Dieser Artikel ist Teil einer losen Reihe über europäische Selbstzerstörungsphantasien und die unwahrscheinliche Hoffnung, dass wir irgendwann aufhören, uns dabei zuzuschauen. Wer den Vorgängerartikel noch nicht gelesen hat: Marktmacht Deutschland – Selbstmitleid oder blinder Fleck? — bitte nachholen. Das hier setzt da fort, wo das Jammern aufhört. Oder aufhören sollte. Theoretisch. Weg vom Phlegma der Bequemlichkeit!
Phlegma der Bequemlichkeit – oder: Wie Mangel plötzlich zur Kreativagentur wird
Es gibt eine besonders angenehme Art, den eigenen Untergang zu organisieren: Man lehnt sich zurück, bestellt sich noch einen Oat-Milk-Latte und wartet darauf, dass irgendjemand anderes das Problem löst. Vorzugsweise die USA. Oder China. Oder wenigstens Brüssel, obwohl man Brüssel eigentlich für inkompetent hält, was aber die Erwartungshaltung nicht mindert, sondern seltsamerweise steigert. Das nennt man Phlegma der Bequemlichkeit – und Europa hat es zur Hochkultur erhoben.
Dabei wäre die Ausgangslage eigentlich ideal für das Gegenteil. Denn Kreativität entsteht nicht aus Überfluss. Sie entsteht aus Not. Aus Engpässen. Aus der Situation, in der die komfortable Lösung wegfällt und man sich plötzlich fragt: Und jetzt? Und genau dort stehen wir gerade – ob wir wollen oder nicht.
KI-Modelle werden uns vorenthalten. Trump bestraft uns mit Zöllen, die zunehmend wie wirtschaftliche Kriegsführung aussehen. Seltene Erden aus China? Kommt drauf an, wie das Wetter in den bilateralen Beziehungen gerade ist. Helium wird knapper. Halbleiter kommen, wenn sie überhaupt kommen, mit einer Wartezeit, die an Ikea-Küchen erinnert – nur ohne den emotionalen Schadensersatz. Und Europa? Europa diskutiert derweil, ob die Verpackungsverordnung für Einwegplastik noch granularer reguliert werden müsste.
Schön. Dann fangen wir mal an.
Der Mangel als Mutter der Erfindung – und die DDR als unfreiwilliges Lehrstück
Es gibt eine Gesellschaft, die man in diesem Zusammenhang eigentlich nie als Vorbild zitiert. Zu Recht, was das politische System betrifft. Aber in einer sehr spezifischen Disziplin war die DDR schlicht Weltmeister: im Improvisieren unter Bedingungen, die eigentlich keine Lösung erlauben.
Kein Ersatzteil für die Waschmaschine? Kein Problem, da war doch dieses Zahnrad aus dem alten Trabbi. Kein Lösungsmittel für den Werkstattboden? Man hat sich beholfen. Kein Westen-Chip für die Steuereinheit? Man hat die Steuereinheit neu gedacht. Natürlich hat das System dabei gigantische Mengen menschlicher Energie verschwendet, die in einem funktionierenden Markt anderswo investiert worden wären. Aber die Grundfähigkeit – Ressourcenknappheit als Designprinzip zu akzeptieren und trotzdem zu liefern – die saß. Tief.
Wir stehen heute vor einer strukturell ähnlichen Situation, nur ohne Mauer und mit besseren Kaffeemaschinen. Die Frage ist, ob wir die Lektion lernen wollen. Oder ob wir warten, bis jemand sie uns auf einer PowerPoint-Folie erklärt, idealerweise auf einer Konferenz mit Catering-Budget.
Wie ich bereits in meinem Artikel zu Industrialisierung 4.0 und dem Reiz des Mangels beschrieben habe: Es ist kein Zufall, dass die interessantesten Innovationen oft dort entstehen, wo der Mangel am größten ist. Nicht im Überfluss. Im Engpass.
KI-Abhängigkeit: Das Luxusproblem mit Ansage
Reden wir kurz über das Thema, das alle beschäftigt, das aber gleichzeitig mit einer bemerkenswerten Mischung aus Panik und Passivität behandelt wird: Künstliche Intelligenz.
Europa bekommt die fortschrittlichsten KI-Modelle entweder zeitverzögert, in abgespeckten Exportversionen oder gar nicht – je nachdem, wie gerade die außenpolitische Temperatur zwischen Washington und Brüssel ist. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Exportkontrollpolitik. Die EU-Kommission hat das erkannt und mit dem KI-Kontinent-Aktionsplan reagiert – 200 Milliarden Euro Investitionen, fünf Kernbereiche, viel Paper. Gut. Schön. Aber was passiert in der Zwischenzeit?
Und bevor jetzt wieder der große Aufschrei kommt: Es wurde nicht Claude gesperrt. Es wurde ein Modell gesperrt. In 99,9 Prozent der realen Anwendungsfälle dürften die übrigen verfügbaren Modelle vollkommen ausreichen – und wer das bezweifelt, hat vermutlich noch nie ernsthaft mit mehr als einem davon gearbeitet. Die Panik ist also, mit Verlaub, etwas aufgeblasen. Was wirklich fehlt, ist nicht das eine gesperrte Modell. Was fehlt, ist die Bereitschaft, das verfügbare Werkzeug zu nehmen und damit loszulegen. Und wer dann noch einen Schritt weiter denkt – und das ist die eigentlich interessante Pointe –, der baut sich mit genau diesen Tools seine eigenen Lösungen. Maßgeschneidert. Unabhängig. Nicht auf Gedeih und Verderb einer einzigen Plattform ausgeliefert. Das ist keine Utopie. Das ist Softwareentwicklung. Das machen andere schon. Warum nicht wir?
In der Zwischenzeit könnte man – und das ist der radikale Vorschlag, für den man hier eigentlich keine 200 Milliarden Euro braucht – anfangen. Einfach anfangen. Mit dem, was da ist. Mit offenen Modellen. Mit europäischen Alternativen wie Aleph Alpha oder Mistral, die zeigen, dass KI-Entwicklung nicht zwingend in San Francisco oder Peking stattfinden muss. Mit Lösungen, die 80 Prozent der Anforderungen erfüllen, statt auf die 100-Prozent-Lösung zu warten, die entweder nie kommt oder mit Lizenzbedingungen belastet ist, die man besser nicht zu genau liest.
80-Prozent-Lösungen, die funktionieren, sind unendlich besser als 0-Prozent-Lösungen, die perfekt dokumentiert sind. Das ist keine Philosophie. Das ist Pragmatismus. Und digitale Abhängigkeit ist kein Schicksal – sie ist eine Entscheidung, die man auch anders treffen kann.
Zölle, Chips, Helium: Die Verknappung als Innovationsmotor
Trump-Zölle auf Stahl und Halbleiter. Engpässe bei seltenen Erden. Heliumvorräte, die sich auf einem Niveau befinden, das Physiker nervös macht. Das klingt nach Katastrophe. Und ja, es ist unangenehm. Aber lassen Sie uns kurz nachdenken, was in der Technikgeschichte regelmäßig passiert, wenn bestimmte Ressourcen knapp oder teuer werden.
Als Öl in den 1970ern teuer wurde, explodierte die Forschung an Verbrennungseffizienz und alternativen Antrieben. Als Speicherplatz noch Gold wert war, wurden Kompressionstechnologien erfunden, die heute die gesamte Streaming-Industrie tragen. Als bestimmte Materialien in der Raumfahrt schlicht nicht verfügbar waren, entstanden Materialwissenschaften, die heute in jedem Smartphone stecken.
Knappheit ist der härteste Produktmanager, den es gibt. Er akzeptiert keine Ausreden und verschiebt keine Deadlines. Er sagt: Löst das Problem mit dem, was ihr habt. Oder ihr habt kein Produkt.
Und auch Energie ist ein knappes Gut – zunehmend, strukturell, absehbar. Wer das noch bezweifelt, darf gerne die nächste Stromrechnung als Argument nehmen. Aber genau hier liegt eine Chance, die so offensichtlich ist, dass man sie schon fast wieder übersehen kann: Wir können drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Die Verknappung fossiler und atomarer Ressourcen zwingt uns zur Unabhängigkeit von genau diesen Ressourcen – wenn wir es zulassen. Sie zwingt uns, endlich zügig eine tragfähige Energieinfrastruktur aufzubauen: Solar, Wind, Speicher, Netze. Nicht als Klimaschutzprojekt, das man politisch verteidigen muss, sondern als handfeste wirtschaftliche Notwendigkeit. Und als positiver Nebeneffekt – fast schon unverschämt einfach – schützen wir dabei automatisch die Umwelt. Nicht weil wir so tugendhaft sind, sondern weil es sich rechnet. Das ist der Unterschied zwischen Ideologie und Pragmatismus. Beides führt hier zum selben Ergebnis. Nehmen wir es.
Der Unterschied zwischen Europa 2026 und Europa 1976 ist nicht der Mangel. Der Unterschied ist die Option, den Mangel einfach zu ignorieren, weil man noch immer genug hat, um sich nicht wirklich zu strecken. Das wird sich ändern. Die Frage ist, ob wir auf diese Änderung warten oder sie antizipieren.
Die Regierung in Berlin und Brüssel: Bitte kurz aufrecht hinsetzen
Es wäre unvollständig, an dieser Stelle nicht zu erwähnen, dass ein erheblicher Teil des europäischen Phlegmas institutioneller Natur ist. Es gibt Bürokratien, die Gesetze produzieren wie andere Länder Autos – in industrieller Menge, mit immer weniger Rücksicht darauf, ob das Endprodukt irgendjemandem nützt.
Die EU hat in den letzten Jahren mit dem Digital Markets Act und dem Digital Services Act echte regulatorische Muskeln gezeigt. Das ist gut. Aber gleichzeitig schafft sie mit dem AI Act ein Regelwerk, das so komplex ist, dass kleine Unternehmen es schlicht nicht umsetzen können und große amerikanische Player mit ganzen Compliance-Abteilungen entspannt durch die Lücken spazieren. Das ist keine Absicht. Das ist das übliche Resultat, wenn Menschen, die noch nie ein Startup gegründet haben, Regeln für Menschen schreiben, die das getan haben.
Was wir brauchen, ist nicht mehr Regulierung. Und auch nicht weniger Regulierung. Wir brauchen klügere Regulierung – und vor allem: schnellere Entscheidungen. Die Welt wartet nicht auf den nächsten Trilog. Und wie ich das bereits in meinem Beitrag zu Deutschlands blinden Flecken ausgeführt habe: Wir sind stärker, als wir glauben. Wir verhalten uns nur konsequent so, als wären wir es nicht.
Also: Bitte kurz aufrecht hinsetzen, Berlin. Und Brüssel: Du auch.
Das hemdsärmelige Manifest: Gut genug ist gut genug
Hier kommt der Teil, bei dem sich einige unwohl fühlen werden. Der Teil, in dem man sagt: Es darf unvollkommen sein. Es darf hemdsärmelig sein. Es darf nach dem ersten Anlauf schief aussehen.
Das deutsche Streben nach Perfektion ist kulturell tief verwurzelt und in bestimmten Kontexten absolut gerechtfertigt. Niemand will, dass seine Bremsanlage nach dem 80-Prozent-Prinzip entwickelt wurde. Aber wenn es darum geht, eine neue KI-Anwendung zu bauen, ein Start-up zu gründen, einen afrikanischen Softwareentwickler zu rekrutieren oder eine kreative Lösung für einen Lieferengpass zu finden – dann ist Perfektion der Feind des Fortschritts.
Das Silicon Valley hat das verstanden. Nicht weil die Menschen dort klüger wären. Sondern weil dort die kulturelle Akzeptanz dafür existiert, etwas Unfertiges in die Welt zu setzen, es scheitern zu sehen, und aus dem Scheitern zu lernen. In Deutschland gibt man dafür seinen guten Ruf auf. In Palo Alto bekommt man dafür die nächste Finanzierungsrunde.
Wir müssen nicht alles kopieren. Aber das Prinzip, dass eine funktionierende 80-Prozent-Lösung von heute besser ist als eine perfekte 100-Prozent-Lösung von übermorgen – das wäre einen Import wert. KI-Systeme selbst arbeiten nach diesem Prinzip: Sie generieren, iterieren, verfeinern. Kein einziges Mal warten sie auf vollständige Information, bevor sie einen Vorschlag machen.
Europa hat die Köpfe. Es braucht nur den Arsch hochzukriegen.
Ein Kontinent mit 450 Millionen Menschen, der über mehr wissenschaftliche Institutionen verfügt als jeder andere Wirtschaftsraum der Welt, der Ingenieure, Mathematiker, Designer und Handwerker in einer Dichte hat, die selbst Länder mit dreifacher Bevölkerungszahl nicht erreichen – dieser Kontinent faselt davon, von China und den USA abhängig zu sein, als wäre das ein unveränderliches Naturgesetz.
Es ist keines.
Europa hat Mistral. Es hat Aleph Alpha. Es hat das CERN, das größte wissenschaftliche Kooperationsprojekt der Menschheitsgeschichte, und Forscher, die betonen, dass eine CERN-ähnliche Struktur für KI europäische Souveränität aufbauen könnte. Es hat eine Industrietradition, die Präzisionstechnik auf einem Niveau produziert, das kein anderer Wirtschaftsraum replizieren kann. Es hat ein Bildungssystem, das – bei allem berechtigten Gemecker – immer noch Ingenieure hervorbringt, die in der Lage sind, Probleme zu lösen, für die andere erst die Problemstellung suchen müssen.
Wir haben das alles. Wir nutzen es nur nicht. Oder wir nutzen es zu langsam, zu zögerlich, zu sehr auf Absicherung bedacht.
Afrika: Das ignorierte Kapital
Und jetzt der Teil, der wirklich unbequem wird. Weil er über Europa hinausgeht.
Wenn ein ganzer Kontinent – sagen wir, Europa – es nicht schafft, sich allein aufzurappeln: Wo sucht man dann Verbündete? Die naheliegende Antwort wäre Amerika oder Asien. Aber vielleicht ist die interessantere Antwort: Afrika.
Afrika wird in europäischen Debatten über Technologie, Innovation und wirtschaftliche Zusammenarbeit auf eine Weise behandelt, die man nur als strukturelles Ignorieren bezeichnen kann. Der Kontinent taucht auf als Herkunftsort von Migrationsbewegungen, als Empfänger von Entwicklungshilfe, als Rohstofflieferant oder als humanitäre Krisenmeldung. Was er nicht ist – in dieser Wahrnehmung – ist ein Raum voller kluger, kreativer, ambitionierter Menschen, die unter anderen Bedingungen dieselben Probleme lösen würden wie ihre europäischen Kollegen. Nur manchmal schneller, weil sie keine andere Wahl haben.
Das ist falsch. Nicht nur moralisch. Auch strategisch.
Afrika hat bis 2050 die größte Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter weltweit. Es hat Universitäten, die unter massiven Ressourcenbeschränkungen bemerkenswerte Forschung produzieren. Es hat Technologieökosysteme in Lagos, Nairobi, Kigali und Kairo, die mit Problemen arbeiten, für die es in Europa noch nicht einmal Namen gibt. Mobile-first-Lösungen, die ohne Festnetzinfrastruktur funktionieren. Fintech-Ansätze, die Menschen ohne Bankkonto in die digitale Wirtschaft integrieren. Gesundheitstechnologie, die mit einem Bruchteil der Mittel eines deutschen Krankenhauses auskommt.
Das ist Innovationsdruck durch Mangel. Das ist genau das Prinzip, über das wir weiter oben geredet haben – nur konsequent gelebt, aus Notwendigkeit, jeden Tag.
Europa behandelt afrikanisches Humankapital als Fluchtursache, die zu bekämpfen ist, statt als intellektuelle Ressource, die es zu vernetzen gilt. Das ist nicht nur eine verpasste Chance. Es ist eine aktiv schlechte Entscheidung. Die Frage, wer die nächste Generation technischer Probleme lösen wird, hängt unmittelbar damit zusammen, wer in zehn Jahren die klügsten Köpfe beschäftigt. Wer sagt, dass das Silicon Valley sein muss? Oder Shanghai? Es könnte genauso gut eine Partnerschaft zwischen Stuttgart und Nairobi sein. Oder Toulouse und Lagos. Oder irgendeiner dieser Kombinationen, die bisher niemand ernsthaft verfolgt, weil sie zu weit weg von der Komfortzone liegen.
Intelligenz ist keine geografische Eigenschaft. Sie ist gleichmäßig verteilt – über Kontinente, Kulturen und Einkommensniveaus. Was ungleich verteilt ist, sind Chancen, Netzwerke und die Bereitschaft, jemandem zu begegnen, dem man sie normalerweise nicht zutraut.
Der Plan: Kein Plan, aber eine Richtung
Was folgt daraus? Kein 50-Punkte-Strategiepapier. Kein Aktionsplan mit Zieljahren, Budgetlinien und Verantwortungsmatrix. Sondern eine Haltung. Drei Grundsätze, hemdsärmelig formuliert:
Erstens: Anfangen. Nicht warten, bis der Chip-Engpass beendet ist, die KI-Regulierung steht und der nächste Konjunkturaufschwung die Kassen füllt. Anfangen mit dem, was da ist. Mit offenen KI-Modellen, mit lokalen Rechenzentren, mit dem Ingenieur, der schon weiß, wie man das löst, aber noch keiner gefragt hat.
Zweitens: Imperfekte Lösungen akzeptieren. 80 Prozent, die heute laufen, schlagen 100 Prozent, die nächstes Jahr vielleicht fertig sind. Wer das internalisiert hat, ist innovationsfähig. Wer es nicht internalisiert hat, schreibt weiter Konzepte für Konzepte.
Drittens: Den Radius erweitern. Europa allein reicht nicht. Nicht weil Europa schwach ist – das Gegenteil ist, wie ich hier und anderswo gezeigt habe, der Fall. Sondern weil die Herausforderungen größer sind als ein Kontinent. Wer die klügsten Köpfe Afrikas ignoriert, verschenkt freiwillig den entscheidenden Wettbewerbsvorteil der nächsten Dekade.
Knappe Ressource Zeit: Hört auf zu reden, fangt an zu liefern
Und dann ist da noch die knappste Ressource von allen – eine, die sich nicht aus dem Boden buddeln, nicht synthetisieren und nicht importieren lässt: Zeit. Jede Stunde, die in Koalitionsgerangel, Ministeriumsabstimmungen, Lobbyistengesprächen und Pressekonferenzen über Pressekonferenzen versinkt, ist weg. Unwiederbringlich. Und der Rest der Welt wartet währenddessen nicht höflich, bis Berlin und Brüssel sich geeinigt haben, wer welches Referat leitet.
Also: Fangt an, konstruktiv zu arbeiten. Nicht morgen. Nicht nach der nächsten Wahl. Jetzt. Hört auf, Zeit mit Personaldebatten zu verplempern, bei denen es in Wirklichkeit um Eitelkeiten geht, und mit Polit-Spielchen, bei denen es in Wirklichkeit um Machterhalt geht. Beides hat mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun und kostet uns Monate, die wir nicht haben.
Nutzt die klugen Köpfe, die bereits da sind – in Universitäten, Forschungsinstituten, Ingenieurbüros, Start-ups. Menschen, die Lösungen kennen, aber nicht gefragt werden, weil sie keinen Parteiausweis haben und kein Netzwerk pflegen. Und verbannt im Gegenzug die Narzissten, Schwätzer und Lobbyisten aus den Debatten – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihre Anwesenheit den Raum für konstruktive Arbeit systematisch verdrängt. Wer hauptsächlich redet, um gehört zu werden, ist in einer Arbeitsrunde falsch. Der hat einen Podcast dafür.
Berücksichtigt Praktikabilität als Pflichtkriterium für jedes Gesetz, jede Verordnung, jeden Paragraphen. Missverständlichkeiten in Rechtstexten sind kein Versehen – sie sind ein Einladungsschreiben für jahrelange Rechtsstreitigkeiten, die wiederum Zeit kosten, Geld kosten und nichts lösen. Juristengeschwafel mag akademisch elegant sein. Es hilft niemandem, der versucht, ein Unternehmen zu gründen, eine Technologie einzusetzen oder eine Infrastruktur aufzubauen. Klare Sprache ist kein Qualitätsverlust. Sie ist Respekt vor denen, die die Gesetze anwenden müssen.
Und für die Debatten selbst: klarere Regeln. Wer spricht, muss belegen. Wer behauptet, muss begründen. Wer widerspricht, muss argumentieren – nicht lautstärker werden. Dafür gibt es bereits einen Ansatz, den ich hier nicht zum ersten Mal empfehle: Wahrheitsindex – Wie man Debatten wieder ehrlich macht. Wer glaubt, das sei weltfremd, hat offensichtlich noch nie erlebt, was passiert, wenn man Diskussionen tatsächlich an Fakten knüpft. Es ist unbequem. Genau deshalb funktioniert es.
Aus der Not eine Tugend – und dann eine Strategie
Wenn wir schon gezwungen sind, mit weniger auszukommen, dann wenigstens mit Verstand. Denn der eigentliche Vorteil des Spätstarters ist nicht, dass er aufholt. Es ist, dass er die Fehler der anderen bereits kennt – und sie nicht wiederholen muss.
Nutzen wir also, was wir haben: Beobachtung und Erfahrung. Europa schaut seit Jahren zu, wie Tech-Konzerne ihre Systeme in die Welt werfen, skalieren, scheitern, patchen und drei Jahre später als Erfolgsgeschichte vermarkten. Wir haben die Lernkurve anderer live mitverfolgt – komplett, inklusive der peinlichen Zwischenfälle. Das ist kein Nachteil. Das ist Marktforschung. Kostenlos. Ungefragt. Und absolut verwertbar, wenn man endlich anfängt, die eigenen Tools damit besser zu gestalten statt nur zu kommentieren.
Nutzen wir die Chance, Regularien zu schaffen, die tatsächlich etwas bewirken – nicht Regulierung als Selbstzweck, nicht den AI Act als Bürokratiemonument, sondern gezielte Regeln, die erkannte Probleme verringern oder beseitigen. Datenmissbrauch. Intransparente Trainingsdaten. Marktmachtkonzentration bei drei amerikanischen Hyperscalern. Das sind lösbare Probleme, wenn man sie als solche behandelt und nicht als Anlass für den nächsten Konsultationsprozess.
Und dann: Optimieren wir rechtzeitig. Überspringen wir die Lernphasen, die andere teuer bezahlt haben. Wir müssen nicht selbst herausfinden, dass ein ungefesseltes Empfehlungssystem Radikalisierung befeuert – das wissen wir bereits. Wir müssen nicht selbst erleben, dass KI-generierte Inhalte ohne Kennzeichnung das Vertrauen in Medien untergräbt – das läuft gerade vor unseren Augen. Der Leapfrog-Effekt, den man Afrika gerne attestiert – Festnetz überspringen, direkt zu Mobile – den können wir auf die KI-Entwicklung anwenden. Wenn wir wollen.
Legen wir ethische und ökologische Prinzipien als Grundlage fest – nicht als Feigenblatt im Anhang eines Strategiepapiers, sondern als echte Designbedingung. Welche Daten darf ein System verwenden? Wie viel Energie darf ein Inferenz-Job kosten? Wann ist ein automatisiertes Ergebnis ohne menschliche Überprüfung zulässig – und wann nicht? Das sind keine philosophischen Fragen. Das sind Ingenieursfragen. Und Ingenieure lieben gut definierte Randbedingungen.
Und schließlich – und das ist der Punkt, der am meisten unbehagen erzeugt, weil er impliziert, dass wir uns irren könnten: Schaffen wir Trennbarkeit zwischen Systemen. Schaffen wir den Kill-Switch. Nicht als Science-Fiction-Gimmick, sondern als ernsthaftes Architekturprinzip. Systeme, die sich nicht abschalten lassen, sind keine Werkzeuge – sie sind Abhängigkeiten. Und Abhängigkeiten von Systemen, die wir nicht vollständig verstehen, sind in dem Moment gefährlich, in dem sie uns über den Kopf wachsen. Das kann passieren. Die Frage ist nicht ob, sondern wann – und ob wir dann noch den Stecker ziehen können. Wer das heute in seine Systemarchitektur einbaut, hat morgen eine Option. Wer es nicht tut, hat ein Problem. Möglicherweise ein sehr großes. Dazu habe ich bereits etwas geschrieben: Kill Switch – Wenn die Hand am Stecker das Letzte ist, was uns bleibt.
Und jetzt?
Wir sind gut. Wir sind besser, als wir denken. Wir haben mehr, als wir glauben. Und wir haben Partner, die wir noch nicht einmal gesucht haben, weil wir damit beschäftigt waren, uns selbst beim Jammern zuzuhören.
Das kann sich ändern. Es erfordert keine Revolution. Es erfordert nur, dass man aufhört, auf die perfekte Lösung zu warten, und stattdessen die verfügbare nimmt. Dass man aufhört, Berlin und Brüssel um Erlaubnis zu fragen, und einfach loslegt. Dass man aufhört, afrikanische Ingenieure als Flüchtlinge zu kategorisieren, und anfängt, sie als das zu sehen, was sie sind: Menschen mit Ideen, Fähigkeiten und einer Frustrationstoleranz für Mangelbedingungen, die viele europäische Entwicklerteams in einer Woche zusammenbrechen ließe.
Kreativität wird aus Not geboren. Wir haben gerade reichlich Not. Die Frage ist nur, ob wir das als Katastrophe verwalten oder als Startbedingung nutzen.
Ich weiß, was ich bevorzuge.
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