das als Scheitern gelten? Inklusion bedeutet Teilhabe am Leben, nicht zwangsläufig im selben Klassenzimmer.
Inklusion als Sparkonzept – ein grober Denkfehler
Was in der politischen Praxis passiert, ist oft das Gegenteil der eigentlichen Idee. Inklusion wird als kostengünstigere Alternative zu Förderschulen verkauft – ein „modernes“ Mittel, um parallel Strukturen abzubauen. Das ist, bei allem Respekt, ein grober Denkfehler. Echte Inklusion kostet Geld. Viel Geld. Und wer das Gegenteil behauptet, verwechselt Idealismus mit Bilanzrecht.
Eine funktionierende inklusive Schule braucht kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte, unterstützende (Sonder-)Pädagogen, Schulpsychologen, Integrationshelfer, Zeit für kollegiale Beratung – und manchmal einfach Bagger und Beton für eine Rampe oder den Fahrstuhl. Strukturen kosten, aber Nicht-Strukturen kosten langfristig mehr: in Frustration, in Bildungsarmut, in verlorenen Lebenswegen.
Wie ich schon in „Misanthropie“ geschrieben habe: Der wahre Zynismus liegt nicht im Zweifel an Inklusion, sondern im politischen Wunsch, sie als Sparprogramm zu retten. Eine humanistische Idee wird ökonomisch zurechtgestutzt, bis sie klingt, als sei sie erfüllt, während sie in Wahrheit ausgehöhlt wird. Wenn Inklusion gelingen soll, muss sie teuer sein dürfen.
Die Schere zwischen Moral und Machbarkeit
Politisch klingt Inklusion simpel: Alle Kinder lernen gemeinsam. Pädagogisch ist sie ein Hochseilakt ohne Netz und doppelten Boden. Es geht um Personal, Diagnostik, Budgets, Klassengrößen. Deutschland versucht, ein Jahrhundertideal mit 1970er-Schulstrukturen umzusetzen. Das Ergebnis ist oft ein „Inklusion Light“ – moralisch aufgeladen, praktisch überfordert.

Viele Lehrkräfte kämpfen nicht gegen Inklusion, sondern gegen ihre Form. Wenn ein Lehrer 28 Kinder unterrichtet – darunter ein autistisches, ein leicht geistig behindertes und drei mit unerkannter Lese-Rechtschreib-Schwäche – dann ist nicht Inklusion das Problem, sondern die Illusion, man könne das ohne Unterstützung leisten. Ein Herz aus Gold reicht da nicht. Man braucht Hände, Köpfe, Zeit und Räume. Beleidigungen der Lehrer als faul, sind da wenig hilfreich!
Inklusion als Sowohl-als-auch
Vielleicht müssen wir das Thema neu rahmen: Inklusion ist kein moralischer Imperativ, sondern eine pädagogische Kunst. Sie erfordert Differenzierung, nicht Gleichschaltung. Und sie darf Förderschulen nicht dämonisieren, sondern als Partner verstehen. Es geht darum, Wege offenzuhalten – zwischen Systemen, Schularten, Lebenswelten.
Ein echtes inklusives System wäre eines, in dem jedes Kind genau das Umfeld bekommt, das ihm zu bestmöglicher Entwicklung verhilft, jenseit von Ego der Eltern oder Vorurteilen der Gesellschaft. Manchmal ist das die Regelschule mit Assistenz. Manchmal die Förderschule mit offener Tür. Und manchmal ein ganz neuer Ort, den es erst zu denken gilt.
Das größere Bild
Inklusion ist ein Spiegel gesellschaftlicher Haltung: Sehen wir Unterschiedlichkeit als Problem oder als Potenzial? Wenn wir ehrlich sind, schwanken wir kollektiv zwischen beiden Polen. Doch vielleicht liegt die Zukunft in einem dritten Weg – einem lernenden System, das Diversität nicht verwaltet, sondern versteht.
Vielleicht beginnt Inklusion weniger im Klassenzimmer als im Kopf. Im Kopf der Eltern, der Lehrer, der Entscheidungsträger. Und ja – auch in meinem eigenen.
Weiterlesen: Inklusion im Klassenzimmer – ein Vater, kein Pädagoge

